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Fußball

In Afghanistan rollt wieder der Ball

In dieser Woche ist die afghanische Fußballliga gestartet. Einige der Spieler wurden mit Hilfe einer TV-Sendung rekrutiert. Die Begeisterung ist immens, doch Terror und Korruption sind leider auch im Fußball ein Thema.

"Der grüne Rasen", so lautet der übersetzte Titel der Sendung, die der afghanische Fussballverband gemeinsam mit einem afghanischen TV-Sender konzipiert hat. Die Idee erinnert an viele Castingformate wie sie von deutschen Fernsehsendern bekannt sind. In der "Afghan Premier League", wie sie offiziell heißt, spielen acht Mannschaften. Jeweils drei Spieler pro Team konnten die Zuschauer per SMS-Voting selbst bestimmen. Auch Haschmatullah Barekzai hatte sich als Spieler beworben und das, obwohl er bereits zum Kader der afghansichen Nationalmannschaft gehört. Doch den Sprung in einen neuen Liga-Club schaffte er nicht. In der Casting-Show mit rund 10.000 Teilnehmern setzten sich andere durch. "Er war nicht fit", erklärt Ali Askar Lali das Ausscheiden Barekzais. Drei Tests gehören zum Casting-Verfahren, Ausdauer und Kondition, Spielvermögen und Psyche.

Aufbauhelfer aus Deutschland

Lali ist in Afghanistan eine Art Franz Beckenbauer und gestaltet den Ligaaufbau mit. Gerade ist er aus Kabul zurückgekommen, wo alle Begegnungen ausgetragen werden sollen. Normalerweise lebt Lali mit seiner Familie in Essen. "Das Projekt hat Zukunft, weil das vertraglich mit den Sponsoren abgesichert ist", sagt er. Die Sponsoren sind unter anderen das Telekommunikationsunternehmen Roshan und die Afghanische Bank AIB. "Zukünftig werden die Spiele im Fernsehen und im Radio übertragen und zwar bei zwei Sendern. Tolo TV überträgt auf Persisch, Lemar auf Pashtu." Lali war in den 70er-Jahren eine der zentralen Figuren der Nationalmannschaft. Ihm hat der Fußball das Leben gerettet. "Als die Russen in Afghanistan einmarschiert sind, bin ich zweimal festgenommen worden. Man musste damals Glück haben, dass man nicht sofort getötet wurde. Nur weil ich Nationalspieler war, bin ich immer wieder frei gekommen." Nach dem Einmarsch der Sowjet-Truppen Anfang der 80er-Jahre floh Lali 1981 über den Iran nach Deutschland. Dort erwarb er alle wichtigen Lizenzen, um selbst Trainer ausbilden zu können. 2003 begann er gemeinsam mit dem Deutschen Klaus Stärk, den Fußball in seinem zerstörten Heimatland wieder aufzubauen. Stärk kennt die Umstände, unter denen im kriegsgebeutelten Land Fußball gespielt wird. "Meines Wissens soll in den nächsten fünf Jahren eine Profi-Liga in Afghanistan aufgebaut werden“, sagt er. Stärk, der in der Jugend des VfB Stuttgart gespielt hat und später Amateurmannschaften in Deutschland trainierte, ging 2004 als Nationaltrainer nach Afghanistan, mittlerweile arbeitet er beim Langzeitprojekt Fußball des Deutschen Olympischen Sportbundes in Namibia.

Interkulturelles Frauenfußballturnier Discover Football in Berlin, 06. - 13. Juli 2010 Hoher Besuch: Afghanische Generäle zu Besuch in Berlin gestatten auch ihrer Frauenfußballnationalmannschaft einen Besuch ab. In der Mitte Trainer und Mentor Ali Askar Lali, rechts neben ihm Stürmerin Sajia (Foto:dw)

Fußballidol Ali Askar Lali (m.) leistet Aufbauhilfe. Hier als Trainer einer Frauenmannschaft in Berlin

Keinerlei Strukturen, große Gefahren

Während seiner Trainerzeit ging es für Afghanistan ein paar Plätze nach oben auf den hinteren Rängen der FIFA-Weltrangliste. Zur Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 meldete der 1933 gegründete afghanische Fußballverband seine Nationalmannschaft zum ersten Mal in der Geschichte des afghanischen Fußballs pünktlich zu Qualifikationsspielen an. Bis 2006 war bis zum Ende der Anmeldefrist von afghanischer Seite nie eine Anmeldung eingegangen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Nationalteam auf keinerlei nennenswerte Erfolge zurückblicken kann. Doch trotzdem ist der Fußball für viele der fast 29 Millionen Einwohner Afghanistans die beliebteste Sportart. "Die Menschen sind verrückt nach Fußball. Sie vergessen sogar zu beten, wenn ein Spiel übertragen wird. Und reisen über Tausende Kilometer, um ihre Mannschaft live zu sehen“, erzählt Naim Sahebdel. Er kam vor über 20 Jahren als junger Mann nach Deutschland. Sein Vater war im Krieg gestorben. Als die Sowjets 1988 Afghanistan verließen und die Taliban zurückkamen, begann Sahebdel, Deutsch zu lernen. Später machte er in Kassel eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Nach fünf Jahren in Deutschland wurde er Schiedsrichter und zog nach Niederbayern. Seine Freizeit widmet Naim Sahebdel seitdem dem 1. FC Passau – und dem afghanischen Fußball. Als Physiotherapeut des Nationalteams, Jugendtrainer, Betreuer: Sahebdel half, wo es ging, organisierte Hilfslieferungen mit Stutzen, Hosen, Trikots, Bällen und Medikamenten. "Ich wünsche mir, dass die afghanischen Kinder Fußball spielen können, dass sie Hoffnung bekommen und sich sinnvoll beschäftigen. Wir haben drei Schiedsrichter in Afghanistan: Zwei sind schon alt und der Dritte kennt nicht das neueste Regelwerk. In Deutschland gibt es 85 000 Schiris.“ Mit vielen Spielern habe er im Bus zum ersten Mal Mentaltraining gemacht, sie nach dem Spiel massiert. "Das kannten sie überhaupt nicht“, sagt Sahebdel.

Meist spielt die afghanische Nationalmannschaft in Indien, so wie zuletzt in der Hauptstadt Neu Delhi. Im eigenen Land wäre es zu gefährlich. Die große Mehrheit der Afghanen sitzt dann vor dem Radio und hört gebannt zu, ob diesmal ein Tor für ihre Elf fällt. Bis vor zehn Jahren war jeglicher Sport unter der Taliban verboten. „Auch Musik war strikt untersagt. Und wer seinen Bart rasierte, bekam 70 Peitschenhiebe“, so Sahebdel. Das erklärt den Mangel potentieller Spieler für die erste afghanische Liga - und den Erfolg der Casting-Show "Der grüne Rasen".