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Asien

In Peking wächst eine Undergroundszene heran

Im Pekinger Underground hat sich eine bunte, laute und unangepasste Musikszene entwickelt. Ein China, wie man es sonst kaum kennt: Punk- und Rockmusiker, Experimentalkünstler und Folksänger gehen neue Wege.

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Junge Studentenband beim Auftritt im D22

Pekinger Subkultur Zhang Shouwang

Der Gitarrist und Sänger von Carsick Cars: Zhang Shouwang

Im "Yugong Yishan", einem der größten Live-Clubs in Peking, heizen die drei Musiker von Carsick Cars dem Publikum kräftig ein. Es ist weit nach Mitternacht, die Luft ist zum Schneiden, die Masse vor der Bühne tanzt und johlt. Im kleinen Club "Dos Colegas" am anderen Ende der Stadt spielt zur gleichen Zeit die Band Mafeisan vor nur einem Dutzend Fans. Ihre Musik nennt sich "Noise" – Krach also. Keiner der Musiker von Mafeisan hat jemals ein Instrument gelernt. Der Schlagzeuger trägt eine Strumpfmaske über dem Gesicht, der Gitarrist schleift die Gitarre über den Boden. Ein Tisch geht zu Bruch, die Musiker wälzen sich in einem gespielten Zweikampf auf dem Boden.

Willkommen in der Pekinger Subkultur. Während sich draußen die Stadt wie in einem Zeitraffer in die Zukunft katapultiert, hat sich in den Clubs der chinesischen Hauptstadt eine Untergrundszene entwickelt, die mit dem Traum vom eigenen Auto und der Eigentumswohnung nichts mehr zu tun haben will. An Orten wie "Yugong Yishan" oder "Dos Colegas" haben junge Musiker Freiräume gefunden, die es in China sonst selten gibt.

"Die Szene ist überhaupt nicht kommerziell, das gibt uns die Freiheit, zu tun, was wir wollen", meint Zhang Shouwang, Frontman von Carsick Cars. Mit seiner sanften und höflichen Art wirkt Zhang überhaupt nicht wie ein wilder Rockstar. Aber der 24jährige Studienabbrecher ist die heimliche Nummer Eins der Szene. Die Carsick Cars treten regelmäßig im Ausland auf. Zhang spielt noch in ein paar anderen Bands mit und bastelt nebenbei an seiner Solokarriere.

Abkehr von der Partei und dem Lebensstil der Eltern

Pekinger Subkultur Mafeisan

Die Band Mafaisan - Keiner kann ein Instrument spielen

Mit dem China der Kommunistischen Partei oder dem angepassten Lebensstil der Eltern haben die jungen Musiker nichts am Hut. "Wir sind völlig anders", sagt Zhang. Die Älteren, fügt er fast abfällig hinzu, schauten sich ja sogar noch die Nachrichten im staatlich kontrollierten Fernsehen an. "Wir würden das nie machen."

Doch die jungen Rock- und Punkmusiker sind keine politischen Rebellen. Keiner will radikale Veränderungen. Anders noch als vor 20 Jahren, als der Rockmusiker Cui Jian zusammen mit den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrierte, haben sich die Bands von heute fast völlig von der Politik abgewandt. In ihren Texten gibt es – wenn überhaupt – nur Anspielungen auf politische Vorgänge.

Doch einige Musiker begehren offen auf. Zum Beispiel die Punkerin Kang Mao. Mit kurzer Lederjacke und halblangem schwarzen Haar ist die 30-Jährige die Diva der Szene. "Punk bedeutet für mich Unabhängigkeit und Freiheit", sagt sie vor dem Übungsraum ihrer Band im Pekinger Vorort Tongzhou. "Durch die Musik habe ich gelernt, dass man nicht an Autoritäten glauben muss."

Am Eingang zu der gesichtslosen Hochhaussiedlung, in der Kang Mao und ihre Band, die "Subs", proben, sitzt ein Mann vom Nachbarschaftskomitee und überwacht, wer ein- und ausgeht. Der Kontrolle muss sich auch Kang Mao beugen. "In Europa kann man auf die Straße gehen und demonstrieren, aber hier wäre das Selbstmord", sagt sie. Vor jedem Festivalauftritt muss ihre Band alle Songtexte den Behörden vorlegen. Ihr Stück "Fucking Day" taufen die Subs dann regelmäßig in "Funny Day" um. "Aber auf der Bühne singen wir trotzdem das Original", schmunzelt Kang.

Freier Umgang mit allen Musikstilen

Pekinger Subkultur Michhael Pettis

Michael Pettis. Dem Amerikaner gehört der Club D-22 im Pekinger Stadtviertel Haidian.

Was die Pekinger Szene vor allem auszeichnet, ist der unvoreingenomme Umgang mit Musikstilen. Punk, Grunge, Noise, Rock’n Roll, Experimentalmusik – alles wird kombiniert. "Die Szene in China ist unverbraucht und offen", sagt der Amerikaner Michael Pettis, Förderer vieler junger chinesischer Musiker. Pettis ist eigentlich Professor für Finanzwissenschaften. Tagsüber unterrichtet der ehemaligen Wall-Street-Banker an der Peking Universität, abends steht der 51-Jährige in seinem Club D-22 hinterm Tresen, dem wichtigsten Treffpunkt der Szene.

Pettis vergleicht Pekings Untergrundszene gern mit den USA in den 60er und 70er Jahren. Aber mit Flower-Power und Woodstock-Romantik haben die jungen Pekinger nichts am Hut. Unter ihnen ist bislang kein Bob Dylan, der das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausdrückt. Dennoch sieht Pettis in China schon die internationalen Stars von morgen: "China ist eines der wenigen Länder, die das angelsächsische Musik-Monopol aufbrechen können."

Zhang Shouwang kann sich das nicht so richtig vorstellen. Dafür sind Leute wie er im eigenen Land immer noch viel zu marginal. Carsick Cars orientiert sich zudem stark an Vorbildern aus dem Westen, wie The Velvet Underground, Lou Reed oder Sonic Youth, auch wenn sie anfangen, mit eigenen Ausdrucksformen zu experimentieren. Ob dabei tatsächlich etwas entsteht, das international Bestand hat, mag derzeit noch niemand vorherzusagen. "Es gibt einen eigenen Pekinger Sound", versichert Pettis. "Aber erst in zehn Jahren wird man genau wissen, was das Besondere an diesem Sound ist."

Autorin: Ruh Kirchner

Redaktion: Matthias von Hein / Silke Ballweg