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Deutschland

Impfverhalten lässt zu wünschen übrig

Mehr als 100 Masernfälle sind 2009 bereits in Deutschland aufgetreten. Gesundheitsministerin Schmidt will die "Impfmüdigkeit in der Bevölkerung stoppen". Sind die Deutschen zu nachlässig, wenn es um Schutzimpfungen geht?

Ein Arzt impft einen kleinen Jungen (Foto: DPA)

Ärzte raten, Kinder gegen ansteckende Krankheiten impfen zu lassen

Annas Eltern haben sich entschlossen, ihre einjährige Tochter gegen ansteckende Krankheiten impfen zu lassen. Mit großen Augen schaut Anna den Kinderarzt vom Arm ihres Vaters an. Auch wenn der Piks weh tut und Anna leise anfängt zu weinen, für ihren Vater ist es selbstverständlich, seine Tochter "gegen die Krankheiten zu schützen, gegen die man schützen kann". Damit folgt er den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts. Sie rät dazu, Kinder unter anderem gegen Diphtherie, Tetanus, Masern, Röteln und Polio zu immunisieren.

Doch so gewissenhaft sind längst nicht alle Deutschen. Auf der ersten Nationalen Impfkonferenz in Mainz rief Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Bevölkerung dazu auf, sich gegen gefährliche Infektionskrankheiten zu impfen. An die Teilnehmer der Konferenz appellierte sie: "Wir müssen die Impfmüdigkeit stoppen."

Impflücken bei Jugendlichen

Die so genannten Durchimpfungsraten in Deutschland zeigen, dass 9 von 10 Kindern die Grundimmunisierung, also die erste Spritze gegen Infektionskrankheiten, bekommen haben. Diese Vorsorge nehmen viele Eltern in den ersten ein bis zwei Lebensjahren ihres Kindes war, sagt Hubert Radinger, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Bonn. Bei Jugendlichen sehe es da schlechter aus. "Wenn die Kinder größer werden, gehen die Durchimpfungsraten merklich nach unten, nicht aus irgendwelchen Überlegungen, sondern einfach, weil’s verpennt wird."

Eine Hand setzt eine Spritze am Oberarm an (Foto: AP)

Kleiner Piks, große Wirkung

Dabei sind die Auffrischungsimpfungen besonders wichtig. Um Kinder zum Beispiel gegen Masern zu schützen, sind zwei Spritzen im Abstand von einigen Wochen notwendig. Aber nur drei Viertel der Kinder können laut Robert-Koch-Institut diese Auffrischung nachweisen. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem Wert von 95 Prozent, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anstrebt. Ein Zustand, der auch Gesundheitsministerin Schmidt Sorgen bereitet. Auf der Impfkonferenz beklagte sie, dass in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland, "in dem alle Zugang zu notwendigen Impfungen haben, immer noch Kinder an Masern sterben".

Impfgegner veranstalten Masern-Parties

In Deutschland sind Schutzimpfungen für Kinder und Erwachsene freiwillig. Ärzte schätzen, dass etwa drei Prozent der Deutschen diese Maßnahmen grundsätzlich ablehnen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einige sehen die Wirksamkeit von Impfungen nicht als erwiesen an und fürchten, dass die Erreger, die dem Körper bei einer Impfung zugefügt werden, Schaden anrichten.

Andere finden, dass Kinder Krankheiten brauchen, um ihre Persönlichkeit zu stärken und sich im Leben besser zu Recht zu finden. Manche Eltern schicken ihre Kinder sogar bewusst auf so genannte Masern-Parties, damit sie sich anstecken und somit später gegen die Krankheit immun sind.

Kinderarzt Radinger hat dafür kein Verständnis. "Die Impfungen, die wir durchführen, sind keine Impfungen gegen banale Erkrankungen, sondern gegen tatsächliche schwere oder tödlich verlaufende Infektionen."

Ein Junge aus Nigeria erhält eine Polio-Schluck-Impfung (Foto: DPA)

Impfungen sind für Kinder in Entwicklungsländern lebenswichtig

Sabine Reiter, Leiterin des Fachgebiets Impfungen am Robert-Koch-Institut, sieht die Verantwortung jedoch nicht nur bei den Eltern. Auch Krankenkassen und Ärzte können helfen, Patienten an die Immunisierung zu erinnern und über ihren Nutzen aufzuklären. "In anderen Ländern gibt es Programme in Schulen, bei denen Impfungen angeboten werden", sagt sie. So könnten vor allem Jugendliche besser erreicht werden.

Weltweite Konsequenzen

Bis zum kommenden Jahr will die WHO die Masern weltweit ausrotten. Sabine Reiter hält das für sehr schwierig, solange Länder wie Deutschland, die Schweiz und Großbritannien keine flächendeckenden Impfungen vorweisen können.

Doch die Folgen der geringen Durchimpfungsraten sind nicht nur für Europa ein Problem. Vor allem Entwicklungsländer haben mit sogenannten importierten Viren zu kämpfen, sagt Reiter. Nicaragua zum Beispiel hatte es geschafft, die Masern auszurotten. Bis sie zum Beispiel von Touristen aus Deutschland wieder eingeschleppt wurden, erzählt sie.

Die Maßnahmen, die anschließend erforderlich seien, wie Behandlungen und Impfungen, seien sehr teuer und stellten das Gesundheitssystem dieser Länder vor immer neue Probleme. Doch vielen Deutschen sind die Auswirkungen ihres Impfverhaltens wohl nicht bewusst.

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