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Wirtschaft

"In vielen Ländern wird Zwangsarbeit geduldet"

20 Millionen Zwangsarbeiter erwirtschaften 150 Milliarden Dollar Profit pro Jahr. Das zeigt der neue Bericht der UN-Arbeitsorganisation (ILO). DW sprach mit Ekkehard Ernst, Arbeitsmarktexperte der ILO.

DW: Herr Ernst,

erschütternde Zahlen

hat ihre Organisation heute veröffentlicht. Wie kommt ILO an solche Daten?

Ernst: Das sind Schätzungen, die wir auf der Basis von Umfragen in einzelnen Ländern gemacht haben. Die werden dann hochgerechnet auf die Weltarbeitsmärkte.

Zwangsarbeit erinnert an Sklaverei. Warum ist sie im 21. Jahrhundert noch immer so verbreitet?

In einigen Länder Afrikas, aber auch in Indien, sind diese Praktiken zwar reglementiert, werden aber immer noch geduldet. Deswegen können sie solche Ausmaße annehmen. Hinzu kommt, dass unter Zwangsarbeit auch Dinge fallen, die gar nicht als Zwangsarbeit wahrgenommen werden. Beispiele sind Golfstaaten wie das Emirat Katar (siehe Artikelbild). Hier werden Arbeitnehmern ihre Rechte auf Grund von Regularien vorenthalten, die im Land bestehen und es Arbeitgebern erlauben, Arbeiter auszunutzen und zu Zwangsarbeit zu verpflichten.

Ernst Ekkehard

Ekkehard Ernst, Arbeitsmarktexperte der ILO

Gibt es auch in Deutschland Zwangsarbeit?

Ja, in bestimmten Bereichen. Unser Bericht weist darauf hin, dass es gerade im Bereich der Prostitution sehr viel Zwangsarbeit gibt - in vielen Ländern und leider eben auch in Deutschland.

Hat die Globalisierung die Zwangsarbeit noch begünstigt?

Die Globalisierung hat sicherlich dazu beigetragen, dass viele Menschen ihr Glück in anderen, mehr entwickelten Ländern suchen. Um auf das Beispiel der Golfstaaten zurückzukommen: Viele Arbeiter in der Bauwirtschaft dort kommen aus dem südasiatischen Raum. Sie hoffen darauf, bessere Arbeitsbedingungen vorzufinden und sind ihrem Arbeitgeber in diesen Ländern dann häufig völlig ausgeliefert.

Hat die Zwangsarbeit im Laufe der letzten Jahre eher zu- oder abgenommen?

Das geben unsere Zahlen nicht wirklich her. Es sind einfach nur Schätzungen, die in den letzten fünf Jahren erstellt wurde. Aber im Zuge der Globalisierung und der verstärkten Wanderungsströme zwischen Ländern ist natürlich schon zu vermuten, dass die Zwangsarbeit zugenommen hat.

Eine internationale Konvention gegen Zwangsarbeit gibt es bereits seit 1930. Warum hilft sie nicht?

Sie hilft nicht, weil sich viele Länder nicht daran halten. In praktisch allen Mitgliedsstaaten der ILO sind diese Konventionen Gesetzgebung. Aber sie werden einigen Ländern nicht angewandt. Dementsprechend haben viele Arbeitnehmer in diesen Ländern keine Chance, sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr zu setzen.

Das heißt, es mangelt den Regierungen am Willen?

Auf alle Fälle. Es mangelt am Willen, die Regulierungen und Normen umzusetzen.

Wie möchte die ILO dagegen vorgehen?

Wir können nur immer wieder versuchen, die globale Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, unter welchen Arbeitsbedingungen viele Menschen zu leiden haben. Deswegen auch dieser Bericht und diese erschütternden Zahlen. Länder, die diese Praxis weiterhin dulden, sollten an den Pranger gestellt werden.


Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mit Sitz in Genf ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Sie ist beauftragt, soziale Standards, Menschen- und Arbeitsrechte zu fördern. Weltweit sind 185 Staaten Mitglied der ILO.

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