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Kultur

In der Schule des Sehens

Warum das Christentum mit blindem Vertrauen wenig zu tun hat - Von Dr. Katharina Klöcker, Münster

Dr. Katharina Klöcker, Münster

Dr. Katharina Klöcker, Münster

Es ist 23 Millimeter lang und wiegt sieben Gramm. 90 Prozent unserer Wahrnehmungen verdanken wir ihm. Das Auge ist unser wichtigstes Sinnesorgan. Wie schwer muss es sein, ohne Augenlicht zu leben! So ohne weiteres vorstellbar ist das eigentlich nicht. Eine leise Ahnung davon können Sehende jedoch in Dunkelrestaurants bekommen. Dort servieren blinde Kellner ein mehrgängiges Menü in einem wirklich stockfinsteren Raum. Gäste fingern unbeholfen nach Messer und Gabel, stochern vorsichtig in ihrem Essen herum und schieben sich zögerlich die Bissen in den Mund. Einen Abend lang gilt es, den Kellnern, die sich übrigens in der Dunkelheit fast so behände bewegen, als könnten sie sehen, buchstäblich blind zu vertrauen.

Öfter als hier ist vom blinden Vertrauen allerdings im übertragenen Sinn die Rede. Ich vertraue Dir blind! Eine solche Aussage ist Zeugnis größter Nähe zwischen zwei Menschen. Nur ein absolut unverbrüchlicher Glaube an den anderen kann einen solchen Satz hervorbringen. Und wie steht es um den unverbrüchlichen Glauben an Gott? Ist nicht auch da blindes Vertrauen, blinder Glauben das Nonplusultra?

Der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz widerspricht vehement. Denn er erklärt: „Entgegen der landläufigen Rede vom ‚blinden Glauben‘ bestehen die biblischen Traditionen, besteht vor allem Jesus selbst auf Sichtbarkeit, auf Sichtbarmachen, auf gesteigerter Wahrnehmungspflicht“. Und er schreibt weiter: „Wer ‚Gott‘ sagt, muss nicht die Augen schließen. Das Christentum ist kein blinder Seelenzauber, es lehrt eine Mystik der offenen Augen.“ Was versteht Metz unter einer solchen Mystik der offenen Augen?

Von Blindheit ist vor allem in den Evangelien immer wieder die Rede. Denken Sie nur an die vielen Blindenheilungen. Doch diese Heilungsgeschichten zeigen zugleich sehr eingängig, dass es den Menschen letztlich immer darum geht, sich von der Blindheit zu befreien. Der blinde Bartimäus etwa, der lauthals nach Jesus ruft, obwohl ihm die Umstehenden zum Schweigen auffordern, wird geheilt. Sein Glaube hat ihm geholfen. Am Ende des Gleichnisses folgt er Jesus nach, sehend. Der Glaube ist Sehvermögen, das Gegenteil von Blindheit.

Wie sehr Glauben und Wahrnehmungsfähigkeit zusammengehören, wird auch beim Blick auf die Jünger deutlich. Etwa im Markusevangelium. Den Jüngern Jesu mangelt es permanent an der nötigen Einsicht. Sie begreifen einfach nicht, was sich doch direkt vor ihrer Nase abspielt. Sehenden Auges sind sie blind. Sie stolpern eher hinter Jesus her, als dass sie ihm nachfolgen. Ihr Unglauben und ihr Unverständnis stehen ihnen im Weg, und als Leser ist es häufig kaum auszuhalten, wie unbeholfen die Jünger durch die Gegend tappen und Jesus nicht erkennen.

Seine Leser aber lehrt das Evangelium genau auf diese Weise sehen. Das Christentum insgesamt wird – so Metz - zu einer „Schule des Sehens, des genauen Hinsehens“. Doch es geht noch weiter. Denn die letztlich entscheidende Frage lautet, was gesehen wird. Nicht die Wahrnehmung per se wird geschult, sondern eine ganz bestimmte Empfindsamkeit. Ob wir auf den Anfang schauen, auf den Säugling in der Krippe oder auf das Ende, den jungen Mann in seinen Todesqualen am Kreuz. Im Christentum geht es um die Wahrnehmung des Anderen, und zwar in seiner Verwundbarkeit, in seiner Verletzlichkeit, in seinem Leiden.

Dieses Sehvermögen des Christen kann sich schon in allerkleinsten Gesten offenbaren. Ich beobachtete neulich, wie ein junger Mann ein Kaufhaus betrat, die Tür schlug schon wieder schwungvoll hinter ihm zu. Da kam ihm eine gebrechliche Frau mit einem Rollator entgegen. Der Mann hielt inne, drehte um, ging zurück und öffnete noch einmal die Tür, nur für die alte Dame. Sie sah ihn an, lächelte und sagte: „Sie gehen ja auch sehenden Auges durch die Welt.“ Gefordert ist nicht blindes Vertrauen. Vielmehr gilt es in der Schule des Sehens, den Blick für die Verletzbarkeit des anderen einzuüben und dann danach zu handeln.

Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte

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