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Sport

"In Spanien wird gerne vertuscht"

565 Tage musste die Sportwelt auf ein Urteil im Fall von Radprofi Contador warten. Die Sperre des Toursiegers sorgt in Spanien für Empörung - wohl auch weil der Anti-Dopingkampf dort kaum Unterstützer hat.

Alberto Contador neben einem Vorhang beim Rennen Mallorca Challenge (Foto: dapd)

Der Vorhang schließt sich: Contador ist überführt

"Eigentlich" ist das zentrale Wort in der Affäre um Radstar Alberto Contador. Eigentlich hat Contador 2010 wie schon 2007 und 2009 die Tour de France gewonnen. Eigentlich aber auch nicht, denn er hatte das verbotene Mittel Clenbuterol im Urin. Eigentlich sei dies aber gar kein Dopingfall, meinte der Ertappte daraufhin, da die gefundene Menge ja so gering war, dass nur der Verzehr eines kontaminierten Rindersteaks dafür verantwortlich sein könne. Eigentlich ist es juristisch aber egal, in welcher Menge Clenbuterol im Körper gefunden wird, besagt das Regelwerk der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Eigentlich hätte Contador also sofort gesperrt werden müssen, aber der spanische Radsport-Verband RFEC stellte sich einmal mehr schützend vor eines seiner Aushängeschilder. Eigentlich ein Unding, meinten Weltradsportverband UCI sowie WADA und legten Widerspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS ein. Eigentlich hätte dort im schweizerischen Lausanne dann zügig eine Entscheidung fallen sollen, wenn Anhörung und Urteilsverkündung nicht mehrfach verschoben worden wären.

Ein angebliches, dafür aber sehr zähes Steak

Und so führten die vielen "Eigentlichs" zu einem Urteil, mit dem eigentlich alle unzufrieden sind. Das Lager Contador schäumt, Spaniens Sportfans sind entsetzt und Profikollegen zeigen Mitleid. Auf der anderen Seite ging die rückwirkende Sperre vielen kritischen Beobachtern nicht weit genug - und zu lange gedauert hat es ohnehin allen. Dieses angebliche Steak, es war ein sehr zäher Happen für die Sportwelt.

Alberto Contador im Rosa Trikot bei einer Abfahrt während des Giro d'Italia 2011 (Foto: AP)

Auch dieser Sieg ist weg: Contador beim Giro d'Italia 2011

Denn auch nach dem Urteil ist nicht restlos geklärt, woher das nachgewiesene Clenbuterol nun stammte. Das laut Contador aus dem Baskenland importierte Rinderfleisch schied vor dem CAS als Quelle aus, denn nur 0,004 Prozent der europäischen Rinder sollen noch mit Clenbuterol gemästet werden. Doch auch die Version der Eigenbluttransfusion - gestützt durch den Fund von verräterischen Plastikrückständen in Contadors Blut - überzeugte die drei CAS-Richter nicht. Ihnen gelten verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel als wahrscheinlichste Erklärung.

Contador deutet Gang vor Bundesgericht an

Contador reagierte auf die Sperre am Dienstag (07.02.2012) mit einem gewohnten Reflex - der Attacke. "Ich bin tief enttäuscht. Das Urteil ist eine Ungerechtigkeit", schimpfte Contador auf einer Pressekonferenz in seinem Heimatort Pinto und kündigte an, gegen das Urteil anzugehen. "Meine Anwälte arbeiten in alle Richtungen. Ob wir vor ein ordentliches Gericht gehen, müssen sie entscheiden. Ich will aber bis zum letztmöglichen Schritt kämpfen."

Tour de France-Sieger Alberto Contador (l.) und Spaniens damaliger Sportminsuer Jaime Lissavetzky (Foto: AP)

Enge Verbindung: Contador und Sportminister Lissavetzky

Unterstützung erhielt er dabei aus dem spanischen Sport. Die Toursieger Miguel Indurain, Pedro Delgado und Carlos Sastre verteidigten ihn ebenso wie Tennis-Ass Rafael Nadal. "Es gibt keinen endgültigen Beweis, und sie geben ihm die Höchststrafe. Das ist zum Heulen. Nur Mut Champion! Du hast meine Unterstützung!", verkündete Nadal via Twitter. Und auch Spaniens Presse schlug sich auf die Seite des Radstars: Die Sperre sei "kompletter Irrsinn", schrieb "El Mundo". "Der CAS hat den Verstand verloren", polterte die Sportzeitung "Marca" und "AS" klagte: "Dieses Urteil lässt uns wieder wie ein Land dastehen, in dem Doping toleriert wird." Genau dieser Eindruck hatte sich in den letzten Jahren verfestigt.

Urteil mit Folgen - ganz tatsächlich

"Spanien ist bekannt dafür, eigene sportliche Erfolge abzuschotten. In Spanien wird gerne vertuscht", kommentierte der deutsche Dopingexperte Werner Franke in gewohnt dirketer Art den Fall Contador. Er vertritt damit eine außerhalb Spaniens mittlerweile populäre Meinung. Denn in der jüngsten Vergangenheit standen die Südeuropäer für die Ambivalenz aus einer beeindruckenden Erfolgsserie in Sportarten wie Fußball, Tennis, Radsport oder Leichtathletik sowie einem offensichtlichen Desinteresse an Aufklärung von Dopingfällen.

Andy Schleck (r.) gewinnt vor Alberto Contador und jubelt (Foto: AP)

Symbolträchtig: Andy Schleck (r.) gewinnt die 17. Touretappe 2010

Bei der "Operación Puerto" entdeckten spanische Ermittler einen professionellen Dopingring um den Arzt Fuentes, doch der Ermittlungsrichter stellte das Verfahren ein, trotz erdrückender Beweislast. Der bei Fuentes mutmaßlich unter den Initialen "A.C." geführte Contador konnte sich aber ebenso wie der überführte Alejandro Valverde der Rückendeckung durch den damaligen spanischen Sportminister Jaime Lissacetzky sicher sein. Der Anti-Dopingkampf dagegen bekommt in Spanien - anders als in Deutschland - kaum Unterstützung durch Gesellschaft und Politik.

Was folgt nun auf das Urteil? Für Alberto Contador wahrscheinlich eine 2,5 Millionen Euro teure Schadensersatzforderung der UCI sowie die Rückzahlung von Preisgeldern. Für sein Team Saxo Bank, das vom geständigen EPO-Sünder Bjarne Riis geleitet wird, droht der Verlust der Ranglistenpunkte sowie damit eventuell verbunden der Abstieg aus der Eliteklasse des Radsports. Und für den Luxemburger Andy Schleck sowie den Italiener Michele Scarponi gibt es jeweils einen nachträglich zugesprochenen Sieg bei der Tour de France 2010 beziehungsweise dem Giro d'Italia 2011.

Die wichtigste Erkenntnis ist aber: Ein positiver Dopingtest bleibt ein positiver Dopingtest und führt zur Sperre. Im Sinne der Sportwelt bleibt zu hoffen, dass dieser Satz auch in Zukunft ohne ein "Eigentlich" auskommt.

Autor: Joscha Weber
Redaktion: Calle Kops

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