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Alltagsdeutsch – Podcast

In der Schmiede

Ohne einen Schmied gab es früher keine Waffen, Pferde konnten nicht besohlt werden. Die Industrieproduktion drängte das traditionelle Handwerk zurück. Dennoch schätzen manche immer noch die Handarbeit eines Schmieds.

Sprecherin:
Manfred Bredohl war Schmied in Aachen. Er erinnert sich deutlich daran, wie schwierig der Anfang seiner Schmiedelaufbahn war.

Manfred Bredohl:
"Also meine erste kleine Schmiede war eine wirklich uralte Dorfschmiede noch mit gestampftem Lehmboden, mit einem Feuer und einem uralten mechanischen Hammer da drin. So hab'n wir angefangen und ich hatte sehr viel Glück anfangs und hab' auch Erfolg gehabt, hatte auch mein Elternhaus als Unterstützung immer im Nacken – wie man so sagt – und hab' mich dann so langsam hochgewurschtelt. Nur dieses Ding, was wir jetzt hier stehen haben, diese Vulkanschmiede wär' natürlich auch ohne eine Bürgschaft meines Vaters nicht möglich gewesen."

Sprecher:
Manfred Bredohl hat in einer uralten Dorfschmiede mit einem uralten Hammer angefangen. Die Vorsilbe ur- bezeichnet meistens den Anfangszustand einer Sache oder den ersten Vertreter einer Gattung – wie zum Beispiel in den Begriffen Urwald oder Urmensch. Oft ist ur- aber auch nur ein verstärkender Zusatz wie in den Wörtern urgemütlich, urplötzlich und auch uralt. Der Schmied hatte anfangs sehr viel Glück. Hinzu kam die Hilfe seiner Eltern – oder wie er es ausdrückt – er hatte sein Elternhaus als Unterstützung immer im Nacken. Wenn man einen Menschen im Nacken oder auch im Rücken hat, bedeutet das eine Absicherung, auf die man im Notfall zurückgreifen kann. Die Wendung wird oft aber auch mit einer negativen Bedeutung gebraucht. Zum Beispiel kann man bei der Arbeit immer seinen Chef im Nacken haben, und das heißt dann, von ihm beaufsichtigt und gefordert zu werden. Im Laufe der Zeit hat sich der Schmied langsam hochgewurschtelt. Damit meint er, dass der Weg zum Erfolg mit allerlei Mühen verbunden war und Improvisation bei der Arbeit erforderte. Das umgangssprachliche wursteln oder wurschteln beschreibt meistens eine Arbeit ohne Überlegung und Ziel. Wenn man von einem Menschen sagt, er wurstelt vor sich hin, ist das ein Vorwurf und meint, er führt etwas schlecht aus. Oft wird wursteln aber auch in einem ironischen Ton verwendet – wenn man sagt Ich werde mich durchwursteln. Dann betont man – wie Manfred Bredohl – die Improvisation. Mit etwas Glück und Geschick wird man die Sache schon schaffen, auch ohne genauen Plan.

Sprecherin:
Manfred Bredohl ist in der Schmiedebranche weit über Deutschland hinaus bekannt. Zahlreiche ausländische Kollegen haben in seinem Aachener Betrieb Studienzeiten verbracht. Und über ein afrikanisches Dorf, das nur aus Schmieden besteht, hat der Aachener ein Buch geschrieben. Gute Ideen werden im Schmiedehandwerk – wie in der Kunst – gerne kopiert. So ist es denn kein Wunder, dass Metallgestaltungen von Manfred Bredohl besonders oft nachgeahmt werden.

Manfred Bredohl:
"Die ersten Jahre hab' ich mich furchtbar drüber geärgert, wenn mir einer was nachmachte; heute bin ich da stolz drauf. Das ist ja auch ein Austausch untereinander, an Erfahrungen, auch handwerklichen Erfahrungen. Und ich find' das so schön, dass grad bei den Schmieden niemals ein Hehl dadraus gemacht wird, Wie hab' ich das hingekriegt?, Wie hab' ich das gemacht?. Und das ist mittlerweile 'n Riesenkreis von Freunden auch geworden. Da sind wirklich tiefe Freundschaften entstanden."

Sprecher:
Manfred Bredohl findet es schön, dass bei den Schmieden kein Hehl daraus gemacht wird, wie eine Arbeit entsteht. Das Wort verhehlen kommt aus dem Germanischen und bedeutete ursprünglich etwas zu verhüllen. Die Bedeutung, dass etwas nicht verborgen wird, wird meistens – wie bei Manfred Bredohl – in der Redewendung gefasst, aus etwas keinen Hehl zu machen. Das hehlen findet man aber auch in einem ganz anderen Zusammenhang – nämlich beim Hehler, der im Verborgenen mit gestohlenen Dingen handelt.

Sprecherin:
Eine geregelte 40-Stunden-Woche ist im Schmiedehandwerk eine Seltenheit. Besonders in jungen Betrieben – wie dem von Horst Geilen und Andreas Markmann im rheinischen Stolberg – sind Zehn- bis Zwölfstundentage keine Seltenheit. Und das oft sechs Mal in der Woche. Anders ist ihr Auskommen und die Zukunft des Betriebes nicht zu sichern. Für Horst Geilen liegt das in der Natur der Sache. Er meint, dass geregelte Arbeitszeiten und erfolgreiche Handwerksarbeit schlicht unvereinbar seien.

Horst Geilen:
"Ich glaub' einfach, das ist im Handwerk wie die Faust auf 's Auge, das passt nicht. Entweder ist man Handwerker und macht seinen Job, den man dann auch verinnerlicht, oder man geht ans Band und arbeitet nach der Uhr und guckt alle halbe Stunde einmal drauf."

Sprecher:
Horst Geilen glaubt, dass geregelte Arbeitszeiten zum Handwerk passen, wie die Faust auf 's Auge. Der sehr gängige Vergleich mit dem Bild vom schmerzhaften Faustschlag drückte zunächst aus, dass etwas überhaupt nicht zusammen passt, zum Beispiel eine rosa Krawatte und ein grünes Hemd. Inzwischen wird die Redewendung aber auch im umgekehrten Sinn gebraucht, also dass etwas sehr gut zusammenpasst. Wenn heute jemand sagt, dass etwas wie die Faust auf 's Auge passt, dann kann er beide Bedeutungen meinen.

Sprecherin:
Viele Bereiche des Schmiedehandwerks werden heute durch industrielle Produktionen ersetzt. Verzierte Geländer oder Treppenkonstruktionen kann man in Baumärkten kaufen. Sie müssen nur noch von einem Handwerker befestigt werden. Dennoch gibt es genügend Arbeit für die Schmiede. Zum einen wächst der Kreis anspruchsvoller Kunden, die eine ausgefallene Gestaltung der Industrieproduktion vorziehen; zum anderen gibt es ausreichend Fälle, die eine individuelle Planung erfordern, weil Treppenhäuser zu eng sind und Standardprodukte nicht passen. Horst Geilen und Andreas Markmann sehen daher ihre Hauptaufgabe in der individuellen Problemlösung, die natürlich auch noch stilgerecht und gut aussehen soll. Eine ständige Fortbildung ist dafür notwendige Voraussetzung.

Horst Geilen:
"Ich glaube, so 'n neuen Trend mitzukriegen, das ist schon sehr wichtig, da das mit dem Schmiedehandwerk doch sehr rückläufig ist. Und so glaube ich, dass zum Beispiel das Schmieden richtig abnimmt und dafür dieser Edelstahl, diese Edelstahlverarbeitung sehr stark gekommen ist. Da hatten wir jetzt großes Glück, dass wir auf das richtige Pferd zur richtigen Zeit gesetzt haben und deshalb auch bestimmt so problemlos durch 's Leben gehen können. Wenn wir den Zug nicht mitgekriegt hätten, weiß ich nicht, wie es finanziell aussehen würde. Und ich glaube, das ist jetzt auch wieder, ne, 'n bestimmter Zeitraum, wo das modern ist und dann springt das wieder um. Wohin, weiß ich auch noch nicht heute, ob das noch mal zurückkommt. Irgendwann bestimmt wird das Schmieden – Gelsenkirchener Barock oder irgendwas – wieder modern. Nur ich glaube, das dauert noch lange, lange Zeit."

Sprecher:
Die jungen Schmiedemeister haben durch ihre Fortbildung in der Edelstahlverarbeitung auf das richtige Pferd gesetzt. Die verbreitete Redewendung benutzt das Bild vom Pferderennen, bei dem sich die Gewinner über ihre erfolgreiche Entscheidung freuen können. In dem Ausdruck schwingt aber auch mit, dass bei der Entscheidung für eine Sache ein Risiko enthalten ist. Wenn die beiden Schmiede den Zug nicht mitgekriegt – also die Entwicklung zur Edelstahlverarbeitung – verpasst hätten, wäre das Bestehen ihres Betriebes heute ungewiss. Wer den Zug verpasst – wie die Wendung meistens lautet –, hat den Anschluss an eine wichtige Entwicklung versäumt oder eine Entscheidung zu spät getroffen. Horst Geilen betont, dass man wachsam sein muss, weil sich die Stilrichtungen beim Schmieden immer wieder ändern. Irgendwann könnte sogar Gelsenkirchener Barock wieder modern werden. Damit ist nicht etwa der Stil von Gelsenkirchen in der Barockzeit gemeint. Der Ausdruck bezeichnet billig wirkende Möbel in überladenem, plumpem Stil: Sofas mit überreichlichem Blumenmuster und Rüschen oder goldene Bilderrahmen, die in Wirklichkeit aus Plastik sind. Die Bezeichnung Gelsenkirchener Barock wird meist ironisch und mit kritischem Unterton benutzt. Die schlichte Bergarbeiterstadt und überschwängliche Verzierungen wie in der Barockzeit – das passt nicht zusammen.

Sprecherin:
Weil es viel Arbeit und oft Überstunden gibt, ist für die jungen Handwerksmeister ein gutes Betriebsklima von besonderer Bedeutung. Anders, als sie es aus ihrer Zeit als Angestellte kennen, versuchen sie ihren Mitarbeitern möglichst viel Vertrauen entgegen zu bringen und Verantwortung zu überlassen.

Horst Geilen:
"Wenn Se acht Stunden mit einem zusammen um die Wette zuschlagen und ihnen der Schweiß so runter läuft, dann legt sich irgendwann das…Man kennt dann seine Pappenheimer und man ist auch mit jedem so verwachsen, weil jeder irgendwann mal an seine Leistungsgrenze kommt, und da kann sich auch der Chef dann nicht vor schützen und das ist, glaube ich, gar nicht so schlecht, weil dann die Menschlichkeit einfach da ist."

Sprecher:
Die beiden Schmiede kennen ihre Pappenheimer. Das heißt, sie können ihre Mitarbeiter gut einschätzen und wissen, was sie von ihnen erwarten können, dass sie ihnen vertrauen können. Die Redewendung ist sehr verbreitet, auch wenn nur wenige wissen, dass sie aus dem Drama Wallensteins Tod von Friedrich Schiller stammt. Dort hatte Wallenstein den Soldaten des Pappenheimer Regiments mit den berühmten Worten seine Anerkennung ausgedrückt. Heute wird die Redewendung oft auch in einem abfälligen Sinn benutzt, um zu betonen, dass man sich der Schwächen und Fehler einer Person sicher ist, sagt man dann Ich kenne doch meine Pappenheimer.

Sprecherin:
Die Handwerkskunst der Schmiede wird sicher noch lange erhalten bleiben. Vor allem wenn sie Schmiede hat, die kreativ und engagiert ihren Beruf ausüben. So manch einer wird sich natürlich hochwurschteln müssen, aber wenn man von A bis Z das Handwerk gelernt hat, ist es sicher leichter, auf das richtige Pferd zu setzen.



Fragen zum Text

Jemand, der ein Leben ohne Plan lebt, …

1. wurstelt sich durch.

2. hat auf das richtige Pferd gesetzt.

3. ist rechtzeitig auf den Zug aufgesprungen.

Gibt jemand eine Garantie für eine andere Person, dann …

1. sitzt er dieser im Nacken.

2. bürgt er für sie.

3. verhehlt er ihr etwas.

Ist etwas unmodern, spricht man umgangssprachlich von …

1. neumodischem Schnickschnack.

2. Gelsenkirchener Barock.

3. Pappenheimer Stil.

Arbeitsauftrag

Schmied ist ein traditioneller Beruf, den es in vielen Ländern in der einen oder anderen Form noch gibt. Welche traditionellen Handwerksberufe gibt es in Ihrem Land? Bilden Sie Gruppen. Suchen Sie eine Person auf, die ein traditionelles Handwerk ausübt, und befragen Sie sie nach ihrer Tätigkeit. Erstellen Sie anschließend einen Bericht. Tragen Sie diesen in der Gruppe vor.

Autor: Günther Birkenstock
Redaktion: Beatrice Warken

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