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Kultur

Immer wieder die Rolle der "Aysche"

Die türkische Schauspielerin Ilknur Bahadir erzählt von ihren Erlebnissen auf deutschen Bühnen. Eines hat sie dabei gelernt: Die Macht der Stereotypen ist groß. Denn die Rolle die sie bekam, war immer gleich.

Die in der westtürkischen Hafenmetropole Izmir geborene Schauspielerin Ilknur Bahadir hat nach ihrer Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München über die Bühnen der bayrischen Hauptstadt hinaus in Schauspielhäusern von Köln, Basel, Wuppertal, Basel sowie im Berliner Maxim-Gorki-Theater und am Staatstheater Hannover gearbeitet. Weitere Engagements beim Fernsehen boten ihr die Gelegenheit, sich auch als TV-Darstellerin zu profilieren. In ihrem Autorenbeitrag für den deutsch-türkischen Kulturtreffpunkt lehnt sie sich gegen die Zwänge auf, die ihre vielfältigen Erfahrungen auf bestimmte Rollen als Frauen mit Migrationshintergrund reduzieren.

Am Anfang war die Geburt. Meine Geburt. In Izmir. Als Türkin. Schon längst beantworte ich die Frage auf Formularen nach meiner Nationalität mit "deutsch!" Spreche außer Deutsch drei weitere Sprachen und drei deutsche Dialekte sowie Schweizerdeutsch. Was mir das alles gebracht hat? In meinem Beruf als Schauspielerin? Als Mensch?

Am Anfang war die Geburt. Die Geburt Jesu. Ich gebar ihn. Denn ich war die heilige Maria. Die Maria des Kleinostheimer Gemeindekindergartens, einer Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Aschaffenburg. Das war schön. Anne (dt.: Mutter) hatte sich große Mühe beim Nähen meines Kostüms gegeben.

1. Szene Maria und Josef gehen einen kleinen Weg entlang. Sie wirken schon sehr erschöpft.

Maria:

Ach, Josef, weit schaff ich es nicht mehr! All die Leute dort drüben in Bethlehem... Und keiner hat uns reingelassen! Wie lange soll ich denn noch laufen?

Noch lange sollte ich auf Bühnenbrettern laufen, stolpern, hetzen, rennen, eilen, tanzen, kullern, schwanken, jagen, auftreten und abgehen. Die Stationen, die den Kleinostheimer Brettern folgten waren: Aschaffenburg, München, Wuppertal, Zürich, Basel, Baden-Baden, Hamburg, Berlin, Hannover, Ludwigshafen, Bregenz, Ludwigsburg, Köln.

Doch Maria sollte ich nie mehr spielen. Auch nicht Luise, nicht Käthchen, nicht Hedda, nicht Hermia, nicht Julia, nicht Helena, nicht Nora, nicht Penthesilea, nicht Effi, nicht Lulu, nicht Johanna, nicht Mirandolina, nicht Gretchen, nicht Eve, nicht Agnes, nicht Viola und auch viele andere nicht.

Aber 11 von 13 unterschiedlichen TV-Produktionen durfte ich Aysche sein. Wer war diese Aysche? Irgendwann fand ich heraus: das war eigentlich nicht wichtig. Wichtig war: Aysche nix schiprehen doyitsch. Nur das wihtig, also gans ayinfach: Aysche glaysche. Das einzig Schwierige daran war aber eben genau das einzig Wichtige: Eine Aysche spricht niemals hochdeutsch. So, nu krieg das mal hin Illy, bist doch ein Schwartzkopf, da kann man das halt. Denkt zumindest jeder nicht Schwartzkopf. Waaas mit Lessing, Schiller, Kleist, Goethe , Hebbel großgeworden?! Schiwarskoff nix Göte möte! Schiwarskoff Aysche! Fillayscht Aysche Pusfirau oder Terörist oder Kopfftuchmädschen oder Küsche arbayten oder Dinsmädschen, das wie Pusfirau nur in Teyata. Ok ok, ich habe es verstanden.

Aber dann am schönen Theater Basel! Ich durfte ANNA spielen! Anna in Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter". Oh ich war glücklich! Lustig, Anna war "zufällig" wieder eine Dinsmädschen aber eine schöne Rolle. Anna, ich mache aus dir eine besondere, feine, kluge, liebenswerte, eine mutige Anna! Ja, mutig musste meine Anna sein, denn der Regisseur hatte sich mit dem lustigen Dramaturgen ein ganz dolles Konzept überlegt: Die Brandstifter waren Neonazis in Springerstiefeln, Glatzen und grünen Jacken! Wow! Und natürlich waren sie böse und voller Fremdenhass gegen Anna. Sie quälten sie, schnitten ihr zum Beispiel die Haare ab.

Erster Probentag / Leseprobe "Biedermann und die Brandstifter"
Der Regisseur unterbricht mich nach wenigen Sätzen.
Regisseur (peinlich berührt bis verklemmt grinsend):
"Äh, könntest du das auch mit Akzent sprechen?"
Schauspielerin (stockt, weint innerlich):
"Ja, ich versuche es."

Bei weiteren Proben tanzt Aysche-Anna leicht bekleidet immer wieder Bauchtanz (das machen Aysches so denkt der Regisseur), summt auf Wunsch des deutschen Regisseurs ein türkisches Volkslied, stolpert durch die schöne deutsche Sprache Max Frisch's und weint immer weiter, doch nur innerlich - nur!

Die Jahre vergehen, insgesamt 14. Ich lerne die Ateliers, die Aufnahmestudios, nahezu aller großen deutschen Synchronfirmen kennen. Oh, wie ich diese Arbeit liebe! Die Rolle und ich ganz nah, ganz allein! Ihre Sprache wird meine, ihre Lippen, die ich gebannt studiere, werden meine. Es geht nur noch um Sprache! Die Rollen, für die ich gebucht werde, sind international. Sie sprechen iranischen, paschtunischen, rumänischen, persischen, aserbaidschanischen Dialekt. Als ich einer Aufnahmeleiterin sage, dass ich leider nur Ayschisch mir angeeignet hätte, doch nicht paschtunisch beherrsche, sagt sie: "Och Frau Bahadir, dit kriegen sie schon hin! Da bin ick mir sicher!"

Wow, was man mir alles zutraut, toll! Hab wohl mittlerweile in meinem Beruf den Ruf eines Sprachtalentes! Was schon schön ist! Nur warum gehört deutsch, meine eigentliche Sprache, in der ich lebe, liebe, schreibe, träume, schimpfe, weine, mein Kindchen großziehe nicht dazu? Warum?

Donnerlittchen nochmal, wie's auf bayrisch heißt!