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Kultur

In Würde sterben?

Sterbehilfe ist ein tabuisertes und kontroverses Thema. Befürworter sind die internationalen Sterbehilfegesellschaften, die derzeit in Brüssel tagen. Umfangreiche Schmerztherapien könnten jedoch eine Alternative sein.

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Sollten unheilbar Kranke den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen dürfen?

Delegierte aus 36 Nationen diskutieren in Brüssel über juristische, medizinische und ethische Probleme der Sterbehilfe. Eines steht jedoch von vorneherein fest: die Forderung, dass jeder Mensch weltweit die Möglichkeit haben soll, selbst zu bestimmen, wann und wie er sterben möchte.

Vorbild-Charakter haben für die Sterbehilfeorganisationen die Niederlande, wo seit dem 1. April 2002 das sogenannte 'Euthanasie-Gesetz' in Kraft ist und es Ärzten ermöglicht straffrei aktive Sterbehilfe zu leisten. Auch in Belgien wurde im Mai 2002 ein ähnliches Gesetz verabschiedet. In Deutschland entfachte sich daran eine erneute gesellschaftliche Diskussion, in der die Fronten klar verteilt sind. An guten Argumenten mangelt es keiner der beiden Seiten.

Nein zur Sterbehilfe - Ja zur Schmerztherapie

"Tötung auf Verlangen ist völlig indiskutabel und rührt an den Grundfesten der humanen Gesellschaft", so Hans-Jörg Freese von der Bundesärztekammer im Gespräch mit DW-WORLD. Für die derzeitige Situation in den Niederlanden findet er noch drastischere Worte: "Es ist eine Form von Einschläfern, einen Patienten mit der Spritze zu töten." Stattdessen müsse die Palliativmedizin in Deutschland stark ausgebaut werden. Das bedeutet, dass alle todkranken Patienten eine ausreichende Schmerztherapie erhalten, damit sie in den Wochen und Monaten vor dem Tod nicht unnötig leiden.

Ähnlich argumentiert auch die Deutsche Hospiz Stiftung. Bundesweit erhalten nur 1,8 Prozent der jährlich 850.000 Sterbenden eine solche Versorgung. Barbara Gottschlich schätzt auf Nachfrage von DW-WORLD, dass jedoch "mindestens 40 Prozent palliativmedizinisch versorgt werden müssten."

Missbrauch der Sterbehilfe

In einem weiteren Punkt sind sich die Hospizstiftung und die Bundesärztekammer ebenfalls einig: Seit in den Niederlanden aktive Sterbehilfe kein Tabu mehr sei, gingen schmerztherapeutische Maßnahmen stark zurück. Ebenso die Angebote zur Hospizbetreuung. Vor dieser Entwicklung warnt man in Deutschland. Obwohl es hier immer noch keine flächendeckende Schmerzversorgung gäbe, weise die Tendenz doch nach oben, sagt Hans-Jörg Freese. Sterbehilfe-Gesetze wie beim europäischen Nachbarland könnten diese positive Tendenz wieder umkehren. Friedemann Nauk von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin betont gegenüber DW-WORLD, dass Patienten, die eine intensive schmerztherapeutische Betreuung und menschliche Zuwendung erfahren, so gut wie nie aktive Sterbehilfe wünschen würden.

Auch was den Missbrauch von Sterbehilfe angeht, böten die Niederlande ein alarmierendes Beispiel, sagt Barbara Gottschlich. Oftmals würde dort nicht der Patient, sondern der Arzt entscheiden, wann ein Leben nicht mehr lebenswert ist. Nach Schätzungen der Stiftung Hospiz liegt die Zahl der Patienten, denen ohne eigene Einwilligung beim Sterben geholfen wird jährlich im vierstelligen Bereich.

Sterben ist ein Menschenrecht

Die Sterbehilfegesellschaften aber plädieren dafür, dass Menschen selbst entscheiden können, wann sie sterben möchten. Eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe wie in den Niederlanden wäre der einzige Weg, Missbrauch zu verhindern, sagt Susanne Dehmel von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) im Gespräch mit DW-WORLD. Einer 2001 in der 'Neuen Juristischen Wochenschrift' erschienenen Studie zu Folge, würden bereits heute 24 bis 40 Prozent der deutschen Ärzte illegal aktive Sterbehilfe leisten, in dem sie dem Patienten auf Wunsch tödliche Medikamentendosen verabreichen würden, sagt Susanne Dehmel. "Hospiz und Palliativmedizin allein ist nicht genug, es muss auch die Möglichkeit weiterer, kontrollierter Maßnahmen geben", betont sie.

Fünf bis 15 Prozent der Patienten sprechen der DGHS zu Folge nicht auf Schmerztherapien an und sterben unter unvorstellbaren Qualen. "Das eigene Würdeverständnis ist wichtig, wenn diese Menschen sterben wollen, müssen sie gehört werden", sagt Susanne Dehmel.

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