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Politik

Indien Kompakt

Land und Leute: Wo liegt Indien? Wie viele Einwohner hat das Land? Und: Wer sind eigentlich die dalit? Hier die Antworten.

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Indiens Nationaltier - genützt hat es dem Tiger wenig

In Indien gibt es zu jedem "Ja" auch ein "Aber". Da ist zum Beispiel Indiens Nationaltier, der Bengali-Tiger. Für Inder eigentlich ein heiliges Tier. Aber. Vom Aussterben ist er trotzdem bedroht, denn sein Fell bringt Geld - heilig hin oder her. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, denn das mit Abstand größte Land Südasiens ist vor allem eins: ein Land voller Widersprüche.

Bald sind die meisten Menschen Inder

Karte Indien Neu Delhi Nagpur

Sechs Nachbarn - und wenig Platz für viele Menschen

Indien teilt sich mit sechs Ländern eine gemeinsame Grenze: Pakistan, China, Nepal, Bhutan, Myanmar und Bangladesch. Heute leben 1,2 Milliarden Menschen in Indien - jeder sechste Bewohner unseres Planeten. Mit seinen 3,3 Millionen Quadratkilometern ist Indien dreimal kleiner als China. Aber. Wenn seine Bevölkerung so schnell weiter wächst wie bisher, dann wird es China bis Mitte des 21. Jahrhunderts anderweitig überholt haben - dann wird Indien das Land mit den meisten Einwohnern sein. Und das, obwohl es 1956 als erstes Land der Welt ein Ministerium für Familienplanung eingerichtet hat, um die Geburtenrate zu senken. Der Erfolg war mäßig. Dass das jährliche Bevölkerungswachstum trotzdem von 4 auf 1,4% gesunken ist, liegt nicht an der Aufklärungskampagne - sondern an der Bildungslust der Inder.

Die Zwei-Klassen-Schulen

Schüler in Indien

Indiens staatliche Grundschulen - wer es sich leisten kann, meidet sie.

Indische Eltern sind bereit, einen großen Teil ihres Einkommens in die Bildung ihrer Kinder zu stecken. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine Privatschule. Immer noch sind 35% aller Erwachsenen Analphabeten. Die Kinder sollen es besser haben. Auch der Staat investiert in die Bildung. Aber Indien wäre nicht Indien, gäbe es kein "aber". Viel Geld fließt in Elitehochschulen. Staatliche Grundschulen hingegen dümpeln vor sich hin. Laut Gesetz muss es für jedes Kind zwischen 6 und 14 Jahren einen Platz in einer staatlichen Schule geben - kostenlos. Aber. Rund 20% aller schulpflichtigen Kinder gehen nicht zur Schule.

Die Unterschiede von Bundesstaat zu Bundesstaat sind allerdings enorm. Kerala im Süden hat eine Alphabetisierungsquote von über 90%, Bihar im Norden kommt nicht einmal auf 50%. Ein einheitliches Schulsystem aufzubauen, ist aber schwierig. Es scheitert zum einen an der Vielfalt der Sprachen - 22 erkennt die Verfassung an, darunter Hindi, das die meisten Inder sprechen. Englisch ist übrigens nicht darunter, obwohl es als lingua franca weit verbreitet ist. Insgesamt gibt es in Indien rund 1.650 unterschiedliche Sprachen. Ein gemeinsames Schulsystem scheitert aber auch an der Vielfalt der Religionen - und am Einfluss der Kasten.

Starres Kastenwesen - mit Schlupflöchern

Indien, Radjasthan, Jaipur, Brautpaar

Wer heiratet, tut dies innerhalb seiner Kaste

Indiens Kastensystem ist eine Art Gesellschaftsordnung, die die Menschen allerdings nicht in arm und reich einteilt. Es unterscheidet vielmehr in "reiner" und "unreiner". Dazwischen verlaufen die Kastengrenzen. Heiraten oder essen mit einem "Unreineren" - undenkbar. Aus dem Kastensystem ausgeschlossen sind die "Unberührbaren". Sie nennen sich selbst dalit, die Gebrochenen, stehen ganz unten auf der Hierarchieleiter und leben meist unter ärmlichen Bedingungen. Von Mitgliedern der anderen Kasten werden sie bis heute diskriminiert, obwohl die Verfassung dies seit 1949 verbietet. Zu Indiens Widersprüchen gehört es aber auch, dass zwischen 1997 und 2002 ein "Unberührbarer" indischer Staatspräsident war.

Das zweitgrößte islamische Land - Indien

Nicht der Kampf gegen die Unberührbarkeit, sondern seine Bemühungen um ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Indern hat Mahatma Gandhi, der Vater der Nation, als seine schwierigste Mission bezeichnet. Nachdem sich Muslime und Hindus nicht darüber einig wurden, wie die Machtübergabe nach der britischen Herrschaft aussehen soll, kam es 1946 zu einer Orgie der Gewalt - erst gegen Hindus, dann gegen Muslime.

Bombenanschlag auf Moschee in Indien

Anschlag auf eine indische Moschee - nicht immer geht es zwischen Hindus und Muslimen derart brutal zu

Unter dem Deckmantel der Religion werden aber auch heute noch politische und ökonomische Auseinandersetzunge gewaltsam ausgetragen - zum Beispiel im muslimisch dominierten Bundesstaat Jammu und Kashmir oder zuletzt 2002 im Bundesstaat Gujarat, wo nach einem Brandanschlag auf 59 Hindu-Aktivisten die Gewalt zwischen Hindus und Moslems eskalierte. Auf ganz Indien bezogen leben die unterschiedlichen Religionsgruppen allerdings friedlich zusammen. In Indien gibt es über 80% Hindus, 13,5% Muslime, je 2% Christen und Sikhs sowie knapp 1% Buddhisten. Laut Verfassung ist Indien ein säkularer Staat mit Glaubensfreiheit - niemand darf aufgrund seiner Religion diskriminiert werden.

Arm und reich - die Schere geht nicht zu

Ahmedabad Slum

Slums - wer vom Land in die Stadt flüchtet, landet oft hier

Muslime stehen im Gegensatz zu Hindus wirtschaftlich schlechter da. Insgesamt ist das augenfälligste Merkmal der indischen Gesellschaft der extreme Gegensatz zwischen Armen und Reichen. Der indische Stahlkönig Lakshmi Mittal besitzt 45 Milliarden Dollar. Indiens Wirtschaft wächst jährlich um 8%. Doch davon profitieren längst nicht alle. Fast die Hälfte der Inder hat weniger als einen US-Dollar pro Tag.

Vor allem auf dem Land ist die Situation dramatisch. Dort leben viele Bauern noch heute in einer Art Schuldknechtschaft, weil sie ihre Arbeit an Grundbesitzer verpfänden müssen. Seit 1976 müssen die Bundesstaaten dagegen vorgehen. Doch bis heute ist sie eines der größten Probleme bei der Armutsbekämpfung. Viele Bauern flüchten in die großen Städte. Dort finden sie aber oft keine Arbeit und landen in den Slums. Fast ein Drittel der Bewohner von Millionenstädten lebt dort.

King Khan - ihn kennt jeder

Der Weg aus den Slums heraus ist nahezu versperrt. Nicht einmal den Kinderhelden Rubina Ali und Azharuddin Ismail Shaikh aus dem Kinoerfolg "Slumdog Millionär" ist es auf Anhieb gelungen wegzukommen. Zumindest Rubina lebt noch immer da, wo sie ursprünglich herkommt - im Garib-Nagar-Slum von Mumbai.

Filmplakat Bollywood

Drehen, was das Zeug hält - Bollywood ist die produktivste Filmindustrie der Welt

Im Film "Slumdog Millionär" trennt den Helden Jamal Malik nur noch eine Frage vom 20-Millionen-Rupien-Hauptgewinn in Indiens TV-Show "Wer wird Millionär?". Ihm gegenüber sitzt der Moderator Prem Kumar, gespielt von Anil Kapoor. Im richtigen Leben müsste dort Shahrukh Khan sitzen. Er ist Schauspieler. Er ist Indiens Superstar. Shahrukh Khan, den die meisten nur "King Khan" oder "SRK" nennen, steht für Indiens Bollywood-Filme, Hindi-Unterhaltungsfilme, die in Mumbai (früher Bombay) produziert werden. Und Khan moderiert die indische Ausgabe von "Wer wird Millionär?". Khan ist der Superheld, der Schöne. Khan ist über alle Zweifel erhaben. Diesmal kein "aber". Die wenigsten Inder würden es an dieser Stelle dulden.

Autorin: Jutta Wasserrab

Redaktion: Birgit Görtz