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Politik & Gesellschaft

In Würde sterben

Einen todkranken Menschen begleiten, so dass er ohne Leid und in Würde sterben kann, das ist das Ziel der Palliativmedizin. Ein Thema, das zurzeit den Deutschen Ärztetag, aber auch die deutsche Gesellschaft umtreibt.

Die Terrasse der Palliativstation des Malteser Krankenhauses in Bonn. (Foto: dw)

Wie zuhause: Die Terrasse der Palliativstation

Der Krebs hat seinen Körper im Griff und er wird in der nächsten Zeit auch seinen Darm verschließen. Ebrahim Schah Said kämpft gegen die Übelkeit und die Schwäche an. Und er kämpft gegen diese Traurigkeit, die ihn übermannt. Doch er erträgt alles mit Würde. Gefasst sitzt der schmale Afghane mit dem sorgfältig gescheitelten Haar und dem weißen Bart auf seinem Sessel.

Ebrahim Schah Said, Patient des ambulanten Dienstes der Palliativstation Malteser Krankenhaus Bonn, in seiner Wohnung. (Foto: dw)

Patient Ebrahim Schah Said

Von hier aus kann Ebrahim Schah Said auf seinem Balkon die vollen, roten Köpfe der Geranien sehen, die Rosenknospen, die am Spalier hervorlugen. "In diesem Moment", sagt er, schließt die schweren Augenlider und sieht fast genießerisch aus, "ist das auch Leben. Gott ist groß, er wird einen Weg weisen."

Jeden Moment leben

Damit Ebrahim Schah Said diesen Weg gehen kann, hilft ihm der ambulante Palliativdienst des Malteser Krankenhauses in Bonn. Krankenpfleger Stephan Lange besucht den Kranken, bringt Rezepte und Medikamente mit, pflegt und hört vor allem zu. Er ist Diplom-Pflegewirt und in palliativer Medizin speziell ausgebildet. Es ist gut, dass ihr Vater zuhause bleiben kann, sagt Ebrahim Schah Saids Tochter Mahbuba Said-Sirmasac. Denn er sei ohnehin etwas eigen; die Krankheit im Beisein anderer ertragen zu müssen, wäre eine Qual für ihn.

Opiat wird auf Spritze aufgezogen. (Foto: dw)

Spritzen gegen die Schmerzen

Und so zieht Krankenpfleger Stephan Lange die Spritzen mit dem Schmerzmittel auf und erklärt der Tochter, wie sie sie verabreicht. Sie wird sich mit ihrer Schwester und ihrem Bruder bei der Vorsorgung des Vaters abwechseln. Sie wisse aber, dass sie jederzeit, auch nachts und am Wochenende, in der Palliativstation jemanden erreichen und um Hilfe und Rat bitten könne.

Die Palliativstation mit dem ambulanten Pflegedienst ist eine von 180 Stationen in Deutschland. Seit etwa zwei Jahrzehnten entstehen solche Institutionen angegliedert an Krankenhäuser. Schwerstkranke Menschen, meist Krebspatienten, werden hier behandelt. Es geht nicht mehr um die Heilung eines Menschen. Es geht darum, Leiden wie Übelkeit, Schmerzen oder Luftnot zu lindern. Die Lebensqualität der letzten Tage zu verbessern. Das geht hier besser als im Krankenhaus, wo immer noch etwa die Hälfte aller Menschen in Deutschland sterben, zwischen Geräten, im Mehrbettzimmer oder womöglich in einer Abstellkammer.

Leid lindern und Bedürfnisse erfüllen

Antike Möbel, indirekte Beleuchtung und eine bunt bepflanzte Terrasse lassen die Station mit den acht Betten wie eine kleine Urlaubspension wirken, auch wenn gerade in einem der Zimmer ein Mensch im Sterben liegt.

Manchmal gehe es nur um ganz kleine Wünsche, wie einmal noch eine Cola zu trinken, sagt Wiltrud Kemkes-Bokel. Sie arbeitet seit 20 Jahren auf der Palliativstation des Malteser Krankenhauses in Bonn. Routiniert geht sie trotzdem nicht mit ihrer Arbeit um, ebenso wenig wie ihre Kollegen.

Im Personalraum der Palliativstation des Malteser Krankenhauses in Bonn findet die Dienst-Übergabe statt. (Foto: dw)

Dienst-Übergabe in der Palliativstation

In der Übergabe wird nicht nur über den Allgemeinzustand und die Medikamente der Patienten gesprochen, sondern auch über kleine Details: Wie war der Patient aufgelegt, was hat er gesagt, wie reagieren Angehörige? Ziel ist es, die Patienten in ihrer letzten Lebensphase – oft nach etwa zehn Tagen auf der Palliativstation - nach Hause entlassen zu können, sagt die Pflegedienstleiterin Martina Kern.

Hilfe auch für die Angehörigen

Manchmal erlaubt das der Allgemeinzustand des Patienten aber nicht. Manchmal schaffen die Angehörigen die Versorgung psychisch oder körperlich nicht, erklärt Krankenpfleger Stephan Lange. Dann gibt es die Palliativstation oder auch krankenhausunabhängige Hospize, in denen die Kranken ihren Bedürfnissen entsprechend von Ärzten, Pflegenden, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern und Seelsorgern versorgt werden. Und auch die Angehörigen finden Hilfe – auch nach dem Verlust des geliebten Menschen.

Ebrahim Schah Said, Patient des ambulanten Dienstes der Palliativstation des Malteser Krankenhauses in Bonn in seiner Wohnung mit Krankenpfleger Stephan Lange. (Foto: dw)

Ebrahim Schah Said mit dem Krankenpfleger Stephan Lange (li.)

Für Ebrahim Schah Said bringt die normale Umgebung inmitten seiner Familie Ablenkung. Die Pflanzen in den zahllosen Töpfen und Balkonkästen hat er lange gepflegt, er hatte Gärtner werden sollen, sagt seine Tochter Mahbuba Said-Sirmasac. Dabei war er in Afghanistan Elektroingenieur am Flughafen von Kabul. Bis er seine Familie aus den blutigen Kämpfen zwischen Russen und Mudschaheddin hinausführen musste und nach Deutschland floh. Als er von der Zeit erzählt, als die russischen Antonovs landeten und er zwischen die Fronten geriet, blitzen seine Augen. Er springt auf, bringt Fotos und berichtet von der Flucht. Sein bewegtes Leben bis zum letzten Moment in Würde zu leben, das will seine Familie mit Hilfe des Palliativdienstes ermöglichen. "So wie er meine Hand gehalten hat, als es mir schlecht ging, will ich das auch tun", sagt Tochter Mahbuba.

Autorin: Daphne Grathwohl
Redaktion: Arne Lichtenberg

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