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Amerika

Immigrationspolitik reißt Familien auseinander

Mehr als elf Millionen Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung leben derzeit in den USA. Die aktuelle Politik der Regierung Obama hat schwerwiegende Konsequenzen, insbesondere für die Familien der illegalen Immigranten.

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Leon und seine Familie wohnen im hintersten von drei grün gestrichenen quadratischen Bungalowhäuschen in einem der für Kriminalität bekannten Viertel von Los Angeles. Vater Leon sitzt im dunklen Wohnzimmer auf einem ausrangierten Autositz und telefoniert. Auf dem Holzfußboden spielt ein Junge mit Karten. Zwei Mädchen haben sich neben den Besuch auf das Sofa gesetzt. Die elfjährige Ginelli ist Leons älteste Tochter. Jeden Morgen, wenn er zur Arbeit geht oder wenn er am Wochenende Freunde besucht, hat sie Angst, dass er nicht zurückkommt. Leon lebt ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA. "Manchmal habe ich das Gefühl, sie könnten ihn mitnehmen, weil er keine Papiere hat, ihm könnte etwas passieren, wenn er nicht bei uns ist", erzählt Ginelli. Sie versucht, nicht über die Bedrohung nachzudenken: "Es macht mich traurig, dass sie Leute mitnehmen können, nur weil sie keine Papiere haben."

Die zehnjährige Ashley bangt mit Ginelli. Ihr Vater ist ein Cousin von Leon und wurde vor einem Jahr abgeschoben. Sie war dabei, als die Sicherheitsbeamten der Immigrationsbehörde früh morgens an die Tür klopften und ihren Vater mitnahmen. Ihre Mutter folgte ihm nach Mexiko. Ashley und ihre zwei Brüder leben seither mit Leons Familie. Sie vermisst ihre Eltern sehr, lebt aber auch gerne mit Leons Familie. "Ich bin gerne hier, sie passen gut auf uns auf. Leon geht immer mit uns in den Park, wenn wir ihn darum bitten."

Vom Hilfsarbeiter zum respektierten Stoffhändler

Leon und seine Familie Demonstration für Reform, der US-Einwanderungspolitik in Los Angeles

Leon und seine Familie bei einer Demonstration für eine Einwanderungsreform in Los Angeles

Der 38jährige Leon lebt seit zwölf Jahren in den USA. Er hat mit Freunden illegal die Grenze in Arizona überquert und kam nach Kalifornien. In Mexiko hatte er mehrere Jobs. Leon arbeitete als Chauffeur und Koch und konnte kaum überleben. In Los Angeles fand er schnell Arbeit. Erst als Hilfsarbeiter in einer Pizzeria und als Flugblattverteiler, später im Modeviertel von Downtown Los Angeles. Inzwischen ist er dort bekannt als vertrauenswürdiger Stoffhändler. Leon verließ seine Heimat und seine Eltern, weil er eine bessere Zukunft wollte für sich und seine Familie. "Ich möchte vorankommen und habe in den USA schon viel erreicht." Er will weiter in den USA leben und arbeiten, obwohl er nicht immer gut behandelt wird. "Sie wollen, dass wir Einwanderer wieder gehen. Aber wir gehen nicht, jetzt wo wir schon hier sind!"

Ohne Aufenthaltsgenehmigung kann Leon kein Konto eröffnen, bekommt keine Arbeitsgenehmigung, keinen Führerschein, keine Versicherung. Ist er mit dem Auto unterwegs, hält er sich genau an alle Verkehrsregeln und hat Latino-Radioprogramme eingeschaltet, die vor Polizeikontrollen in der Region warnen. Wird er kontrolliert, kann das schwere Folgen haben - von mehreren tausend Dollar Strafe für das Fahren ohne Führerschein und Versicherung bis zur Abschiebung.

Wenn dich die Verzweiflung überkommt, stirbst du

Demo für Reform der US-Einwanderungspolitik in Los Angeles USA Latinos

"Brüderlichkeit mit Mexiko" - die Proteste der Immigranten nehmen zu

Einmal wurde Leon schon erwischt und zurück nach Mexiko geschickt. Wenige Wochen später war er wieder in Los Angeles. Er kennt die Grenze gut. Alle zwei Jahre besucht er seine Eltern und überquert danach zu Fuß die ausgetrockneten Berge zwischen seiner Heimat und den USA. Wer den Weg nach Norden überleben will, müsse sich an bestimmte Regeln halten, erzählt Leon: "Du musst ganz ruhig, entspannt bleiben. Wenn dich in den Hügeln Verzweiflung überkommt, stirbst du. Du musst ruhig gehen. Nicht rennen. Dich gut umsehen. Zwischendurch eine Stunde schlafen." Der Fußmarsch über die Grenze dauert vier Tage. Vier Tage und vier Nächte.

Von Präsident Obama ist Leon enttäuscht. Statt der im Wahlkampf versprochenen umfassenden Reform mit vorübergehenden Arbeitsgenehmigungen gebe es mehr Razzien und schärfere Gesetze. Ginelli und Ashley träumen mit ihm von einer besseren Zukunft. Vor allem davon, dass niemand aus ihrer Familie mehr abgeschoben wird, weil er keine Papiere hat. Ginelli wünscht sich, dass die Kontrollen abgeschafft werden und dass alle in die USA kommen und sie wieder verlassen können, wann sie wollen. Ashley findet, die USA sollten allen Einwanderern Papiere geben. "Alles andere ist nicht fair. Ich wünschte, mein Vater hätte Papiere, käme zurück und ich könnte ihn wiedersehen."

Autorin: Kerstin Zilm

Redaktion: Oliver Pieper