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Europa

"In Georgien droht ein neuer Krieg"

Knapp zwei Jahre nach dem georgisch-russischen Krieg um Süd-Ossetien ist es still geworden um diesen Konflikt. Doch es sei eine trügerische Ruhe, meint Alexander Sosnowski, Autor des Buches "Das Georgien-Syndrom".

Ein verwundeter Mann im Rollstuhl vor einem zerstörten Panzer (Foto: AP)

Süd-Ossetien am 14. August 2008

Als die Sowjetunion sich auflöste und Georgien seine Unabhängigkeit verkündete, erklärten sich zwei autonome Regionen Georgiens für selbständig: Abchasien und Süd-Ossetien. Die internationale Staatengemeinschaft hat diese Abspaltung nie anerkannt und betrachtet Abchasien und Süd-Ossetien nach wie vor als Teile Georgiens. Russland jedoch hat die abtrünnigen Regionen unterstützt und, nach dem Krieg mit Georgien, als Staaten anerkannt.

Dieser Krieg begann am 7. August 2008 mit dem Angriff georgischer Truppen auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali - nach georgischer Darstellung als Reaktion auf Provokationen südossetischer Separatisten mit russischer Rückendeckung. Der Journalist Alexander Sosnowski, der für die ukrainische Redaktion der Deutschen Welle arbeitet, sieht das anders: "Beide Seiten sind gleichermaßen schuldig."

Präsident Saakaschwili hat seinem Land geschadet

Saakaschwili gestikuliert (Foto: AP)

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili

Bei seinen Recherchen in der Konfliktregion hat Sosnowski Dokumente gesehen und Zeugen gesprochen, die für ihn eines klar belegen: Der georgische Präsident Michail Saakaschwili ist keineswegs der Unschuldsengel, als der er sich während des Konflikts präsentierte. Zu diesem Ergebnis ist auch eine Kommission der Europäischen Union gekommen, die den Krieg untersucht hat.

Georgien sei sicherlich provoziert worden - aber Saakaschwili habe sich auch provozieren lassen, habe emotional entschieden statt rational, meint Sosnowski. Das Land habe dadurch viel verloren, nicht nur wirtschaftlich: "Die georgische Gesellschaft ist gespalten, das ist die schrecklichste Sache, die in Georgien passieren konnte." Die ethnischen Spannungen in der Region seien verhärtet, Südossetien und Abchasien für mindestens 20 Jahre verloren, wahrscheinlich für länger, fürchtet der Autor.

Alle Seiten missachten Menschenrechte

Porträt Sosnowski (Foto: Alexander Sosnowski)

DW-Journalist und Buchautor Alexander Sosnowski

Der neue Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, hat Sosnowskis Buch "Das Georgien-Syndrom" in Berlin vorgestellt. Der FDP-Politiker sieht knapp zwei Jahre nach dem Krieg eine bedenkliche Menschenrechtssituation in den abtrünnigen Gebieten und in Rest-Georgien. Politisch Andersdenkende würden verfolgt, die Medienfreiheit sei eingeschränkt, Menschen säßen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung gesagt haben, zählt Lüning auf. "Davon versucht Präsident Saakaschwili oft abzulenken, aber seine Menschenrechtsbilanz ist keine besonders gute."

In Deutschland hört man davon derzeit wenig. Das bedeute aber nicht, dass sich der Konflikt beruhigt habe, so Sosnowski: "Von beiden Seiten laufen Vorbereitungen zum neuen Krieg. Davon gehe ich aus. Ich war in Abchasien, ich war in Süd-Ossetien, ich war in Georgien, und ich habe festgestellt, dass alle drei nicht mit dem Ergebnis des Krieges vom August 2008 zufrieden sind. Ich glaube, es kommt noch was."

Georgien braucht jetzt eines: Zeit

Buchcover (Foto: Mauer-Verlag)

Im April 2010 erschienen: Das Georgien-Syndrom

Alexander Sosnowski kennt die heutige Konfliktregion seit seiner Kindheit. Er kennt sie als ein Georgien, in dem die verschiedenen Volksgruppen ohne Probleme zusammengelebt haben. Ähnlich wie im ehemaligen Jugoslawien ist daraus Anfang der 1990er-Jahre ein blutiges Gegeneinander geworden. Ereignisse, die weit zurück in der Geschichte liegen, wurden wieder lebendig. Diese Geschichte müsse aufgearbeitet werden, um den Georgien-Konflikt lösen zu können, sagt Sosnowski. Ein anderer Lösungsansatz ist die Zeit. Georgien müsse sich mit seinen Forderungen - ob legitim oder illegitim - "ein bisschen zurückhalten und abwarten. Und wenn die Zeit kommt, dann kommen diese Völker wieder zusammen, davon bin ich fest überzeugt, und die Region Groß-Kaukasus wird dann wahrscheinlich irgendwann friedlich."


Das Buch "Das Georgien-Syndrom", 234 Seiten, (ISBN: 978-3-86812-219-0) ist beim Mauer-Verlag erschienen und kostet als Hard-Cover 22,80 Euro.

Autor: Peter Stützle
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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