1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"In meiner Familie redet man nicht darüber"

Am Sonntag wird in Köln zum 15. Mal der Christopher Street Day gefeiert - Schwule und Lesben demonstrieren für ihre Rechte. Mit dabei sind auch Homosexuelle aus Osteuropa, wo das Thema oft noch tabu ist.

default

Neue Schritte - Schwulenparade in Warschau am 10. Juni 2006

Wie an jedem Freitag Abend ist das Kölner Beratungszentrum für Lesben und Schwule gut besucht. Zum offenen Treffen der homosexuellen Migranten sind auch einige Männer und Frauen aus Osteuropa gekommen. In ihrer Heimat gilt bis heute, dass man über Sexualität nicht spricht und Homosexualität eine Krankheit ist.

In Deutschland herrscht zwar ein sehr viel toleranteres Klima gegenüber Schwulen und Lesben. Vielen osteuropäischen Migranten fällt es trotzdem schwer, offen zu ihrer Homosexualität zu stehen. Dies liegt an der engen Bindung zu ihren Landsleuten, weiß Jasek Marjanski. Der polnische Organisator des schwul-lesbischen Migrantentreffs hat schon oft zu hören bekommen: "Meine Homosexualität und das normale Leben kann ich in der Gruppe nicht leben, ich muss mich dann von meinen Landsleuten verabschieden, um normal in der deutschen Gesellschaft als Homosexueller leben zu dürfen."

Homosexuelle gelten in Osteuropa oft als psychisch krank

Abgeordneter Volker Beck bei Demo angegriffen

Der deutsche Bundestagsabgeordenete Volker Beck wurde bei einer Demonstration für Homosexuellen-Rechte in Moskau am 27.5.2006 von Rechtsradikalen angegriffen

Insbesondere die Familie ist für viele Osteuropäer ein unverzichtbar - und in der Fremde Ersatz für die Heimat. Entsprechend groß ist die Hemmung, sich den Angehörigen gegenüber zu offenbaren und, wie der 25-jährige Jan aus Lettland es formuliert, zu riskieren, " von ihren Familien nicht verstanden oder sogar abgestoßen zu werden. Manche versuchen ihnen einzureden, dass sie psychisch krank sind oder Persönlichkeitsstörungen haben."

Berlin-Tiergarten. Hier wohnt Dmitrij Fink. Der 26-Jährige ist vor fünf Jahren mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Vor einem Jahr hat er den Schritt gewagt und seinen Eltern gesagt, dass er schwul ist. Besonders vor der Reaktion seines Vaters hatte er Angst: "Als ich ihm das erzählt habe, war er natürlich ganz entsetzt und hat mir zuerst nicht geglaubt. Er wollte nicht zuhören, hat sich weggedreht und ist rauchen gegangen. Nach einer Viertelstunde ist er wieder ins Zimmer gekommen und hat gesagt: 'Aber gut, dass du mir das gesagt hast.'"

Kontakt zur deutschen Schwulenszene wichtig

Dmitrij hofft, seinen Landsleuten mit gutem Beispiel voranzugehen. Sehr wichtig war für ihn vor allem der Kontakt zur deutschen Schwulenszene mit ihren vielen Beratungsangeboten und Selbsthilfegruppen: "Nur dank meiner deutschen Freunde bin ich so mutig und selbstbewusster geworden und konnte mich letztendlich outen. Ich versuche zu zeigen, dass so etwas normal ist. Man muss offen leben, man darf seine Eltern nicht ein ganzes Leben lang belügen."

Renate Rampf vom Schwulen- und Lesbenverband Deutschland betont jedoch, dass Schwule wie Dmitrij eher die Ausnahme sind: "Der Regelfall ist eigentlich, dass sich die Homosexuellen versuchen so durchzulavieren, nicht darüber zu sprechen, das irgendwie zu leben und zu versuchen, so wenig wie möglich aufzufallen - bis hin zur Selbstverleugnung."

Auch Jasek Marjanski führt eine Art Doppelleben: Einerseits lebt er als Schwuler seit fast 20 Jahren in Deutschland. Ist er jedoch zu Besuch bei seiner Familie in Polen, ist dieses Thema Tabu: "Meine Eltern wissen Bescheid, aber wir sprechen nicht darüber. Meine Eltern kennen meinen Freund - es ist alles in Ordnung, aber wie gesagt: uns wurde beigebracht, nicht darüber zu reden und es nicht nach außen zu zeigen. Ich habe akzeptiert, dass es so ist und dass es so besser sein kann."

Die Redaktion empfiehlt