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Europa

In der Ukraine verschont die Revolution ihre Kinder

In der Ukraine soll die Revolution nicht ihre Kinder fressen. Die Aktivisten-Bewegung "Pora" als Partei ins Parlament. Ihre Chancen stehen gut.

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Von der Straße ins Parlament - das ist das Ziel ehemaliger ukrainischer Demonstranten

Auf dem Maidan, dem zentralen Platz im Herzen Kiews, dort, wo die so genannte orangefarbene Revolution im Spätherbst 2004 ihre heiße Phase erreichte, probt eine Militärkapelle. Ein kleiner Hauptmann mit großer Mütze und Kugelbauch reißt Knie und Arme im Takt der Musik in die Luft, marschiert auf der Stelle. 80 Musiker in Militäruniform folgen seinem Beispiel.

Unweit des Platzes leuchtet ein gelber Aufkleber an einer Haustür. "Pora" steht darauf, vier schwarze Buchstaben auf gelbem Grund, das "O" mit Zeigern in der Mitte. Sie stehen auf fünf vor zwölf. "Pora" bedeutet: "Es ist Zeit".

Viele Probleme

Aktivisten der unabhängigen Studentenbewegung "Pora" hatten im Herbst 2004 das Zentrum der Hauptstadt Kiew belagert. Auf dem zentralen Platz, dem Maidan, schlugen sie bei Eiseskälte Zelte auf, kleideten sich gelb für "Pora" und orange für den Oppostionskandidaten Viktor Juschtschenko. Mittlerweile ist Juschtschenko Präsident, und in der Ukraine häufen sich die Probleme. Die Reformen geraten ins Stocken. Ein Grund für "Pora", politisch aktiv werden zu können. Aus der Jugendbewegung "Pora" ist deshalb eine Partei geworden, die bei den Wahlen im kommenden Frühjahr ins Parlament einziehen möchte.

In der zum Großraumbüro umgebauten Gewerbeetage in der Nähe des Maidan sitzt die Parteizentrale von "Pora". Überall hängen gelbe Stoffbahnen und Fotos von den Tagen des Protests. Pora basierte auf der Theorie des gewaltlosen Widerstands. Anfang des Jahres, nach dem erfolgreichen Ende der orangefarbenen Revolution, hat sich die Jugendbewegung selbst aufgelöst. An ihrer Stelle sind drei Organisationen entstanden: Ein Zentrum, das Demokratie in andere Länder exportieren möchte, ein Bündnis, das sich für Menschenrechte einsetzt, und die Partei "Pora". "Die so genannte Mittelschicht ist jetzt eine sehr aktive politische Kraft in der Ukraine", sagt Schenja Solotarjow, Vorstandsmitglied bei "Pora", "und 'Pora' vertritt die Interessen dieser Bevölkerungsgruppe."

Aussichtsreich

Beobachter räumen der Partei gute Chancen ein, sofern sie es schafft, ihre Botschaft unter die Leute zu bringen. Denn das Vertrauen der Bevölkerung in die einstigen Idole der Revolution, Präsident Viktor Juschtschenko und seine mittlerweile von ihm geschasste Premierministerin Julia Tymoschenko, sinkt. Für alle diejenigen, die von der neuen Staatsführung enttäuscht sind, die aber dennoch Reformen wollen, bietet "Pora" eine wählbare Alternative, meinen ukrainische Politologen.

Der 33-jährige Solotarjow sieht "Pora" in einer Reihe mit der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc oder der ungarischen Freiheitsbewegung während des Kalten Kriegss, als mit den Studentenbewegungen in Serbien oder Georgien.

Legenden und Gerüchte

Auch Iryna Tschuprina war bereits während der Revolution bei "Pora" und arbeitet jetzt für die Partei. Wie viele ihrer Mitstreiter, hat die 30jährige bereits die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung Anfang der 1990er Jahre aktiv miterlebt. Bereits damals hatten einzelne gewaltlose Gruppen immer wieder versucht, das Regime von Ex-Präsident Leonid Kutschma zu stürzen. Immer wieder wurden sie von der Staaatsmacht niedergeschlagen. Dass es 2004 mit "Pora" schließlich klappte, lag nicht an der Unterstützung durch die USA, versichert Iryna Tschuprina. Derartige Gerüchte seien sie leid. "Pora" habe sich über Spenden ukrainischer Kleinunternehmer finanziert. So sei es bis heute. "Unsere Revolution war, glaube ich, die schönste, von allen diesen friedlichen Revolutionen in Europa."

Dann zeigt sie auf ein großes Transparent mit einem Adler darauf - das neue Symbol von "Pora". Der Vogel blickt wachsam, im vollen Bewusstsein seiner Kraft und Unabhängigkeit. Um den Hals trägt er ein gelbes Tuch. Darauf der Schriftzug von "Pora". "Das ist so wie ein Wachvogel. Also, er sieht sehr viel und kann auf lange Distanz sehen, das ist jetzt eine Art von unseren neuen Symbolen", erklärt Tschuprina. "Das bedeutet, dass wir erwachsen geworden sind."

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