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Fokus Osteuropa

Impuls für russisch-polnische Aussöhnung

Deutsche Experten erwarten nach dem Absturz der Präsidentenmaschine bei Smolensk, bei dem Lech Kaczynski und weitere neunzig Vertreter Polens starben, eine Verbesserung der polnisch-russischen Beziehungen.

Polens Premier Tusk und dessen russischer Amtskollege Putin reichen sich in Katyn die Hand (Foto: dpa)

Premierminister Tusk und Putin reichen sich in Katyn die Hand

"Es gibt eine Chance für einen Neuanfang", sagt Alexander Rahr, der Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Offensichtlich sei der Führung in Moskau sofort bewusst gewesen, was dieses Unglück für Polen bedeutet und daraufhin habe man die richtigen Worte und Gesten gegenüber Polen gefunden. Seiner Meinung nach seien beide Nationen "sehr emotional und sehr geschichtsbewusst" und deshalb werde man in keinem der beiden Länder so schnell die Bilder und Gesten der letzten Tage vergessen.

Portrait von Alexander Rahr (Foto: DW)

Alexander Rahr sieht Chance für Neuanfang

Auch Kai Olaf Lang von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik ist der Meinung, dass die durch eine nationale Tragödie in Gang gesetzte Welle der emotionalen Solidarität mit Polen zu einer positiven Entwicklung zwischen Warschau und Moskau führe. "Was das Ausmaß bestimmt, ist das menschliche Antlitz, das bei einem Politiker, wie Wladimir Putin dadurch sichtbar wurde - ein Antlitz, das bisher für Polen verborgen war", sagt Lang und erinnert an Putins Worte: "Es ist unsere gemeinsame Tragödie". Auch die Tatsache, dass einen Tag nach der Flugzeug-Katastrophe das russische Nationalfernsehen den Film von Andrzej Wajda "Katyn" zur besten Zeit ausstrahlte, sei ein wichtiges Signal, so der Politologe.

Symbolische Gesten seitens Russland

Lang erinnert an Gesten mit symbolischem Charakter, wie den Moment, als der russische Premierminister Putin seinen polnischen Kollegen umarmte, während Donald Tusk den Kranz an der Unglückstelle niederlegte. Auch die Tatsache, dass Putin solange an der Unglücksstelle in Smolensk blieb, bis der Sarg mit dem Leichnam des polnischen Präsidenten, Lech Kaczynski, nach Warschau abtransportiert wurde, habe starke Aussagekraft. "Dieser Abschied des polnischen Staatsoberhauptes durch Putin war eine einfache, aber sehr würdevolle Zeremonie", sagte Lang.

Premier Putin mit dem polnischen Botschafter Bahr am Sarg Kaczynskis im Flughafen Smolensk (Foto: RIA-Novosti)

Premier Putin mit dem polnischen Botschafter Bahr am Sarg Kaczynskis

Der Politologe meint, dass solche Bilder, die bisher in Polen dominierende Skepsis, das Misstrauen und die Furcht gegenüber Russland etwas schmälern würden. "Zum ersten Mal in jüngerer Geschichte taucht ein Gefühl der emotionalen Verbundenheit und einer echten Empathie zwischen diesen beiden slawischen Völkern auf", ergänzt Kai Olaf Lang.

"Prozess der Aussöhnung unumkehrbar"

Cornelius Ochmann von der Bertelsmann-Stiftung spricht gar vom Beginn eines "unaufhaltsamen Prozesses". "Die spontanen, direkten Reaktionen aus Russland auf das polnische Unglück waren so tief, dass sie nach meiner Ansicht zu einem unumkehrbaren Prozess der Aussöhnung zwischen den beiden slawischen Völkern führen", sagt er.

Dabei betont Ochmann, dass diese "Unumkehrbarkeit" keineswegs "nur" eine bilaterale Dimension habe und er erinnert an die Kommentare der russischen Presse. "Manche Medien schrieben in Kommentaren, dass die Russen den Polen und ihrem Präsidenten Lech Kaczynski dankbar sein sollten, dass sie durch die polnische Tragödie auch an die eigenen Tragödien erinnert werden", so der Politologe. "Viele Russen erinnern sich dadurch an viele andere Katyns im eigenen Lande, die noch aufgeklärt werden müssen", fügt Ochmann hinzu und vertritt gar die Meinung: "Der unumkehrbare Prozess bedeutet auch eine neue Interpretation des Stalinismus in Russland". Jetzt gelte es diese Chance in beiden Ländern zu nutzen, betont der Experte der Bertelsmannstiftung.

Portrait von Cornelius Ochmann (Foto: DW)

Cornelius Ochmann: Aussöhnung unumkehrbar

Reale Probleme nicht aus der Welt geschafft

Die Politologen sehen jedoch, dass die emotionale Aussöhnung zwar Einiges ermöglicht, doch letztendlich nicht die realen Probleme aus der Welt schafft, die es zwischen Polen und Russland gibt. Kai Olaf Lang spricht von "Reizthemen", wie Energie, Ostseepipeline oder Partnerschaften der NATO im Osten. Zwar hätten manche Themen, wie das Engagement Polens für die NATO-Integration der Ukraine und Georgien in letzter Zeit etwas an Schärfe verloren und somit mildere sich der Konflikt mit Russland, doch die Probleme seien nicht gelöst. "Ich bin ein relativer Optimist", erklärt Lang und sagt, er hoffe nun auf "konstruktive Diskussionen".

Als Optimist beschreibt sich auch Cornelius Ochmann von der Bertelsmann Stiftung. Er glaubt, der versöhnliche Ton werde künftig überwiegen. "Man kann zwar jede Chance versenken, wenn man den falschen Ton trifft, doch bisher treffen beide Seiten den richtigen Ton", sagt er. Ochmann sieht in einem besseren russisch-polnischen Verhältnis auch eine Chance für Europa: "Wenn diese Länder sich einander annähern, bedeutet es auch für die EU bessere Zusammenarbeit mit Moskau und das wissen auch alle", meint er.

Langsame Annäherung in den letzten Monaten

Ebenso glaubt Alexander Rahr von der DGAP an eine gute Entwicklung zwischen Moskau und Warschau. Allerdings widerspricht er der Ansicht, es sei allein die Tragödie, die dazu führe. "Dass Russland in diesem dramatischen Moment so reagieren konnte, ist auch der langsamen Annäherung der beiden Länder in den letzten Monaten geschuldet", sagt Rahr.

Premier Putin legt bei Gedenkfeier in Katyn einen Kranz nieder, wenige Tage vor dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine (Foto: dpa)

Gedenkfreier in Katyn wenige Tage vor dem Absturz der Präsidentenmaschine

Damit meint er zum Beispiel die Teilnahme Putins an den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges, am 1. September 2009 auf der Westerplatte in Gdansk, sowie die Gedenkfeier für die 22.000 ermordeten polnischen Offiziere in Katyn, zu der Putin den polnischen Premier Tusk eingeladen hat – sie fand wenige Tage vor dem Flugzeugunglück statt, bei dem Lech Kaczynski und über 90 weitere Vertreter Polens ums Leben kamen.

Politische Lage zwingt Polen zum Umdenken

Der historische Dialog zwischen Polen und Russland werde fortschreiten, meint Rahr und bemerkt, dass sich einige bis vor kurzem existierende Probleme zwischen beiden Ländern, ohnehin allmählich auflösen. Dazu zählt der Russland-Experte unter anderem die neue politische Lage in der Ukraine, die derzeit vor allem an "einem Schulterschluss mit Russland interessiert ist". "Das macht es Polen unmöglich, dass es weiterhin die Ukraine als Pufferzone zwischen dem eigenem Land und Russland sieht und das wiederum zwingt Polen zum Umdenken", so Rahr.

"Auch das Problem der amerikanischen Raketen in Polen löst sich mehr und mehr, genauso, wie die Frage der Energie-Unabhängigkeit – zumal Polen kürzlich eigene große Gasreserven entdeckte", bemerkt der Politologe. Trotz der realen Schwierigkeiten der aktuellen Politik bekommt nun auch der Aussöhnungsprozess eine reale Chance. Man soll sie nutzen, betonen die Experten.

Autorin: Rosalia Romaniec
Redaktion: Markian Ostaptschuk / Fabian Schmidt

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