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Welt

In Israel wächst die Angst vor den Raketen

Viele Menschen überlegen, ob sie Israel verlassen sollen, nachdem in den vergangenen Tagen über 600 Raketen aus Gaza auf ihr Land abgefeuert wurden. Besonders kritisch ist die Situation für Mütter mit kleinen Kindern.

"Wenn Geld keine Rolle spielen würde, wären wir schon längst weg", sagt die 29-jährige Sarah Grossman. Die Jüdin aus New York zog vor sechs Jahren nach Israel, um israelische Staatsbürgerin zu werden. "Ich habe auf den Golanhöhen gelebt, das war nicht besonders sicher. Aber ich hatte ein Gefühl von zionistischem Patriotismus."

Jetzt ist sie mit einem Israeli verheiratet und hat eine sechsjährige Tochter. In wenigen Wochen steht die Geburt des zweiten Kindes bevor. Ihre Ansichten haben sich geändert: Während sie bei ihrer Ankunft in Israel noch orthodoxe Jüdin gewesen sei, bezeichnet sie sich jetzt als säkular.

Die Ängste der Mütter

"Nachdem ich meine Tochter bekommen hatte, und jetzt, wo ich wieder schwanger bin, fange ich wirklich an, mich zu fragen, ob dieses Gefühl von Zionismus es wert ist, seine Kinder zu Märtyrern zu machen", sagt Grossman

"Wenn ich jung und Single wäre, dann ginge es nur darum, aufzustehen und die jüdische Heimat zu verteidigen. Doch jetzt verstecke ich meine Kinder bei

Raketenangriffen

in Luftschutzbunkern", so die Frau weiter. Sie könne ihrer kleinen Tochter nicht einmal versprechen, dass der Vater, ein Reservist der israelischen Streitkräfte, wieder nach Hause komme.

"Ich fühle mich unsicher, wenn ich das Gesicht meiner Tochter sehe, wenn wir in den Bunker gehen. Niemand sollte sein Kind in so einem Zustand sehen müssen", sagt die junge Frau.

Auch die alleinerziehende Mutter Tal Pichovich macht sich große Sorgen um ihre Kinder. Sie hat mit ihren sechs Monate alten Zwillingen die Stadt Sderot verlassen und lebt jetzt in einem Kibbuz namens Dorot im Süden des Landes.

"Hier schlagen die ganze Zeit Raketen ein, und zwar nicht erst seit diesem Monat, sondern seit Jahren", sagt Pichovich. "Ich musste mich fragen, nach welchem der Babys ich zuerst greifen würde, sollte eine Rakete einschlagen, wenn ich an einem öffentlichen Ort bin."

Rennende Frau bei Raketenangriff in Israel. (Foto: REUTERS/Nir Elias)

Wenn die Sirenen heulen, rennen die Menschen so schnell wie möglich in die Bunker

Auf die Frage, wie sie die verstärkten israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen und den damit verbundenen Tod von über 170 Palästinenesern sieht, erklärt sie: "Ich gebe zu, dass das Leben von Müttern in Gaza viel härter ist."

"Eiserne Disziplin"

Der UN-Sicherheitsrat forderte am Samstag (12.07.2014) einen Waffenstillstand in der Region und rief alle Parteien dazu auf, die Menschenrechte zu achten. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sprach sich dafür aus, dass die UN die Region unter "internationalen Schutz" stellen sollte.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu gab eine Erklärung ab, in der er den Bewohnern Israels zu ihrer "Reife und Verantwortung" gratulierte, sie aber auch ermahnte, nicht selbstgefällig zu werden.

"Ich denke, ihr beeindruckt die ganze Welt", sagte der Premier und bat die Menschen, in den geschützten Gebieten zu bleiben. Außerdem sollten sie auf die Anweisungen der Behörden hören und nicht einfach losgehen, um die Luftangriffe zu beobachten: "Jemand hat ganz richtig bemerkt, dass man nicht nur die Eisenkuppel braucht, sondern auch eiserne Disziplin." Die "Eisenkuppel" bezeichnet das israelische Raketenabwehrsystem, das in den vergangenen Tagen viele Raketen aus dem Gazastreifen abwehren konnte.

Über 1300 Ziele in Gaza getroffen

Rebecca Fuhrman vom "One Family Fund", einer Organisation, die mit Terroropfern in Israel arbeitet, sagte, 300 Familien im Süden Israels seien wegen körperlicher und psychischer Traumata evakuiert worden. "Ein kleiner Junge war mit seiner Mutter auf dem Weg zum Einkaufen, als sie die Sirenen hörten. Sie zog ihn aus dem Auto und warf sich über ihn", sagte Fuhrman. "Sie kam ohne einen Kratzer davon, doch in sein Gehirn ist ein Granatsplitter eingedrungen, als die Rakete wenige Meter von ihnen entfernt landete." Dadurch hat der Junge 75 Prozent seiner Gehirnfunktionen verloren.

Eine Rakete wird vom Iron Dome abgefeuert. (Foto: DAVID BUIMOVITCH/AFP/Getty Images)

Das Abwehrsystem "Iron Dome" hat schon viele Raketen von Israel ferngehalten

Das israelische Militär veröffentlichte am Sonntag offizielle Zahlen zum aktuellen Konflikt: Nach diesen Angaben hat es 1320 Ziele in Gaza beschossen, unter anderem 735 Raketenabschussbasen, 64 Trainingscamps und Militärstützpunkte und 32 Quartiere der Hamas-Führung.

Für einen Militäreinsatz in Gaza

Seine Ansichten über Israel haben sich geändert, sagt der 30-jährige Ronnie Arad. Der Student zog vor fünf Jahren aus Los Angeles nach Jerusalem. "Am Anfang war ich viel naiver, was Israels Regierung angeht", sagt Arad. "Jetzt bin ich kritischer - ich glaube, die Regierung ist korrupt und kümmert sich nur um ihre eigenen Interessen."

Israels Militäreinsatz gegen Gaza halte er trotzdem für richtig: "Ich finde es großartig, die israelischen Verteidigungskräfte müssen noch mehr tun. Sie müssen reingehen und das Böse dort zerstören."

Im Gazastreifen wurden 800 Bewohner mit amerikanischer, britischer, australischer, kanadischer, deutscher und schwedischer Staatsbürgerschaft evakuiert und nach Israel oder Jordanien gebracht. Viele dieser Menschen sind Palästinenser aus Gaza mit doppelter Staatsbürgerschaft. Schätzungen zufolge leben mehr als 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen.

"Wir gegen die Hamas"

In Jerusalem erklärt Sarah Grossman, der Raketenbeschuss mache ihr mehr Angst als die zweite Intifada, weil sie nicht wisse, wie lange es noch so weitergehen werde. Aus ihrer Sicht geht es nicht um einen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

"Es ist eher: Wir gegen die Hamas", sagt Grossman. "Dass die Hamas Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilder missbraucht, ist bedauerlich, aber wenn wir sie nicht aufhalten, werden sie uns noch Schlimmeres antun. Wenn Israel seine Waffen niederlegen würde, gäbe es Israel nicht mehr. Doch wenn die Palästinenser ihre Waffen niederlegen würden, gäbe es Frieden."

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