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Deutschland

In die Jahre gekommen - Greenpeace Deutschland wird 30

1980: Umweltschützer in einem kleinen Schlauchboot blockieren im niedersächsischen Nordenham drei Tage lang den Frachter Kronos Titan. Der will giftige, ätzende Abfälle der Farbstoff-Industrie in die Nordsee kippen.

Zwei Greenpeace-Aktivisten in dicker Kleidung haben im Hamburger Hafen 2002 ihr Schlauchboot direkt unter den Frachter Enif gesteuert, um mit einem Plakat gegen die Abholzung im Urwald zu protestieren. (Foto: AP)

Typisch Greenpeace

Die Aktion am 13. Oktober 1980 ist die erste Protestaktion von Greenpeace in Deutschland und gleich die erste von vielen, die von Erfolg gekrönt wurden.

Monika Griefahn, Greenpeace-Pionierin. (Foto: DW)

Monika Griefahn

Mit an Bord des Gummibootes, das die Aktivisten damals von Elbfischern geliehen hatten: Monika Griefahn, die spätere Umweltministerin des Landes Niedersachsen. Sie organisierte für Greenpeace Kampagnen gegen chemische Verschmutzung, kettete sich mit ihren Mitstreitern an Rettungsinseln und an Eisenbahngleise. Damals wie heute blockieren die Aktivisten Zufahrten der Atommüllzwischenlager durch Sitzstreiks, verschweißen Eingangstore. Sie steuern ihre Boote zwischen Wale und die Harpunen der Walfänger, nicht nur, um auf Missstände aufmerksam zu machen, sondern auch, um sie zu verhindern. Die Umweltschützer agieren mutig, für Außenstehende sogar todesmutig, selbstlos, schwindelfrei, mitunter radikal und am Rande der Legalität.

Spektakulär, gewaltfrei, professionell, mit starker Symbolkraft.

Die Auftritte vermitteln den Eindruck von ganz großem Abenteuer. Und wenn dann noch, wie stets beabsichtigt, Kamerateams und Fotografen dokumentieeren, wie hohe Wellen gegen ein kleines Boot schlagen, in dem zarte Umweltkämpfer ihr Leben einsetzen, oder wie Tausende Polizisten mit Schutzschilden und Schlagstöcken versuchen, eine Sitzblockade der selbst ernannten "Regenbogenkrieger" aufzulösen, dann passt die Überschrift vom Kampf "David gegen Goliath" wieder einmal wie die Faust der Greenpeacler aufs Auge der Staatsmacht oder der Umweltfreveler. Die Öko-Piraten sind Vorbilder für Jugendliche, die selbst Greenpeace-Aktivist werden wollen. Die Inszenierungen der Nachfahren Robin Hoods sind wichtiger Teil der Arbeit der Umweltbewegung. Die Aktionen klappen wie einstudiert, die Medien sind immer informiert und deshalb dabei, um dann zu zeigen, wie Transparente entfaltet und aufgehängt werden oder schwindelfreie Mitstreiter Schornsteine erklimmen.

Erfolg durch schlagkräftige kleine Teams

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace schwimmen in der Spree vor dem Reichstag in Berlin am Mittwoch, 9. April 2008, mit einem Transparent, das einen Euroschein mit dem Porträt der Bundeskanzlerin Angela Merkel darstellt, und der Forderung Urwaldschutz ist Klimaschutz. (Foto: AP)

Protest im Wasser

Im Juni 1992 stoppte Greenpeace bei Bremen und Dover Atomtransporte für die Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield. Den dort radioaktiv verstrahlten Sand überreichten Greenpeace-Mitarbeiter den Umweltministern der Bundesländer. Wirkung zeigte auch der Einsatz für chlorfrei gebleichtes Papier: Immer mehr Verlage greifen zum Druck auf chlorfreie Ware, also Altpapier, zurück, für dessen Herstellung kein neuer Baum gefällt werden muss. Und als Greenpeace 1993 deutsche Giftfässer aus Rumänien nach Deutschland zurück bringen ließ, erteilte die Bundesregierung den Auftrag, 425 Tonnen Altpestizide aus deutscher Produktion zurück zu holen.

Auch beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm zeigte Greenpeace Präsenz: Drei Boote der Organisation lieferten sich in der Sperrzone, in Sichtweite des Medienzentrums, eine wilde Verfolgungsjagd mit einem Dutzend Polizeibooten. Dann gelang es den Umweltschützern, Plakate zu entrollen mit der Aufforderung: "G8 Act now! – G8 Jetzt handeln!" 21 Aktivisten wurden festgenommen. Doch ohne diese einzigartigen Protestaktionen wäre Greenpeace nur eine von vielen Umweltgruppen.

Deutsche Sektion weltweit am wichtigsten

In den 30 Jahren des Bestehens in Deutschland ist die bekannteste Umweltorganisation zu einer festen Instanz, einem Gegenpart der wählerfixierten Parteien und der gewinnorientierten Industrie geworden. Greenpeace ist gesellschaftlich akzeptiert.

Greenpeace-Aktivisten stehen am Mittwoch, 8. Juli 2009, am Sicherheitszaun vor dem Kernkraftwerk Krümmel in Schlewsig-Holstein. Alle Tore des AKWs wurden von den Umweltschützer durch Ketten oder Schweissnähte blockiert. (Foto: AP)

AKW im Visier

Seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 schaut Greenpeace genau auf die Atom-Politik. Die Mitarbeiter sammeln Beweismittel für Umweltfrevel, erstellen Gutachten, um Alternativen aufzuzeigen. Wie beispielsweise in der Sache "Atommüllendlager Gorleben". Hier haben die Atomexperten von Greenpeace 12.000 Seiten zusammengetragen und durchgearbeitet: Kabinettsprotokolle, Vermerke und Studien. Dazu forderten sie Akteneinsicht bei Behörden und Ministerien auf Grundlage des Umweltinformationsgesetzes.

Ankläger und Erfinder von Alternativen

Greenpeace-Experten zeigen auch auf, was machbar ist, wenn sich die Industrie schwertut. So produzierten sie den ersten FCKW-freien Kühlschrank, sie präsentierten mit dem "SmILE" das sparsame Dreiliterauto. Smile steht dabei für "small, intelligent, light and efficient". Und sie preisen Ökostrom der eigenen Genossenschaft an.

Greenpeace-Protest mit einem toten Wal vor der japanischen Botschaft in Berlin im Januar 2006 (Foto: AP)

Berlin 2006

Sehr nachhaltig war auch die Protestaktion 2006 vor der japanischen Botschaft in Berlin: Mit einem Sattelzug hatten Greenpeace-Aktivisten einen toten Finnwal vor das Gebäude gebracht, um mit dem 17 Meter langen und 20 Tonnen schweren, blutverschmierten Kadaver die Forderung des vollständigen Walfang-Verbotes zu untermauern. Das Tier, das zum medienwirksamen Protestsymbol werden sollte, war zuvor in der Ostsee vor Warnemünde tot aufgefunden worden.

Was nicht mit Aktionen erreicht werden konnte, das wurde auch vor Gericht erstritten, nicht immer freiwillig allerdings: In einem Fall war Grennpeace nämlich vom Stromkonzern RWE dafür verklagt worden, die Stromer als "Klimakiller" bezeichnet zu haben. Zu Recht, urteilten die Kölner Richter.

Differenzierte Erfolgsgeschichte

Dass Greenpeace nicht unfehlbar ist, zeigte die Kampagne gegen die Versenkung der Ölplattform "Brent Spar". Greenpeace International hatte falsche Angaben über Ölmengen und Schadstoffe in Umlauf gebracht.

Auch das Thema Klimawandel zeigt, dass Greenpeace hier nicht einen Gegner anprangern, einkreisen oder ihm aufs Dach steigen kann, denn hier sind viele Verursacher involviert: Verbraucher, Autohersteller, Kohlekraftwerksbetreiber. Allerdings hat die Organisation einen "Plan B 2050" vorgelegt, der aufzeigt, wie Deutschland, zumindest rein theoretisch, sein Klimaschutzziel erreichen könnte.

Das Projekt "Einkaufsnetz" wurde eingestellt, weil die Kosten zu hoch waren. Abonnenten erhielten alle drei Monate einen Rundbrief, in dem sie über Gifte in Bekleidung, die Risiken von Genfood aufgeklärt wurden und zugleich Tipps erhielten - zum Spritsparen und zum ökologischem einwandfreien Konsum. Immerhin erklärte der Metro-Konzern 2003, keine gentechnisch produzierten Waren zu verkaufen.

Kritiker bemängeln, dass es Greenpeace an Basisdemokratie fehle, weil die Organisation von der Hamburger Deutschland-Zentrale aus in zentralistischen und hierarchischen Strukturen geführt werde.

Nachahmer, Konkurrenten und Mitstreiter in der Politik

Bundesumweltminister Norbert Röttgen bei einem Windkrafthersteller. (Foto: dpa)

Würdigt Greenpeace - Umweltminister Röttgen

Mittlerweile haben sich politische Parteien, angeführt von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN, den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mit ihrem Kabinett die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern will, zollte den Umweltpionieren höchste Anerkennung. Merkel, einst selbst Bundesumweltministerin, schreibt in einem Beitrag für das Greenpeace-Magazin zum 30-jährigen Bestehen der Organisation: "Uns eint das gemeinsame Anliegen, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren, insbesondere beim Kampf gegen den Klimawandel".

Und Bundesumweltminister Norbert Röttgen wünscht sich, "dass Greenpeace unbequem bleibt, lästig, fordernd, fantasievoll und unbestechlich". Das dürfte Ansporn sein für Mitarbeiter und Ehrenamtliche.

Autorin: Karin Jäger
Redaktion: Hartmut Lüning