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Welt

In der Türkei entlädt sich der Volkszorn

Die Türkei erlebt die schwersten Proteste seit über zehn Jahren. Anfangs richteten sich die Demonstranten gegen ein Bauprojekt in einem Istanbuler Park. Jetzt kämpfen sie gegen die Regierung.

Im Istanbuler Gezi-Park herrscht am Sonntag Festival-Stimmung. Dort, wo die gewaltsamen Ausschreitungen zwischen der Polizei und den Demonstranten angefangen hatten, versammeln sich Tausende Menschen und veranstalten ein Picknick mit Musik und Kerzenlicht. Freiwillige stellen Essen zur Verfügung und räumen das Chaos der vergangenen Tage auf.

Im benachbarten Stadtteil Besiktas kämpfen die Menschen allerdings weiter. In den Straßen rund um den Taksim-Platz haben sie Barrikaden gebaut aus Blumentöpfen, Sitzbänken, ausgerissenen Ampeln und Bussen; sie wollen der Polizei den Zugang versperren. In der Istanbuler Innenstadt herrschen nach wie vor chaotische Zustände. Auch in den Städten Ankara und Izmir kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der protestierenden Bevölkerung.

Demonstranten hocken hinter Straßenbarrikaden aus Pappe, Holz, Straßengittern. (Foto: Reuters)

Tausende Demonstranten gingen in Istanbul auf die Straße, viele verschanzten sich hinter Barrikaden

Was vor einigen Tagen als Demonstration gegen ein Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park und das Abholzen von Bäumen begonnen hatte, hat sich mittlerweile zu einem landesweiten Protest gegen den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan und seine islamisch-konservative Partei entwickelt. In den Protesten entlädt sich der Volkszorn, die Rufe gegen die Regierung werden immer lauter.

"Alle kämpfen für die gleiche Sache"

Mit Slogans wie "Taksim gehört uns, Istanbul gehört uns" oder "Schulter an Schulter kämpfen wir gemeinsam gegen Faschismus" wird die Menge im Gezi-Park mit Trommeln und Megafonen eingestimmt. Schwule, Lesben, Sozialdemokraten, Kommunisten, Junge und Alte. Gemeinsam besetzen sie den Park, den sie sich in den letzten Tagen hart erkämpft haben. Für viele der Demonstranten hat er symbolische Bedeutung. "Wir machen das hier, um etwas zu verändern. Wir kämpfen und sitzen hier seit Tagen, um die Regierung aufmerksam zu machen. Sie soll auf uns hören. Wir wollen, dass die Menschenrechte mehr geachtet werden und wir haben die Pressezensur satt", sagt ein 25-jähriger Demonstrant zur Deutschen Welle.

Ein regierungskritischer Demonstrant auf den Straßen von Istanbul. (Foto: Reuters)

Die Demonstranten protestieren gegen Erdogan und seine islamisch-konservative Partei

Die Demonstration bewirke sehr viel, so eine 28-jährige Politikstudentin im DW-Gespräch. "Durch all das, was momentan passiert, fühlen wir uns freier, Dinge auszusprechen. Wir sehen, dass wir mit unseren Gefühlen und Gedanken nicht alleine sind. In Zukunft wissen wir, dass wir innerhalb kürzester Zeit Tausende von Menschen auf die Straße trommeln können. Das gibt uns ein Stück Freiheit zurück, das wir so lange vermisst haben", so die junge Frau. Die Demonstration solle hier nicht enden, meint der 23-jährige Özgür Sanlioglu. "Bei diesem Protest vereinen sich Menschen unterschiedlichster Religion, Herkunft, Sprache und Weltanschauung. Alle kämpfen für die gleiche Sache. Wir kämpfen so lange, bis sich etwas ändert. Die Regierung soll dem Widerstand der Nation weichen", so Sanlioglu.

"Der Druck hat sich angestaut"

Auf dem Taksim-Platz wird friedlich weiter protestiert. Auf den umliegenden Hochhäusern sitzen die Menschen in schwindelerregender Höhe auf den Dächern. Unten auf dem Platz tanzen sie zu traditionell-türkischer Musik. Solidarisch unterstützt die Menge die Demonstranten in anderen Städten mit Slogans wie "Ankara, Izmir! Gezi-Park steht hinter euch!". Sogar Busfahrten in Richtung Hauptstadt werden geplant. Auf dem historischen Taksim-Platz wehen vor allem die Fahnen der Sozialdemokraten.

Demonstranten und Polizisten in den Straßen von Izmir. (Foto: Reuters)

Auch in Izmir und anderen türkischen Großstädten gab es Proteste

"Jahrelang spürt die Nation bereits einen gewissen Druck von oben. Das hat sich angesammelt. Jetzt gehen alle auf die Straße und protestieren für mehr Freiheit und Gleichheit. Wir werden so lange demonstrieren, bis die Regierung zurücktritt", so eine 25-jährige Mitarbeiterin der Sozialdemokratischen Partei der Türkei.

Sachschäden in Millionenhöhe

In Besiktas brechen am frühen Abend allerdings kriegsähnliche Zustände aus. Die Demonstranten und die Polizei liefern sich wieder schwere Kämpfe, es fliegen Steinbrocken, die Polizei setzt Tränengas ein. Die Demonstranten schreien Beleidigungen gegen Erdogan heraus. Manche halten das Brennen in den Augen und die Atemnot nicht aus und rennen zurück zum Park und zum Taksim-Platz. Andere sprühen weiterhin Schimpfwörter gegen Erdogan auf Wände, Autos und Bushaltestellen. Der türkische Innenminister Muammer Güler beziffert die Schäden bislang mit über acht Millionen Euro. "Jeder Sachschaden wird strafrechtlich verfolgt", warnt Güler.

Twitter sei eine "Plage"

Porträt des türkischen Regierungschefs Erdogan (Foto: Reuters)

Regierungschef Erdogan: Menschen sollen sich nicht von "extremistischen Elementen" provozieren lassen

Den landesweiten Protesten und Beleidigungen gegenüber zeigt sich Premier Erdogan verständnislos. "Momentan gibt es eine Plage namens Twitter. Das meiste, das dort geschrieben wird, stimmt nicht. Was sich Social Media nennt, bedeutet Kopfschmerzen für die Nation", so Erdogan im türkischen Privatsender Haber Türk. Weiter kündigt er seine Pläne für den Taksim-Platz an: Das Atatürk-Kulturzentrum werde abgerissen und auf dem Platz selbst werde eine Moschee gebaut, so Erdogan. "Dafür werde ich weder bei der Opposition noch bei anderen Plünderern um Erlaubnis fragen. Wir haben die Erlaubnis bereits von den Menschen, die uns gewählt haben", so Erdogan.

Trotz der Unruhen in seinem Land und der heftigen Kritik gegen ihn und seine Regierung, tritt Erdogan eine geplante Auslandsreise an. Unter anderem geht es in den nächsten Tagen nach Marokko und Algerien. Seine Rückreise hat der Premier für Donnerstag angekündigt.

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