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Kultur

In der Krise, nach dem Krieg, vor der Zukunft

Die Berlinale ist ein politisches Filmfest und präsentiert Beiträge, die die Aufmerksamkeit schonungslos auf Verwerfungen, Skandale und Herausforderungen lenken. Dieses Jahr steht Europa im Fokus.

Raul hat den Hof seiner Eltern übernommen, jetzt versucht er es mit biologischem Anbau. Aber weiße Fliegen haben seine Pflanzen befallen, die Ernte scheint ruiniert. Raul lebt irgendwo im Umland Barcelonas. Bei der Arbeit auf den Feldern hat er einen Helfer, Iurie, einen Ringkämpfer aus Moldawien, der auf seine spanischen Papiere wartet. Manchmal, auf dem Weg zur Arbeit, trifft Iurie Maribel, eine blondierte Frau in fortgeschrittenem Alter, die auf einem klapprigen Gartenstuhl am Feldweg sitzt und nach Freiern Ausschau hält. Sie muss Geld verdienen, für sich und den arbeitslosen Sohn. Rose, die philippinische Altenpflegerin, geht jeden Tag zu Fuß über die Felder zur Arbeit, trotz der sengenden Hitze. Gerade ist ihr eine neue Patientin anvertraut worden, Maria, eine 88-jährige Bäuerin. Sie war Rauls Nachbarin, aber wegen zunehmender Atemprobleme musste die alte Frau ins Heim.

Beispielhaft

Fünf Menschen, deren Wege sich regelmäßig kreuzen. Fünf Menschen, deren Geschichten miteinander verwoben sind. Fünf Menschen, die sich selbst spielen. Denn "La Plaga" ist ein Spielfilm mit Laiendarstellern, die ihr eigenes Leben dokumentieren. Detailgetreu, voller Würde und mit Eigensinn. Ein eindrucksvoller Film, der so nur entstehen konnte, weil Regisseurin Neus Ballús es nicht eilig hatte, sondern ihre Protagonisten zunächst zwei Jahre lang beobachtet, kennengelernt und ihr Vertrauen gewonnen hat. Das Vertrauen von liebenswerten und unbeugsamen Menschen, die beispielhaft sind für eine Gesellschaft, in der sich Vereinzelung, Individualismus und Zukunftsängste breit machen.

Szene aus dem Film La plaga (Foto: Berlinale)

La plaga, Berlinale 2013

Wann hat es das zuletzt gegeben? So viele und so starke europäische Beiträge im "Forum des Jungen Films"? Rund 40 Filme insgesamt, unter ihnen viele, die sich nicht in die üblichen Kategorien des Kinos fügen wollen. Hybride, in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen, in denen sich Realität und groteske Übersteigerung überlagern. Gerade so, als müsste sich das Kino neu erfinden, um die immer komplizierter werdende Wirklichkeit zu spiegeln und Fragen nach der Zukunft zu stellen.

Um die Zukunft betrogen

Athen, heute. Ein vierzehnjähriges Mädchen, ein achtjähriger Junge und ein gut gefülltes Holzlager, für das niemand mehr Verwendung hat, weil die Aufträge fehlen, weil die Werkstatt längst pleite und der beste Mitarbeiter verschwunden ist. Athen, heute. Demonstrationen, Arbeitslosigkeit und ein Mädchen, das wegen der alles zersetzenden Euro-Krise viel mehr als den Vater verloren hat. Ernst und zunehmend zornig ist diese Myrto in Thanos Anastopoulos'  aufrüttelndem Film "I kóri". Sie weigert sich, das Unausweichliche hinzunehmen. Entführt den Sohn des Kompagnons ihres Vaters, verbarrikadiert sich mit ihm zwischen all den aufgestapelten Edelhölzern, liest im Wörterbuch die Bedeutung von Begriffen wie "Verantwortung", "Schuld" und "Auflösung" nach. Und malträtiert den kleinen Jungen. Erst nur ein bisschen. Und dann immer mehr, immer böser. Als wenn der Junge etwas für den Zustand der Welt könnte.

Der griechische Regisseur Thanos Anastopoulos (Foto: DW/Panagiotis Kouparanis)

Regisseur Thanos Anastopoulos

Thanos Anastoupoulos hat die Gegenwart in einen Thriller gepackt und protokolliert mit seinen scharfen, unbestechlichen Bildern deren moralischen Niedergang. Er erzählt von Erwachsenen, die irgendwann aufgehört haben, verantwortungsvoll zu handeln. Und er zeigt, was das alles mit den Kindern macht. Ein Aufschrei, ein zutiefst politischer Film.

Schuld und Versöhnung

Das aktuelle europäische Kino erzählt Geschichten aus Grauzonen. Dazu braucht es nicht viele Worte und keine Spezialeffekte. Dieses Kino vertraut seinen Protagonisten und setzt sie in Ruhe, mit langsamen Einstellungen, in Szene. In einem Akt der Entschleunigung, der die Aufmerksamkeit auf den Einzelnen lenkt und dabei immer wieder universell gültige, große Themen verhandelt. Die Frage von Schuld und Rache beispielsweise. Und die von Versöhnung.

"Krugovi" heißt der packende Film des serbischen Regisseurs Srdan Golubović, der sich auf eindrucksvolle Weise mit dem Balkankrieg und dessen Folgen auseinandersetzt. Und dabei eine wahre Geschichte aufgreift.

Szene aus dem Film Krugovi (Foto: 2012 Bas Celik, Neue Mediopolis GMBH, La Cinefacture, VertigoEmotionFilm, PropelerFilm)

Krugovi, Berlinale 2013

1993, während des Krieges: der serbische Offizier Todor schikaniert den muslimischen Kioskbesitzer Harris, weil der seine Lieblingszigaretten nicht mehr vorrätig hat. Marko, ein junger Soldat auf Fronturlaub, schreitet ein und bezahlt dafür mit dem Leben. Zwölf Jahre später holt die Vergangenheit alle Beteiligten und Betroffenen ein: Markos Freund, ein Arzt, soll ausgerechnet dem ehemaligen Offizier Todor das Leben retten. Und vor Harris Wohnungstür im deutschen Halle steht Markos frühere Freundin, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Harris hilft ihr und riskiert dafür sein Leben. Weil er eine Schuld begleichen will, die nur er ganz allein fühlt. Und genau zur gleichen Zeit, jetzt, nach zwölf Jahren, kann Markos Vater endlich seine Verbitterung ablegen und wieder jene Menschlichkeit zeigen, die auch seinen Sohn ausgemacht hat. Die Zeit, das verdeutlicht dieser Film, heilt manche Wunden. Aber sie hinterlässt Narben.

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