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Fokus Osteuropa

In bosnischen Schulen ist die ethnische Trennung Alltag

Die Trennung der Schüler nach ethnischer Zugehörigkeit ist ein Problem, mit dem Bosnien-Herzegowina seit Kriegsende konfrontiert ist. Auf internationalen Druck sollen die Schulen nun zusammengelegt werden.

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Schulprinzip in Mittelbosnien: Zwei Schulen unter einem Dach

Trotz massiven Drucks und personeller Umbesetzungen seitens der internationalen Organisationen in Bosnien-Herzegowina ist das Problem der Trennung nach ethnischer Zugehörigkeit auch weiterhin präsent. Angaben der OSZE-Mission zufolge werden in Bosnien-Herzegowina an 54 Schulen die Kinder nach Ethnien getrennt unterrichtet. Mehr als die Hälfte davon, etwa 30 Schulen, befinden sich in Mittelbosnien.

Segregation widerspricht europäischer Integration

Was man in Europa als ethnische Segregation bezeichnet, nennen Politiker in Bosnien-Herzegowina gemeinsames Nutzen von Schulraum und Beschulung in der Muttersprache. Eine Schule, zwei Direktoren, zwei Curricula, doppelte Zahl an Lehrkräften und doppelte Kosten für den Staat. Oder wie Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina dieses Problem benannt haben: "Zwei Schulen unter einem Dach". Der Standpunkt der OSZE-Mission sei eindeutig, sagt Aida Besic, Medienbeauftragte dieser Organisation: "Wir verurteilen eine solche Trennung, die auf mehr als sprachlichen Unterschieden beruht. Denn wir vertreten die Ansicht, dass dies nicht zur Schaffung einer gemeinsamen Identität und Kultur aller Bürger von Bosnien-Herzegowina beiträgt – unabhängig davon, welcher ethnischen oder Minderheitengruppe man auch angehören mag. Dies trägt auch nicht dazu bei, eine gemeinsame Zukunft für eine solche Nation zu schaffen, die tolerant und verschiedenartig in die europäische Familie mit anderen Völkern integriert ist."

Kroate fordert konstitutionelle Rechte

Mirko Batinic, der Präsident des mittelbosnischen Kantons und Mitglied der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft, beurteilt diesen Sachverhalt ganz anders: "Dieses Problem der ‚zwei Schulen unter einem Dach‘ haben der internationale Bosnien-Beauftragte, Vertreter der OSZE und anderer Institutionen uns aufgestülpt. Wir meinen, dass die Schulordnung konstitutionell und im Einklang mit allen Kinderrechtschartas geregelt werden muss. Im Hinblick auf die Sprache glaube ich, dass dieses Problem nur über die Verfassung gelöst werden kann. Darin würde jedem konstitutiven Volk gewährleistet, dass seine Kinder laut Curriculum in ihrer eigenen Sprache unterrichtet werden."

Zusammenlegung angelaufen

In einigen Schulen, wo dieses Prinzip angewendet wird, ist die Trennung der Schüler perfektioniert worden, so dass sogar der Unterricht zu verschiedenen Zeiten beginnt. Somit können sich die Kinder aus verschiedenen Ethnien, die den Unterricht nach bosnischem und kroatischen Schulplan- und -programm besuchen, noch nicht einmal in den Pausen sehen. Der ehemalige Bosnien-Beauftragte Paddy Ashdown hat vergangenen Sommer den Bildungsminister im Mittelbosnischen Kanton entlassen. Der neue Minister Branko Golub hat nun die Dinge ins Rollen gebracht. So sind Kommissionen bebildet worden, die die Lage feststellen sollen. Daraufhin sollen die Probleme definitiv gelöst bzw. die Schulen zusammengelegt werden, kündigte Minister Golub an. "Es ist gesetzlich geregelt, wie das Problem ‚zwei Schulen unter einem Dach‘ gelöst wird. Bei der administrativen Zusammenlegung der Schulen gibt es einen Direktor und einen Stellvertreter, der nicht vom gleichen konstitutiven Volk stammen darf, ein Sekretariat und eine Dokumentation."

Suche nach Alternativen

Der Minister räumte indes ein, dass auch andere Lösungen denkbar sind, die von Eltern oder den Mitgliedern der Schulkommission, die die Schulen besuchen, vorgeschlagen werden können. Über eine endgültige Lösung entscheiden die Vertreter in den Versammlungen der Kantone. OSZE-Sprecherin Aida Besic kündigte an: "Wir planen, die Arbeit mit unseren Partnern in der internationalen Gemeinschaft fortzusetzen, um Druck auf die politische Führung auf allen Ebenen auszuüben. Damit wollen wir gewährleisten, dass Bosnien-Herzegowina seine Pflichten gegenüber dem Europarat erfüllt, dass der Segregation in Schulen Einhalt geboten wird, gleich wo sie im Land auftaucht. Denn dies ein Problem, das nicht nur ein oder zwei Kantone in der Föderation betrifft."

Ob die bosnischen Politiker die administrative Zusammenlegung der Schulen umsetzen oder der Hohe Repräsentant Christian Schwarz-Schilling nach dem Rezept seines Vorgängers greifen und einige Entlassung durchführen wird, wird sich noch zeigen. Das nahende Ende des Schuljahres wäre jedenfalls die richtige Zeit für den administrativen Zusammenschluss der Schulen.

Kenan Kavazovic, Travnik
DW-RADIO/Bosnisch, 14.4.2006, Fokus Ost-Südost