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Politik

In Aceh droht die Ausdehnung der Scharia auf das Strafrecht

Vor mehr als zwei Jahren gewährte die Zentralregierung in Jakarta der Provinz Aceh besondere Autonomie, darunter auch das Recht, die Scharia anzuwenden. Bald könnte sie auch im Strafrecht gelten.

Indonesien Islam Scharia Prügelstrafe Frau in Banda Aceh

Die Prügelstrafe wird in Aceh bereits angewendet - für Männer und Frauen

Mit verbundenen Augen stehen Liza Wahyudi und Syahrul Rizal im Hof der Mukarromah-Moschee in der indonesischen Provinz Aceh. Das junge Pärchen wurde bei einem intimen Zusammensein erwischt. Dafür werden sie jetzt mit acht Stockhieben bestraft - von einem Urteils-Vollstrecker in roter Kutte mit Rattanstock. Die anwesenden Schaulustigen finden ihren Gefallen daran.

Seit der Anwendung der Scharia seit mehr als einem Jahr sind bereits Dutzende von Menschen im Hinterhof der Mukarromah-Moschee mit Hieben bestraft worden. Dies geschah im Einklang mit der Scharia, die vor allem im Familien- und Erbrecht angewendet wurde. Harte Strafmaßnahmen wie zum Beispiel die Amputation einer Hand bei Diebstahl blieben bisher aus. In diesem Bereich galt nach wie vor das indonesische Strafrecht.

Dies könnte sich demnächst ändern. Die Provinzregierung möchte die Andwendung der Scharia auf das Strafrecht ausdehnen und für Diebe eine neue Strafe einführen: das Abhacken der Hände. Der Gesetzesentwurf liegt dem Provinzparlament bereits zur Überprüfung vor.

Befürworter und Unwissende

Muhammad Nashir Ilyas, Leiter der Schariah-Abteilung in Banda Aceh befürwortet diese Form der Bestrafung. "Die Einführung dieser neuen Strafe ist nach islamischen Recht gerechtfertigt", sagt er. "Warum nicht, wenn wir damit ein sicheres und besseres Leben haben können? Wenn wir von einer vollkommenen Einführung der Scharia reden, dann stehen im Koran verschiedene Arten von Strafen - darunter auch das Abhacken der Hände für Diebe."

Keine Religion hat in der indonesischen Provinz Aceh so nachhaltig Fuß gefasst wie der Islam. Fast 97 Prozent der vier Millionen Einwohner in Aceh sind Muslime. Dennoch stößt die erweiterte Anwendung der Scharia und die damit einhergehende Idee, Dieben die Hände abzuhacken, laut einer Studie der Nichtregierungs-Organisation Cita Madani in der breiten Bevölkerung auf Unverständnis. "Die Mehrheit der Bürger in Aceh versteht dieses Gesetz nicht", sagt Reza Pahlevi von Cita Madani. "Das heißt, die Provinzregierung hat ihre Bürger an dem Prozess der Gesetzgebung nicht von Anfang an miteinbezogen."

Arme zuerst betroffen?

Die Tsunami-Katastrophe vor zwei Jahren hat Tausende von Acehnesen in die Armut getrieben. Viele Menschen sehen sich gezwungen zu stehlen, um ihren täglichen Nahrungsbedarf zu sichern. Nicht nur aus diesem Grund sei deshalb absehbar, dass die neue harte Bestrafung überwiegend einfache Bürger treffen würde, sagt Novriantoni vom Netzwerk Liberaler Islam. "Das Problem bei dieser Strafe ist, dass Länder, die das Abhacken der Hände in ihrem Justizsystem eingeführt haben, die menschenrechtlichen Aspekte nicht beachten", sagt er. In Saudi-Arabien würden zum Beispiel nur einfache Bürger, die keinen Zugang zum fairen Gericht haben, mit dieser Strafe bestraft. "Zudem ist es eine schwere Bürde für das Sozialsystem, wenn viele Menschen bei der Vollstreckung ihre Hand verlieren."

Diese Bedenken kennt sicherlich auch das Provinzparlament von Aceh. Sollte es dennoch für die Ausdehnung der Scharia auf das Strafrecht votieren, ist das eine gesellschaftliche Richtungsweisung für Aceh.

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