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Asien

Indien hat Trauma Ayodhya überwunden

Es ist ein Schandfleck in der Geschichte Indiens, das sich gerne als tolerant und säkular preist. Vor 20 Jahren zerstörten Hindu-Fanatiker die Babri-Moschee in Ayodhya. Blutige Kämpfe waren die Folge.

Ayodhya-Chilam Description: A general view of the town Ayodhya in Indian state of Uttar pradesh DW/Suhail Waheed, Hindi Dez. 2012

Indien Stadtansicht Ayodhya

Es waren schlimme, bange Stunden für Indien, nachdem fanatische Hindus am 06. Dezember 1992 die Babri-Moschee in Ayodhya dem Erdboden gleich gemacht hatten. In den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen im ganzen Land wurden etwa 2.000 Menschen getötet. Die meisten Opfer waren Muslime. Die kleine Stadt Ayodhya mit ihren gerade mal 50.000 Einwohnern im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh steht seither als Symbol für Extremismus und Fanatismus zwischen Hindus und Muslimen. Mit etwa dreizehn Prozent stellen die Muslime die größte religiöse Minderheit im Land.

In den blutigen Auseinandersetzungen waren mehr als 2000 Menschen ums Leben gekommen. (Foto:/AFP/Getty Images)

In den blutigen Auseinandersetzungen starben mehr als 2000 Menschen

Pushpesh Pant, der lange Zeit an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi Politik und Geschichte lehrte, glaubt nicht, dass Indiens Image als Schmelztiegel der Kulturen, als ein Land, in dem die Religionsgruppen friedlich zusammenleben, Schaden genommen hat. "Doch was der Vorfall zerstört hat, ist die Vorstellung, dass Indien ein Rechtsstaat ist. Dass eine Regierung, wie die von Uttar Pradesh, nur weil sie einen Eid geschworen hat, sich auch verfassungskonform verhält."

Pant kritisiert, dass sich zunächst keine der politischen Parteien in Indien für ein Ende der Gewalt eingesetzt hat. Stattdessen hätten sie anfangs versucht, mit religiösen Emotionen auf Stimmenfang zu gehen, was die Menschen aber schnell durchschaut hätten. Vor allem die hindunationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP), deren Lichtfigur Lal Krishna Advani die Zerstörung der Babri-Moschee maßgeblich befeuert hatte, konnte nur kurzfristig die Wähler für sich mobilisieren. Dies sei die Lehre, die nach Ayodhya gezogen wurde, meint der renommierte TV-Journalist Dibang aus Neu Delhi. Er hat selbst vor zwanzig Jahren aus Ayodhya von den Vorfällen berichtet: "Es ist wirklich interessant zu sehen, dass der politische Diskurs nun viel zurückhaltender geworden ist. Man kann mit dieser Art der aufstachelnder Rhetorik nur begrenzt zu Erfolg kommen. Es ist nicht genug, um damit heute noch Wahlen zu gewinnen."

Ungelöster Streit

Hinduische Fundamentalisten attackierten die Moscheemauer am 06.12.1992. (Foto: AFP/Getty Images)

Hinduische Fundamentalisten attackierten die Moscheemauer am 06.12.1992

Der Ausbruch der ungezügelten Gewalt in Ayodhya geht auf einen komplizierten und wegen seiner religiösen Dimension sehr sensiblen Disput zurück. Der Ort Ayodhya gilt den Hindus als heilig. Der hinduistischen Mythologie zufolge soll der Gott Rama dort zur Welt gekommen sein. Die im 16. Jahrhundert errichtete Babri-Moschee wurde der Überlieferung nach gewaltsam auf den Fundamenten eines bereits im 11. Jahrhundert gebauten Rama-Tempels errichtet.

Archäologen, Religionswissenschaftler oder Historiker: Alle haben die seit Jahrzehnten schwelende Frage zu klären versucht, welcher der beiden Religionsgruppen einen älteren Anspruch anmelden kann. Eine Frage, die bis heute nicht gelöst werden könnte. Das 500 mal 500 Meter umfassende Areal ist inzwischen eine Hochsicherheitszone. Ein hoher Zaun umschließt die Fläche, sie wird von Sicherheitskräften bewacht.

Urteil ohne Rechtskraft

Schulkinder tragen Symbole der drei Religionen Christentum, Islam und Hinduismus:(AP Photo/Ajit Solanki)

Schulkinder demonstrierten 2010 für eine friedliche Koexistenz der Religionen

Ein Gericht in Allahabad verkündete im September 2010 - 18 Jahre nach den Ausschreitungen - sein Urteil zu dem Rechtsstreit. Demnach sollte die Fläche in drei Teile aufgeteilt werden. Ein Teil sollte den Hindus zugesprochen werden, einer den Muslimen und ein Teil sollte an eine von Hindus ins Leben gerufene gemeinnützige Vereinigung gehen. Doch dieses Urteil wurde inzwischen vom Obersten Gerichtshofs Indiens widerrufen. Sein endgültiges Urteil steht noch aus.

Eine Lösung für den Disput zu finden, liegt nach Meinung von Dibang, der als politischer Kommentator für verschiedene Sender in Indien tätig ist, nicht unbedingt im Interesse der Politik: "Die Mühlen der Justiz mahlen sehr langsam in Indien. Mehr als 30.000 Fälle warten in verschiedenen Gerichten auf Bearbeitung.“ Genau diese Lücke im Justizsystem wird wie im Falle von Ayodhya geschickt ausgenutzt, so Dibang. "Es ist eine unbequeme Situation für alle und ein extrem schwieriger Fall. Daher schieben die Politiker lieber einem Gericht die Verantwortung zu und sagen, sie würden sich jeder Entscheidung beugen. Doch das ist eigentlich nur eine Ausrede, weil sie sich selbst davor drücken, eine Entscheidung zu treffen."

Wunden verheilt

Symbol für Wohlstand: die indische Börse in Mumbai (Foto:dpa)

"Indien hat Ayodhya hinter sich gelassen" - heute geht es für alle um wachsenden Wohlstand

Der Politikwissenschaftler Pushpesh Pant gehört zu denjenigen, die glauben, dass die Wunden, die Ayodhya aufgerissen hat, verheilt sind. Obwohl er auch sicher ist, dass immer eine Narbe bleiben wird. Doch das Trauma sei längst überwunden: "Indien hat Ayodhya hinter sich gelassen." Dennoch müsse Indien wachsam bleiben.

Heute geht es aber vor allem um andere Themen, wie der TV-Journalist Dibang 20 Jahre nach den Ausschreitungen sagt: "Es dreht sich alles um die Wirtschaft. Wir diskutieren im Parlament, ob ausländische Supermarktketten in Indien zugelassen werden. Es sind doch ganz andere Themen, die die Menschen umtreiben." Interessanterweise fielen die Unruhen in Ayodhya 1992 mit der damals gerade begonnenen Liberalisierung Indiens zusammen. Diese war der Grundstein für Indiens Wirtschaftsboom und den wachsenden Wohlstand seiner Bevölkerung. Der Wunsch nach einem besseren Leben ist es dann auch, was alle Bürger Indiens nach Meinung der Experten eint: ob sie nun Hindus oder Muslime sind.