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Kultur

Immobilie des Geistes

Am 26. Oktober 1929 starb der in Hamburg geborene jüdische Wissenschaftler und Bankierssohn Aby M. Warburg. Seine "Kulturwissenschaftliche Bibliothek" gilt bis heute als eine der bedeutendsten Buchsammlungen in Europa.

Warburg-Haus heute (in der Mitte die ehemalige Bibliothek, rechts das ehemalige Privathaus Warburgs) (Foto: André Beyer)

Er sei Hebräer vom Geblüt, Florentiner im Geist und Hamburger mit dem Herzen. Mit diesen Worten charakterisierte sich der Kunsthistoriker und Privatgelehrte Aby Warburg gegenüber seinen Freunden. Zu seinen herausragenden Leistungen gehörte die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, kurz "K.B.W." genannt. 1926 hatte Warburg in Hamburg sein Lebenswerk eröffnen können. In einem architektonisch einzigartigen Neubau, wie die Zeitungen damals übereinstimmend berichteten.

Verkauf des Erstgeborenenrechts

Aby Warburg in Hut und Mantel in Florenz, 1927 (Foto: picture alliance)

Ein Leben für die Wissenschaft

Finanziert hatte Aby Warburg sein Lebenswerk durch das Bankhaus seines Vaters und später vor allem seines in die Vereinigten Staaten ausgewanderten jün­geren Bruders Max: "Als Aby 13 Jahre alt war, offerierte er mir sein Erstgeborenenrecht. Er als ältester war dazu bestimmt, in die Firma einzutreten. Ich war damals 12 Jahre und erklärte mich einverstanden. Aber er ver­langte von mir die Zusage, dass ich ihm immer alle Bücher kaufen würde, die er brauchte." Max Warburg ahnte nicht, dass er für dieses Tauschgeschäft den wohl teuersten Blankoscheck seines Lebens ausschreiben musste. 1920 waren es bereits weit über 20.000 Bücher.

Schwierige Persönlichkeit

Abraham Moritz Warburg, genannt Aby Warburg(Foto: rechtefrei)

Warburg denkt an den Erhalt des Wissens

Gleichzeitig arbeitete Aby Warburg als Kulturhistoriker, Privatgelehrter und Forscher. Doch er war von labiler Gesundheit und litt unter Depressionen. Freunden und Zeitgenossen galt er als ein zarter Melancholiker und Hypochonder, der sich zeitweilig in psychotherapeutische Behandlungen begab. 1918, ge­gen Ende des Ersten Weltkrieges, erlitt Warburg einen psychischen Zusammenbruch. Phobien, Zwangs- und Wahnvorstellungen gingen damit einher.

Alltags- und Kulturgeschichte

Lesesaal im Hamburger Warburg - Haus mit einem aufgeschlagenen Buch auf einem Tisch (Foto: André Beyer)

Raum für Wissen

Warburgs kunst- und kulturgeschichtliches Generalthema war die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Antike: mit Arbeiten über Botticelli und der florentinischen Malerei, über Albrecht Dürer, aber auch über heidnisch-antike Weissagungen in Wort und Bild. Was Warburg nicht interessierte, war eine rein ästhetisierende Kunstgeschichte. "Ich sitze im Vorlesungsraum der Bibliothek mit einem Band der Tageszeitung HAMBURGER FREMDENBLATT aus dem Jahre 1915", erzählt René Drommert, der in den zwanziger Jahren als studentischer Bibliothekar im Warburg-Haus arbeitete: "Plötzlich erscheint Aby Warburg, beugt sich über den Tisch, verweist auf eine Annonce: 'Teppich gegen Mehl und Kartoffeln zu tauschen gesucht!'. "Diese Dinge", sagte Warburg, "müssen Sie mit einbeziehen, um eine Vorstellung vom kul­turellen und sozialen Leben zu bekommen."

Intellektuelles Zentrum

K.B.W.-Mitarbeiterin Petra Roettig steht im Bibliotheks- und Leseraum (Foto: picture alliance/ dpa)

Arbeiten für die Kunstwissenschaft

Noch zu Warburgs Lebzei­ten galt die "K.B.W." in der Hamburger Heilwigstrasse 116 als ein intellektuelles Zentrum der Weimarer Republik. Sie blieb es auch nach seinem Tod am 26. Oktober 1929. Viele renommierte Wissenschaftler arbeiteten im Lesesaal der Bibliothek, darunter der Philosoph Ernst Cassirer, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und der Physiker Albert Einstein. Auffällig war dabei die Dominanz jüdischer Gelehrter, sagt Charles Hope, Direktor des Warburg Institutes in London: "Diese Wissenschaftler haben aber nicht geglaubt, dass ihr Judesein grossen Einfluss auf ihre Gelehrsamkeit hatte. Ihr jüdischer Hintergrund hatte für sie nur eine begrenzte Bedeutung." Bis die Machtergreifung der Nationalsozialisten den Fortbestand der "K.B.W." gefährdete und ihren Transfer nach London erzwang. Heute gehört diese 350.000 Bände umfassende Bibliothek unter ihrem neuen Namen "The Warburg Institute" weiterhin zu den bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Buchsammlungen Euro­pas.

Ihr Renommee verdankte die Bibliothek sowohl ihrem seltenen Bücherbestand wie auch dem fächerübergreifenden Ordnungssystem, das die unterschiedlichsten Wissensbereiche verband: Psychologie und Anthropologie, Theater, Festwesen und Musik, Astrologie und Astronomie, Chemie und Mathematik. Im Zentrum war der ovale Lese- und Vortrags­saal: "Warburg wollte eine Ellipse", sagt der Hamburger Kunstwissenschaftler und Warburg-Foscher Martin Warnke, "weil der Astronom Johannes Kepler nachgewiesen hatte, dass die Welt und die Planeten sich in einer ellipti­schen Bahn bewegen." Im Sieg über die Angst sah Aby Warburg eines der Ziele westlicher Rationalität: der Triumph menschlicher Kultur über die Dämo­nen der Vergangenheit.

Autor: Michael Marek
Redaktion: Conny Paul

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