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Nahost

"In Libyen droht ein zweites Afghanistan"

Libyen ist auch nach Gaddafis Sturz noch lange nicht befriedet. Fouad Ali Takbali leitet eine libysche Hilfsorganisation. Im Interview mit DW-WORLD.DE spricht er über die neue Führung und die Ängste seiner Landsleute.

Ein Verletzter Libyer, umringt von Helfern (Foto: DW)

Ein Verletzter Libyer wird von Helfern umringt

Fouad Ali Takbali hat viele Jahre im deutschen Exil verbracht. Nach dem Beginn des Aufstands gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi gründete er die Hilfsorganisation "Tripoli Free Aid Organization", die ihren Sitz in Tripolis hat und sich um Flüchtlinge kümmert.

DW-WORLD.DE: Was sind die drängendsten Probleme im Libyen der Nach-Gaddafi-Ära?

Fouad Ali Takbali, Exil-Libyer und Gründer der Organisation Tripoli Free Aid (Foto: DW)

Einsatz für Flüchtlinge - Fouad Ali Takbali

Fouad Ali Takbali: Die Straßen in Tripolis sind voll von Leuten, die Waffen tragen - sie sind unglaublich viele. Ein weiteres ernstes Problem sind die Binnen-Flüchtlinge. Sie können nicht zurück in ihre Häuser, weil diese zerstört sind, und sie leben in provisorischen Lagern. Im Camp in Tripolis sind beispielsweise offiziell 120 Familien registriert, aber die Zahl der Bewohner könnte viel höher sein. Die meisten leben unter schrecklichen Bedingungen in den Außenvierteln von Tripolis. Wir bemühen uns derzeit, sie in ausrangierten Wohncontainern für Bauarbeiter unterzubringen. Und nicht zuletzt herrscht ein großes Misstrauen der Libyer untereinander. Viele Menschen wollen Rache, und das ist derzeit vermutlich die größte Hürde für das Land. Aus einer Perspektive heraus kann man die Zukunft nicht in Angriff nehmen.

Der Krieg ist offiziell vorbei - warum tragen dann noch so viele Menschen Waffen auf der Straße?

Dafür gibt es mehrere Gründe - allen voran das gegenseitige Misstrauen. Keiner traut hier dem anderen. Die Menschen aus Misrata, aus Zintan oder auch die Berber: Alle sagen, dass sie ihre Waffen nicht abgeben wollen, weil sie Angst vor den anderen haben. Diese Angst hat ihnen Gaddafi in den vier Jahrzehnten, die er an der Macht war, eingeimpft. Ein weiterer Grund ist der geringe Bildungsgrad vieler Kämpfer und das Fehlen einer Zukunftsperspektive. Sie haben nichts zu tun, deswegen fahren sie bis an die Zähne bewaffnet durch die Straßen, solange sie keinen ordentlichen Job haben. Ich befürchte, dass einer neuen Regierung nichts anderes übrig bleibt als ihnen die Waffen abzukaufen.

Glauben Sie, dass der Nationale Übergangsrat dem Problem angemessen begegnet?

Absolut nicht. Sie sind vollauf beschäftigt mit der Außenpolitik und haben anscheinend ihr Volk vergessen. Sie machen Versprechen, an deren Einlösung kaum jemand heute glaubt. Es gibt ein großes Misstrauen unter den Menschen untereinander, und immer mehr auch gegenüber dem Übergangsrat. Die Libyer trauen heute den Europäern viel mehr als ihren eigenen Nachbarn. Das ist das Erbe der Herrschaft Gaddafis.

Mustafa Abdul-Jalil, der Chef des Übergangsrates, hat erklärt, wie wichtig Versöhnung für den Aufbau eines neuen Libyens sei. Doch es gab in jüngster Zeit immer wieder Berichte über Gewalt gegen frühere Gaddafi-Anhänger. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Der Übergangsrat macht nur leere Versprechungen. Die Flüchtlinge aus Bani Walid, Abu Salim, Tawarga und Sirte, also Gaddafis früheren Hochburgen, müssen unter schrecklichen Bedingungen leben und werden misshandelt - das gilt insbesondere für Schwarze. Darüber hinaus gibt es Berichte über Folterungen, sogar mit Elektroschocks. Nach 26 Jahren im Exil kann ich es nicht fassen, dass die neue Regierung in vielen Fällen genau die gleichen Methoden anwendet wie zu Gaddafis Zeiten. Wenn es nicht bald ein funktionierendes Rechtssystem und Gerechtigkeit gibt, wird Libyen sehr bald zu einem zweiten Afghanistan. Tripolis sollte ein Vorbild für den Rest des Landes sein, stattdessen versinkt es in wachsendem Unwohlsein. Die Situation in der Hauptstadt ist katastrophal. Wir müssen dringend eine Zivilgesellschaft aufbauen, die uns in den vergangenen 40 Jahren gefehlt hat.

Trotz der großen Unterstützung aus dem Ausland während der Revolution fürchten jetzt viele Libyer, dass ihr Volk die Kontrolle über die Bodenschätze verliert. Was meinen Sie dazu?

Das war schon während des Gaddafi-Regimes so und überrascht mich daher nicht. Die USA, Italien - viele Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten von Libyens Bodenschätzen profitiert. Der einzige Unterschied ist, dass Gaddafi uns vom Rest der Welt isoliert hat. Heute wollen wir Kontakte knüpfen und internationale Beziehungen eingehen. Ohne Hilfe aus dem Ausland kommen wir nicht voran. Wenn ich an die NATO denke, so glaube ich heute, dass wir es waren, die der NATO geholfen haben und nicht umgekehrt. Sie haben mit der Intervention in Libyen ihr Image aufpoliert, das durch Einsätze wie in Afghanistan beschädigt worden ist.

Das Gespräch führte Karlos Zurutuza (Übersetzung: Friederike Schulz)
Redaktion: Robert Mudge/Thomas Latschan

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