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Fußball

"In Gleichzahl hätten wir nie verloren"

Nach der 0:1-Niederlage gegen Serbien ist unser DW-Experte Olaf Thon zuversichtlich, dass Deutschland im "Endspiel" gegen Ghana das Achtelfinale erreicht. Dem Schiedsrichter macht Thon keine Vorwürfe.

Des ehemaligen Nationalspielers und jetzige DW-WM-Experte Olaf Thon

DW-world.de: Wie bewerten Sie die Leistung der deutschen Mannschaft nach dieser 0:1-Niederlage?

Olaf Thon: Ja, man muss das erstmal sacken lassen. Nach dem grandiosen 4:0-Auftaktsieg haben alle gedacht, das ist ein Selbstläufer. Aber wir haben gesehen, dass Serbien von Anfang an Druck gemacht hat und dann verdient in Führung gegangen ist. Danach den Schalter umzulegen, ist nicht ganz so einfach. Aber wir haben das geschafft. Chancen waren da: Mit dem Elfmeter, mit Schüssen von Podolski, mit Lattentreffern von Khedira und, und, und. Leider konnten sie nicht verwertet werden.

Kann man der deutschen Elf überhaupt einen Vorwurf machen?

Eigentlich nicht. Außer, dass sie die Chancen nicht genutzt haben. Aber das ist oft so: Wenn man sie nicht macht, wird man bestraft. Und bei so einem großen Event wie der Weltmeisterschaft hat man nicht viele Patronen. Jetzt muss Deutschland hoffen, dass sie das dritte Spiel gewinnen, zumindest unentschieden spielen. Wir sind auch abhängig davon, wie Ghana gegen Australien spielt. Man muss schon fast hoffen, dass Ghana gegen Australien gewinnt, um noch eine reelle Chance zu haben, weiterzukommen.

"Der Schiedsrichter war nicht der Hauptschuldige"

Bastian Schweinsteiger, li, Sami Khedira und Arne Friedrich diskutieren mit dem Schiedsrichter (Foto: AP/Marcio Jose Sanchez)

Da hilft alles Diskutieren nichts - Schiedsrichter Undiano verteilt schnell Karten

Es war schon vorher bekannt, dass Schiedsrichter Alberto Undiano sehr viele gelbe Karten zückt. Waren die vielen gelben Karten berechtigt oder fehlte da das Fingerspitzengefühl?

Man wusste das ja, und von daher muss man besonders vorsichtig sein, wenn man schon eine gelbe Karte hat und darf den Gegenspieler nicht so von hinten attackieren. Klose hat einen dummen Fehler gemacht. Dafür wurde er bestraft und die deutsche Mannschaft, indem man jetzt verloren hat. In Gleichzahl hätten wir dieses Spiel nie verloren. Deshalb war es ein großer Fehler von Miroslav Klose und nicht vom Schiedsrichter. Man muss die Fehler immer bei sich selber suchen.

Hätte Joachim Löw nicht früher reagieren und Klose rausnehmen müssen?

Ja, aber normalerweise ist Miroslav so erfahren, dass ich ihn als Trainer auch nicht in der 30. Minute ausgewechselt hätte. Das Foul war grenzwertig. Man hätte so oder so entscheiden können. Aber da muss man einfach wegbleiben, weil auch der Gegner in der Situation nicht gefährlich vor unser Tor kam. Der Schiedsrichter ist in meinen Augen nicht der Hauptschuldige.

Kommen wir zum Tor, das nur eine Minute nach dem Platzverweis fiel. Kann man das noch dem Schock über den Platzverweis zuschreiben?

Ja, vielleicht waren sie noch ein bisschen gehemmt und haben gehadert. Aber es war auch ein toller Pass auf Rechtsaußen und (Holger) Badstuber kam da nicht mehr hinterher. Da fehlte ein bisschen die Spritzigkeit. Und dann gab es noch ein Missverständnis zwischen Philipp Lahm und (Per) Mertesacker. Wenn Philipp Lahm bei seinem Gegenspieler bleibt und Mertesacker das Kopfballduell angehen kann, dann ist man in Überzahl in der Mitte und das Tor wäre nicht passiert. Für Manuel Neuer war es auf der Linie sehr schwer herauszukommen, um das Tor zu verhindern. Es war auch gut gemacht von den Serben. Das muss man anerkennen.

Haben Sie erwartet, dass es einen Wechsel zur Halbzeit gibt?

Ich hätte in der Halbzeit auch nicht gewechselt. Erstmal abwarten, wie das Spiel sich entwickelt, vor allem in Unterzahl. Das war genau richtig so. Löw hat dann Zug um Zug Spieler gebracht wie (Mario) Gomez und (Marko) Marin. Marin, muss ich aber sagen, war eine einzige Enttäuschung. Da hat man doch gemerkt, dass er übermotiviert war. Das war keine glückliche Einwechslung.

Allein Podolski hatte mehrere Hochkaräter auf dem Fuß. Sowohl aus dem Spiel heraus als auch beim Elfmeter. Normalerweise ist er ein sicherer Schütze. Warum hat er heute nicht getroffen?

Elfmeter platziert er sonst immer mit Vollspann irgendwo in Richtung Mitte des Tores. Hauptsache mit Gewalt. Man hat gemerkt, dass er viel zu viel nachgedacht hat. Und wenn Poldi nachdenkt, das ist nicht gut. Das ist für keinen Spieler gut. Daher war es klar, dass er dann kläglich versagte. Danach waren es noch die Auswirkungen des verschossenen Elfmeters, dass er seine Chancen nicht genutzt hat. Ein Podolski in Normalform hätte heute mindestens zwei Tore gemacht. Aber daran sieht man auch, was bei einer Weltmeisterschaft für ein Druck auf den Spielern lastet. Ich kann das nachempfinden, weil ich selbst bei der WM dabei war. Da entstehen Drucksituationen, denen manche Spieler nicht gewachsen sind.

"Wir kommen ins Achtelfinale"

Die deutschen Spieler schleichten enttäuscht vom Platz. (Foto: AP Photo/Matt Dunham)

Nicht den Kopf hängen lassen!

Ist der Druck vielleicht auch ein bisschen von außen gekommen? Es gab eine riesige Euphorie nach diesem grandiosen Auftakt gegen Australien.

Vielleicht, es besteht aber eigentlich gar kein Grund und sie hätten mit breiter Brust ins Spiel gehen können. Aber schon von Anfang an hat Serbien gezeigt, dass sie unbedingt das Spiel gewinnen wollen. Das haben sie geschafft und man sieht, was man mit der Einstellung am Anfang eines Spiels bewirken kann. Aber Deutschland darf den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken. Sie haben ein sehr gutes Spiel gemacht und 4:0 gewonnen gegen Australien. Dann das zweite Spiel nach großem Kampf knapp verloren mit einem Mann in Unterzahl. Sie haben einen Elfmeter verschossen, Riesenchancen gehabt. Und von daher brauchen sie sich nicht verstecken, sich schämen, sondern sich einfach konzentriert auf das nächste Spiel vorbereiten. Da bin ich guter Dinge, dass wir ins Achtelfinale einziehen.

Kann man das als kleine Parallele sehen zur Europameisterschaft 2008? Zuerst der 2:0-Sieg gegen Polen, dann 1:2 gegen Kroatien verloren, dann das erfolgreiche "Endspiel" gegen Österreich?

Ja, das sieht fast so aus. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern. Aber jedes Turnier ist anders, jede Situation verhält sich anders. Daher haben wir auch hier ganz andere Spieler als 2008. Und wir sind bei einer Weltmeisterschaft. Das ist das Größte, was es für einen Fußballer gibt. Und deshalb wäre ich nicht überrascht, wenn wir gegen Ghana ganz klar gewinnen.

Die Fragen stellte Olivia Fritz
Redaktion: Stefan Nestler

DW-Radio überträgt das WM-Spiel Deutschland gegen Ghana am Mittwoch (22.06.2010) live ab 20.30 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit.

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