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Amerika

In schwierigen Zeiten das Wort ergreifen

Die Schreibmaschine als Waffe – der argentinische Autor und Journalist Rodolfo Walsh kämpfte gegen soziale Ungerechtigkeit. Seine Bücher sind bis heute Beststeller: Drei sind nun auf Deutsch erschienen.

Rodolfo Walsh, Argentinien, Buchmesse, Bild: Rotpunktverlag

Rodolfo Walsh

Rodolfo Walsh – der Name steht in Lateinamerika spätestens seit dem 24. März 1977 für Mut und Moral. Am ersten Jahrestag der Militärdiktatur veröffentlichte der argentinische Autor und Journalist seinen "Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta". Schwarz auf weiß reihte er darin die "nackten Zahlen dieses Terrors" auf: "15.000 Verschwundene, 10.000 Gefangene, Zehntausende die aus dem Land vertrieben worden sind". Er spricht über Zensur, über die Zusammenarbeit des argentinischen Geheimdienstes mit der CIA. "In der Wirtschaftspolitik ihrer Regierung sehe ich nicht nur eine Erklärung für ihre Verbrechen, sondern auch die äußerste Grausamkeit, die Millionen von Menschen planmäßig ins Elend stürzt."

Walshs "Offener Brief" gilt bis heute als die klarste und weitsichtigste Analyse des Terrors jener Jahre und seiner Folgen. Der Autor verteilte den Brief heimlich an Bekannte, die ihn handschriftlich vervielfältigten. Walsh unterschrieb mit Namen und der Nummer seines Personalausweises, "freilich ohne Hoffnung gehört zu werden, in der Gewissheit, dass ich verfolgt werde, getreu einer vor langer Zeit eingegangen Verpflichtung, auch in schwierigen Zeiten das Wort zu ergreifen"

Zugzwang

Elsa Drucaroff, Literaturprofessorin und Schriftstellerin

Elsa Drucaroff, Literaturprofessorin und Schriftstellerin, u.a. des Buches "El ultimo caso de Rodolfo Walsh"

Kein argentinisches Medium druckte den Brief ab. Walsh kostet er das Leben – am Tag darauf griff ihn ein Spezialkommando der Kriegsmarine auf, er verteidigte sich mit einem keinen Revolver, seine Leiche ließ man verschwinden. Seine Anklageschrift ist heute Pflichtlektüre in argentinischen Oberschulen und Universitäten.

Rodolfo Walsh wurde 1927 als Sohn irischer Einwanderer geboren und streng katholisch und konservativ erzogen. Als Kind war er zudem Mitglied in der "nationalistischen Jugendbewegung". Aber eigentlich war er kein politischer Mensch. Das änderte sich, als er an der Universität während seines Philosophiestudiums Schriften von Marx und Engels kennenlernte. Er brachte das Studium allerdings nicht zu Ende, sondern begann als Übersetzer und Journalist zu arbeiten. 1953 veröffentlichte er seine ersten Kriminalgeschichten, die er mit der Logik und Raffinesse eines leidenschaftlichen Schachspielers konstruierte und für die er gleich den Literaturpreis der Stadt Buenos Aires gewann. Doch 1956 geriet er in Zugzwang.

"Einer der Erschossenen lebt"

Am 9. Juni 1956 wird in einem Vorort von Buenos Aires eine Gruppe Männer abtransportiert und verhaftet. Sie sollen in einen Aufstand von Perón treuen Militärs verwickelt sein, der gegen die Regierung der so genannten "Befreiungsrevolution" gerichtet war. Diese "Befreiungsrevolution" war eine Militärregierung, die General Juan Domingo Perón 1955 mit dem Argument gestürzt hatte, den Rechtsstaat wieder herzustellen. Doch nur einer der Festgenommenen hatte entfernt etwas mit den Aufständischen zu tun – alle jedoch wurden einem geheimen Erschießungskommando vorgeführt.

"Sechs Monate später, in einer unerträglich schwülen Sommernacht, beim Bier, sagt ein Mann zu mir 'Einer der Erschossenen lebt’." So beschreibt Walsh den Ausgangspunkt seiner Recherche zu "Operación Masacre", auf Deutsch "Das Massaker von San Martín". Es ist die Chronik eines der ersten Staatsverbrechen in einem Land, das bis 1983 ein ständiges Wechselspiel aus Putsch und immer grausameren Militärdiktaturen erlebte.

Chronik eines Vertrauensbruchs

Hartnäckig, präzise und sorgfältig recherchiert und rekonstruiert Walsh die Ereignisse. Er fertigt detaillierte Portraits aller Beteiligten an, rekonstruiert Ablauf und Hintergründe der Erschießungen, führt das Versagen der staatlichen Institutionen, die Aushebelung verfassungsmäßig garantierter Grundrechte vor und fängt zudem die sozialen Spannungen einer in zwei Klassen gespaltenen Gesellschaft ein. Zum Beispiel, wenn Schaulustige eine Limousine mit Steinen bewerfen, nachdem die Beifahrerin gemurmelt hat "Man sollte sie alle abmurksen."

Walsh schafft in "Das Massaker von San Martín" eine neue Art des Schreibens: No-Fiction, Tatsachenbericht, dokumentarischer Roman, es wurden viele Begriffe gefunden für diese Mischung aus faktenorientierter Recherche und literarisch anspruchsvollem Schreiben, die Truman Capote auch in "Kaltblütig" anwendete – 1966, zehn Jahre nach Walshs "Massaker von San Martín".

Wendepunkt in Walshs Leben

Titelbild der 2010 erschienenen deutschen Neuauflage von Das Massaker von San Martín (Operación Masacre) des argentinsichen Schriftstellers Rodolfo Walsh (1927-1977)

"Das Massaker von San Martín" von Rodolfo Walsh (1927-1977)

"Er rappelt sich hoch. Er macht ein paar Schritte. Er zieht eine Blutspur hinter sich her. Er geht weiter hinein in die Müllhalde auf der Suche nach Giunta. Es ist etwas Unbedachtes und Pathetisches in dieser Suche. Als könnte er an nichts mehr in dieser Welt glauben, als wäre der Mann, der dieselbe Erfahrung wie er gemacht hat, der einzige, dem er noch vertrauen kann."

Walsh wollte nicht nur aufklären, nicht nur anklagen. Er wollte mit seinem Bericht erreichen, dass die Verantwortlichen des Massakers für ihr Verbrechen sühnen müssen. Damit scheiterte er. Bis heute wurde im Zusammenhang mit dem "Massaker von San Martín" kein Recht gesprochen.

Somit schrieb Walsh hier auch seine eigene Chronik des Vertrauensbruchs. "Die Spurensuche hat sein Leben verändert, sie rüttelte ihn wach", erklärt Elsa Drucaroff, Literaturwissenschaftlerin an der Universität von Buenos Aires und selbst Schriftstellerin. "Literatur wird für ihn von da ab ein Mittel des politischen Kampfes." Walsh schrieb aus Erschütterung und aus Notwendigkeit gegen soziale Ungerechtigkeit und für eine neue Gesellschaftsordnung. "Eine neue Art von Gesellschaft und eine neue Art der Produktion hat auch eine neue Form von Kunst, eine recht dokumentarische Kunst nötig, die sich mehr am Beweisbaren orientiert", so Rodolfo Walsh in einem Interview von 1973.

Der Mann, der der CIA zuvorkam

Doch das Schreiben trat mehr und mehr in den Hintergrund. In den euphorischen Anfangsjahren der kubanischen Revolution geht Walsh nach Kuba und gründet dort, gemeinsam mit seinem kolumbianischen Freund und Kollegen Gabriel García Márquez die alternative Nachrichtenagentur Prensa Latina. Glaubt man Márquez, dann war Walsh "der Mann (..), der der CIA zuvorkam". Walsh, Freund der Logik und ein großes Sprachtalent, soll einen geheimen CIA-Code entschlüsselt haben, aus dem Hinweise über die Landung der US-Streitkräfte an der kubanischen Schweinebucht gezogen wurden.

Zurück in Argentinien schließt er sich der peronistischen Bewegung an, gründet die bis heute wichtigste Gewerkschaftszeitung. "Das war eine Taktik von ihm, weil er glaubte, durch diese Linksperonisten konnte man die Revolution in Argentinien machen", sagt Osvaldo Bayer, Schriftsteller und Freund von Walsh, der während der Diktatur ins Exil nach Deutschland flüchtete. Walsh habe ihm gesagt: "Ich bin kein Peronist, ich bin Marxist, wo aber ist das Volk? Das Volk ist Peronist und ich will mit dem Volk sein"

Bewaffneter Kampf

Osvaldo Bayer, argentinischer Historiker, Schriftsteller, Journalist und Menschenrechtler

Osvaldo Bayer, argentinischer Historiker, Schriftsteller, Journalist und Menschenrechtler

1973 geht Walsh in den Untergrund und schließt sich dem bewaffneten Kampf der Guerillaorganisation Montoneros an. 1975 distanziert er sich jedoch wieder. Der Führung wirft er vor, sinnlose Gewaltaktionen voranzutreiben, zu wenig politische Arbeit zu leisten und die Repression der Gegenseite zu unterschätzen. 1976 wird die Guerilla-Zelle von Walshs Tochter Victoria, ebenfalls Montonera, von über hundert Soldaten, teilweise in Helikoptern, umzingelt – Vicky Walsh nahm sich selbst das Leben, lachend und mit ausgebreiteten Armen soll sie gesagt haben "Ihr entscheide mich für den Tod, ihr könnt mich nicht besiegen".

"Vicky hätte andere Wege wählen können, die nicht weniger ehrlos gewesen wären", schreibt Walsh später in seinem "Brief an meine Freunde", "aber der, den sie wählte, war der gerechteste, großzügigste, vernünftigste. Sie lebte nicht für sich, sie lebte für andere, und diese anderen sind Millionen."

Etwas Ungeheuerliches

Auch Walsh hätte, als ein herausragender Schriftsteller, andere Wege gehen können. Seine sozialkritischen Reportagen, Kriminal- oder Kurzgeschichten gehören zu den Klassikern moderner argentinische Literatur. Seine Protagonisten haben stets eines gemeinsam: etwas Ungeheuerliches, das sie im Leben nicht mehr loslässt.

Wie der Bericht "Diese Frau" über den Coronel, der für das Verschwinden-Lassen des Leichnams von Evita, Peróns charismatischer Frau, verantwortlich war. Oder Kommissar Laurenzi, ein pensionierter Provinz-Polizist, der aus scheinbaren Routinesituationen immer wieder an die dunkelsten Abgründe menschlichen Handels gerät. Beim Schachspiel mit dem Journalisten Daniel Hernández blickt er auf seine Fälle zurück – ein Synonym, das auch Walsh immer wieder für Veröffentlichungen nutzte. In der Geschichte "Notwehr" heißt es: "Geben Sie auf!" empfahl mir Kommissar Laurenzi. "Noch nicht". "Sie sind verloren!" "Theoretisch schon", antwortete ich. "Aber das wichtigste ist ja herauszufinden, ob sie mich auch besiegen können!"

Prozess gegen Walshs Mörder

Heute werden in Argentinien die Prozesse gegen Ex-Militärs neu aufgerollt. 19 Mitglieder einer ehemaligen Spezialeinheit stehen vor Gericht wegen des Mordes an Rodolfo Walsh und 5000 andere Opfern, die zusammen mit seiner Leiche auf einem Sportplatz am Rio de la Plata gefunden wurden. Anfang 2011 werden die Urteile erwartet.

Eine neue Generation von Schriftstellern hat damit begonnen, die damalige Zeit aufzuarbeiten. "Die Literatur hilft die Diskussion anzustoßen, die in der Gesellschaft bisher fast nur in Schwarz und Weiß geführt wird. Gerade was den politischen Kampf der Linken angeht", sagt Elsa Drucaroff. Sie selbst hat einen Roman um den Tod von Walshs Tochter Vicky verfasst. "Der letzte Fall des Rodolfo Walsh" beschäftigt sich vor allem mit dem Wandel innerhalb der linksperonistischen Bewegung. "Ich denke, wir brauchen noch eine Weile, um das kritisch zu reflektieren: neben dem falschen Weg – den Waffen – auch zu sehen, was es daneben gab. Die Hoffung und Energie mit der eine Generation die Gesellschaftsordnung damals kritisierte."

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Mirjam Gehrke

Werke von Rodolfo Walsh:

Rodolfo Walsh: Die Augen des Verräters, aus dem Spanischen von der Gruppe "Transports", Rotpunktverlag Zürich, 18,- Euro

Rodolfo Walsh: Das Massaker von San Martin, aus dem Spanischen und mit einem Nachwort von Erich Hackl, Rotpunkt Verlag, Zürich, 19,50 Euro

Rodolfo Walsh: Ein schwarzer Tag für die Gerechtigkeit, aus dem Spanischen von Lutz Kliche, Stockmann Verlag, Bad Vöslau/Österreich, 19,80 Euro

Elsa Drucaroff: El último caso de Rodolfo Walsh, nur auf Spanisch, Norma Verlag