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Fokus Osteuropa

In der Ukraine scheint der Fall Gongadse aufgeklärt

Der Mord am Journalisten Georgij Gongadse ist aufgeklärt. Das erklärte am 28. Februar der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko. Die unmittelbaren Mörder seien festgenommen. Doch inzwischen werden Bedenken laut.

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Der ehemalige DW-Mitarbeiter Georgij Gongadse mit seiner Familie

Vor über vier Jahren, am 16. September 2000, ist Georgij Gongadse in der Kiewer Innenstadt verschwunden. Die geköpfte Leiche des Journalisten, der zu Leonid Kutschmas Regime in Opposition stand, wurde Anfang November desselben Jahres in einem Waldstück nahe der ukrainischen Hauptstadt aufgefunden. Die später veröffentlichten Gesprächs-Aufzeichnungen aus Leonid Kutschmas Amtszimmer, die vom Major des Staatsschutzes und Leibwächter des Staatsoberhaupts Mykola Melnytschenko erstellt worden waren, weckten den Verdacht, Leonid Kutschma und dessen Umfeld sei für Gongadses Tod verantwortlich. Die Öffentlichkeit in der Ukraine und in aller Welt hatte in den vergangenen Jahren ständig Ermittlungsergebnisse verlangt, aber konkreten Fortschritt gab es erst jetzt.

Erklärung der Präsidenten-Sprecherin

Die Sprecherin des ukrainischen Präsidenten, Iryna Heraschtschenko, sagte, das Staatsoberhaupt habe die Arbeit der Rechtsschutzorgane ständig verfolgt. Informationen der Generalstaatsanwaltschaft, des Sicherheitsdienstes und des Innenministeriums hätten die sensationelle Mitteilung des Präsidenten nun erlaubt. "Heute kann man sagen, dass diejenigen ausfindig gemacht wurden, die am Mord an unserem Kollegen Georgij Gongadse beteiligt waren. Festgenommen wurden mehrere Personen, die verdächtigt werden, diese schwere Straftat verübt zu haben", sagte sie.

"Mörder wurden von Staatsmacht gedeckt"

Der ukrainische Präsident betonte, der Hauptgrund dafür, warum der Fall jahrelang nicht aufgeklärt werden konnte, sei die Tatsache, dass die frühere Staatsmacht keinen politischen Willen besessen habe, den Fall Gongadse aufzuklären. Die Sprecherin des Präsidenten sagte: "Es fehlte nicht nur der Wille, die Vollstrecker und Auftraggeber des Mordes zu finden, sondern die vorherige Staatsmacht hat die Mörder sogar gedeckt."

Wer gab den Mord in Auftrag?

Die Generalstaatsanwaltschaft will im Fall Gongadse nun den ehemaligen Innenminister Jurij Krawtschenko vernehmen. Das teilte vor Journalisten Generalstaatsanwalt Swjatoslaw Piskun mit. Er sagte, er wisse, wer den Mord in Auftrag gegeben habe. Ferner berichtete er, Gongadse sei erstickt und danach in einen Wald gebracht worden. Dort habe man die Leiche mit Benzin übergossen und angezündet. Dem Generalstaatsanwalt zufolge sind die unmittelbaren Mörder Offiziere der Miliz und sie seien bereits festgenommen. Ferner werde nach General Pukatsch international gefahndet, der die Überwachung Gongadses organisiert habe. Warum die Leiche geköpft wurde und wer den Mord in Auftrag gab, blieb auch nach der Pressekonferenz des Generalstaatsanwalts unklar.

Kritik an Staatsanwaltschaft

Nach Ansicht des Vorsitzenden des parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Fall Gongadse, Hryhorij Omeltschenko, sind die voreiligen Mitteilungen der Staatsanwaltschaft schädlich. Die Tatumstände seien dem Ausschuss bereits im Jahr 2003 bekannt gewesen. Dem Abgeordneten zufolge ist das Leben eines der Tatverdächtigen, des ehemaligen Innenministers Krawtschenko, in Gefahr. "Wenn Krawtschenko nicht festgenommen wird, dann befürchte ich, dass er zur Vernehmung in der Generalstaatsanwaltschaft nicht erscheint. Man wird ihn entweder erhängt, erschossen oder vergiftet auffinden", sagte Omeltschenko.

Gongadse-Anwalt skeptisch

Unterdessen erklärte der Anwalt der Mutter des ermordeten Journalisten, Andrij Fedur, er glaube nicht, dass der Fall Gongadse aufgeklärt sei. Er sagte der Deutschen Welle, die mutmaßlichen Mörder Gongades seien möglicherweise tatsächlich festgenommen worden, aber er denke, dass die Auftraggeber der Tat trotzdem ungestraft davon kommen würden. "Ich vertraue Piskun nicht und werde ihm niemals vertrauen. Von einer Aufklärung des Falls wird man erst nach einem Gerichtsurteil sprechen können", unterstrich er. Fedur ist der Ansicht, der Präsident, der zugesichert habe, alle am Mord beteiligten Personen ausfindig zu machen, nehme eine ehrliche Haltung ein.

Jurij Salisnjak, Ljubomyr Petrenko, Sachar Butyrskyj
DW-RADIO/Ukrainisch, 2.3.2005, Fokus Ost-Südost