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Bildung

In der Heimat der Eltern studieren

Sie sind zweisprachig aufgewachsen, kennen Kultur und Land ihrer Eltern aber kaum. Die Uni Regensburg bietet Studenten mit Migrationshintergrund nun die Chance auf ein Auslandssemester im Heimatland ihrer Eltern.

"Du hast auf Rumänisch gelernt, geschrieben, gelesen - und das in Fachliteratur?" Lidija Ruzic ist erstaunt. Ob das nicht schwierig gewesen sei, fragt sie Wirtschaftsstudentin Elisa Hanganu. Die 25-Jährige lächelt beruhigend. Sie hat über das Regensburger Secondos-Programm ein Semester in Rumänien verbracht und soll bei diesem Info-Abend über Ihre Erfahrungen berichten. "Ich hatte nur schriftliche Tests. Und die Professoren wussten, dass meine Grammatik nicht perfekt ist", betont Elisa und schiebt nach: "Das kannst du auch!"

Rosalie Dryjanski will mit dem Secondos-Programm nach Polen (Foto: DW / Marcel Kehrer)

Rosalie Dryjanski will mit dem Secondos-Programm nach Polen

Eine Motivation, die Lidija Ruzic gut gebrauchen kann. Sie möchte gerne ein Semester in Kroatien studieren, dem Herkunftsland ihrer Eltern. "Jedes Mal wenn ich in Kroatien bin, schimpft meine Tante, wo denn mein Kroatisch geblieben ist", erzählt sie. Ähnlich geht es Rosalie Dryjanski. Die Eltern der 19-Jährigen stammen aus Polen. "Ich habe sprechen gelernt, aber ich kann nur ein bisschen lesen", beschreibt sie ihre Polnisch-Kenntnisse. Auch Julia Baal kann sich in der Heimatsprache ihrer Eltern, die beide aus Russland stammen, verständigen. Doch sie ist mit der russischen Kultur und den Sitten kaum vertraut. "Ich würde Russland gerne kennen lernen", sagt sie. "Ich war zuletzt in meiner Kindheit dort, aber das war etwas Anderes."

Die multikulturellen Wurzeln nutzen

Hier will die Universität Regensburg ansetzen. Mit ihrem Secondos-Programm spricht sie gezielt Studenten mit Migrationshintergrund an - Bachelor-Studenten vor allem, aber auch Master-Studierende und Studenten in Staatsexamensfächern. Programm-Koordinatorin Lisa Unger-Fischer sieht in dem doppelten kulturellen Hintergrund dieser Studenten ein großes Potential. Oft liege es aber brach. "Sichtbar und nutzbar" sollen sie ihren Hintergrund machen, wirbt Unger-Fischer vor den Interessenten für das Secondos-Programm.

Info-Abend zu Secondos (Foto: DW / Marcel Kehrer)

Info-Abend zu Secondos

Die Teilnehmer verbringen ein oder zwei Semester in einer der sechs Partner-Universitäten in Polen, Ungarn, Kroatien, Rumänien, der Ukraine oder Russland. Weitere Länder wie Tschechien und die Slowakei sind geplant. Dafür werden die Studenten mit Sprach- und Landeskursen fit gemacht. Ein Zertifikat bescheinigt die erworbenen Kenntnisse. Eine Idee, die dem Secondos-Programm den Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung 2011 eingebracht hat. Fachkräfte mit bikulturellem Hintergrund sind gefragt in der Wirtschaft, ist Programm-Koordinatorin Unger-Fischer überzeugt.

Keine Scheu vor dem Auslandssemester

Julia Baal kann das bestätigen: "Leute mit Russisch werden gebraucht in Deutschland, hab ich gehört." Berufliche Chancen seien natürlich ein weiterer Grund, warum sie sich für das Secondos-Programm interessiert. So sieht es auch Rosalie Dryanski: "Ich will was Internationales machen", sagt sie, und will auch deshalb ihre Polnisch-Kenntnisse perfektionieren.

Dass sich ihr Rumänien-Aufenthalt im Lebenslauf gut machen wird, davon geht auch Elisa Hanganu aus. Hauptmotivation für das Auslandssemester war jedoch die persönliche Erfahrung. Die Familie ihres Mannes stammt aus Rumänien. Deshalb hatte das Land ihr Interesse geweckt. "Ich habe mich echt wohl gefühlt dort und nette Menschen kennengelernt, sogar gute Freunde gefunden", schwärmt die Studentin vor ihren Zuhörern.

Es ist ein vergleichsweise sicheres Terrain, auf das sich die Secondos-Teilnehmer begeben: Intensive Betreuung, Hilfe bei der Beantragung von Stipendien, feste Vereinbarungen mit den Partneruniversitäten. Die Kurse, die sie im Ausland belegen, werden in der Regel auf das Studium in Regensburg angerechnet. Das hat auch der skeptischen Lidija Ruzic die Scheu genommen, sich nach Kroatien zu wagen: "Ich wäre jetzt überhaupt nicht auf die Idee gekommen, ins Ausland zu gehen", sagt die Studentin nach dem Info-Abend. Bei Secondos aber will sie mitmachen, "weil das Programm mir die Hemmungen nimmt für einen Auslandaufenthalt."


Autor: Marcel Kehrer
Redaktion: Sabine Damaschke