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Alltagsdeutsch – Podcast

In der Jugendherberge

Sie sind nicht so bequem wie Hotels, dafür aber preiswerter: Jugendherbergen. Vor allem jungen Menschen bieten sie die Möglichkeit, Gemeinschaft auf engstem Raum zu erleben. Beliebt sind sie für Klassenfahrten.

Einblick in Gruppenzimmer der DJH Sudelfeld, Oberbayern, aufgenommen am 19.05.2011 von Karin Jäger/ DW

Nicht so komfortabel wie im Hotel

Sprecher:
Fünf Kilometer von dem bayerischen Kurort Bayrischzell entfernt liegt die Jugendherberge "Sudelfeld" auf rund 1200 Metern Höhe – mit fantastischem Blick über das Inntal und die Alpenkette. Hier – in der höchst gelegenen Jugendherberge Deutschlands – kann man für unter 20 Euro übernachten. Allerdings kann man nicht direkt vor die Tür fahren.

Michi:
"Da musst Du Dich halt scho anstrenge. Und es ist halt nicht leicht, wie man so denkt."

Sprecher:
Michi geht gerade mit seinen Klassenkameraden die 300 Meter vom Parkplatz den steilen Fußweg hinauf zur Jugendherberge. So anstrengend hat er sich den Weg nicht vorgestellt. Seine Lehrerin macht aber Mut, weiterzugehen. Schließlich gibt es später ein leckeres und vor allem gutes Essen, von dem man so viel nehmen kann, wie man will.

Lehrerin:
"Immer gibt's 'n Salat, fünf, sechs verschiedene Sachen, mit drei Soßen, wo man ganz toll hernehme kann, 'ne Suppe, Vorspeise, Hauptgericht, Nachspeise und richtig gut. Im Hotel kann's nicht besser sein."

Sprecher:
Vier Tage verbringt die Gruppe der Sechstklässler in der Jugendherberge Sudelfeld. Herbergen sind von der Wortherkunft Unterkünfte für das Heer. Der Vergleich mit lärmenden Schulklassen mag da nicht weit entfernt sein. Mike und seine Frau Angie, die die Herberge Sudelfeld führen, haben ein Programm zur Freizeitgestaltung ausgearbeitet, um überschüssige Energien abzubauen. Ein Vorteil: Sie haben einen Berg direkt am Haus. Dieser ist ihr Hausberg.

Mike:
"Wir haben den Hausberg, den Wendelstein. Das ist natürlich der Klassiker für die Leut'. Dann: Wir haben ja zahlreiche Seen, zahlreiche Berggipfel, wo man hochmarschieren kann, Museen. Und wir haben wahnsinnig viele naturpädagogische Programmpunkte: Lawinenbebauungen, Iglu bauen im Winter, Schneeschuhwandern und im Sommer Lamawanderungen – da haben wir irrsinnig viel."

Sprecher:
Die Herbergseltern Mike und Angie haben für ihre Gäste Besichtigungstouren und Beschäftigungsprogramme in der freien Natur zusammengestellt, die einen gewissen pädagogischen Effekt haben. So kann man lernen, wie ein Schneehaus, ein Iglu, oder ein Schutz vor Schneelawinen, eine Lawinenbebauung, gefertigt wird. Sportliche Aktivitäten wie Mountainbiketouren, Drachenfliegen oder Skifahren und Snowboarden im Winter gehören ebenfalls zum Angebot dazu. Etwas Besonderes dürfte die Wanderung mit Lamas sein, einer Art von Kamelen ohne Höcker. Langeweile kommt jedenfalls nicht auf. Abends sind die Schüler und Schülerinnen durch die ungewohnte Bewegung in der freien Natur ziemlich müde, k.o. – wie ein Boxer nach mehreren Runden Kampf. Für die Lehrkräfte ist das sehr angenehm, sehr erholsam. Die Lehrerin der Sechstklässler genießt das Gefühl, die Schüler zufriedener zu erleben, als in der Schule im Tal.

Lehrerin:
"Das erste Mal eigentlich haben die zwei Kollegen und ich das so fast wie einen Urlaub empfunden, weil die Kinder so k.o. sind, weil sie den ganzen Tag über sehr viel unternehmen, viel rauf, viel runter. Fußball, Laufen. Um zehn Uhr ist Ruhe. Um sieben Uhr erst wieder geht's los. Und das ist sehr erholsam."

Sprecher:
Auch Angie und Mike genießen trotz des Lärmpegels jeden Tag die Ruhe hier oben auf dem Berg. Denn sie sind ganz weit weg von der Hektik des Lebens in einer Großstadt. Vorher haben sie in München gelebt. Angie war Direktorin beim Musikkanal MTV. Sie war sehr viel unterwegs. Mal war sie in London, am nächsten Tag in Los Angeles. Sie hetzte von einer Prominentenparty zur nächsten wichtigen Pressekonferenz. Bei einem Kurzurlaub in Tunesien lernten sie und Mike Besitzer einer Jugendherberge aus Lindau am Bodensee kennen. Diese erzählten von dem verwaisten Haus hoch oben in den bayerischen Bergen. Beide hatten niemals darüber nachgedacht, sie hatten es überhaupt nicht auf dem Schirm, sich wie Eltern um meist jugendliche Gäste zu kümmern.

Angie:
"Wir hatten das überhaupt nicht auf'm Schirm, irgendwann jemals 'ne Jugendherberge zu leiten. Und wir haben uns da dann halt schlau gemacht, haben recherchiert, 'Was macht man als Herbergseltern?', weil ich hatte keine Lust, Betten zu beziehen und zu kochen. Das war auch mein Bild von der Herbergsmutter. Das hat sich aber dann sehr schnell geklärt."

Sprecher:
Angie und Mike informierten sich, sie machten sich schlau, was es bedeutet, eine Jugendherberge zu führen. 2001 entschieden sie sich, den Schritt zu wagen. Ihr Tatendrang und ihre Pläne, das heruntergekommene Haus zu neuem Leben zu erwecken, überzeugten ihren zukünftigen Arbeitgeber, den Deutschen Jugendherbergsverband. Sie wurden angestellt. Zunächst strichen sie das Haus, das in der Zeit der Nationalsozialisten als Erholungsheim für ranghohe SS-Männer diente, gelb. Inzwischen hängen an den Fenstern Vorhänge im Leopardenmuster, von den Decken baumeln selbstgefertigte Lampen, an den Wänden hängen Bilder mit Südseemotiven. Alte Malereien wurden aufgefrischt, und im Winter brennt das Feuer im Kachelofen. Angie und Mike entsprechen nicht dem Bild, das sich viele Gäste von Herbergseltern machen. Die meisten würden einen Herbergsvater mit Rauschebart und strengem Blick und eine biedere Herbergsmutter mit einem Kittel erwarten. Sie laufen jedoch in T-Shirt und Jeans herum. Trotz der vielen Arbeit bedauert Angie keinen Tag ihre Entscheidung.

Angie:
"Es gibt so ein lustiges Wort: 'In der Jugendherberge wird man nicht reich, aber satt'. Das stimmt. Wir haben bei unserm Wechsel natürlich erst auch einmal geschluckt, was man da bekommt, was man da verdient, weil ich natürlich ganz andere Kategorien gewohnt war. Aber insofern: Du kannst ja auch nichts mitnehmen! Ich kann ja am Tag nur ein Schnitzel essen. Und insofern passt das schon. Also, ich komm' immer mit dem aus, was ich habe. Und lieber habe ich ein erfüllteres Leben, als dass ich 'ne Menge Geld auf der Bank hab', aber dafür meine Kinder nicht mehr sehe und drei Nannys bezahlen muss, dass ich in der Welt rumtingeln kann. Das passt irgendwie dann auch nicht zusammen."

Sprecher:
Zwar musste Angie erstmal schlucken, als sie erfuhr, was man als Herbergseltern verdient. Denn sie war als Direktorin einen anderen Verdienst gewohnt, sie hatte in anderen Kategorien gelebt. Die positiven Aspekte der Arbeit in einer Jugendherberge überwogen: Sie hat jetzt genug Zeit für ihre eigenen Kinder, muss kein Kindermädchen, keine Nanny, beschäftigen. Das hätte sie früher gebraucht, als sie viel unterwegs war, als sie rumtingelte. Außerdem kann man ja, so Angie, nur soviel essen, wie man Hunger hat. Und – so besagt ein Sprichwort– Das letzte Hemd hat keine Taschen: Man kann nichts mitnehmen, wenn man stirbt.



Fragen zum Text

Die Lehrerin sagt, dass "um zehn Uhr" Ruhe ist. Sie meint damit: …
1. 22 Uhr abends.
2. 10 Uhr morgens.
3. Die Schüler benötigen zehn Stunden, um zur Ruhe zu kommen.

Angie sagt: "[…] weil ich hatte keine Lust, Betten zu beziehen". Richtig ist: …
1. weil ich keine Lust, Betten zu beziehen hatte.
2. weil ich keine Lust hatte, Betten zu beziehen.
3. weil ich keine Lust, Betten hatte zu beziehen.

Der umgangssprachliche Begriff "Das passt schon" bedeutet, dass …
1. etwas richtig sitzt.
2. jemandem etwas nicht gefällt.
3. etwas so in Ordnung ist wie es ist.


Arbeitsauftrag
Lest in der Gruppe den Zeitungsartikel "Immer wieder Hagebuttentee" durch. Erstellt danach eine Zusammenfassung des Artikels. Dabei könnt ihr folgende Fragen beantworten: Wie hat sich die Jugendherberge in den letzten Jahren entwickelt? Wie sieht es dort aus? Wer leitet die Herberge? Welche Vorurteile gibt es?

Autorinnen: Karin Jäger; Anjum Hyder
Redaktion: Beatrice Warken

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