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Fokus Osteuropa

"Immer weniger Interesse an unabhängigen Medien in Russland"

In den letzten Jahren hat die Anzahl unabhängiger Medien in Russland stetig abgenommen. Protest rege sich keiner, sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle der Leiter des Journalistenverbandes Russlands, Igor Jakowenko.

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Igor Jakowenko mit Lage der Medien unzufrieden

DW-WORLD.DE/Russisch: Herr Jakowenko, kann die Presse unter den heutigen Bedingungen in Russland finanziell unabhängig sein?

Igor Jakowenko: Wenn man heute die gesamte russische Presse betrachtet, dann ist sie zweifelsohne in wirtschaftlicher Hinsicht verlustbringend. Aber es gibt eine große Anzahl von Medien, übrigens auch guter Qualität, die wirtschaftlich unabhängig sind. Es gibt regionale Sternchen, beispielsweise gibt es in Nischnij Nowgorod die großartige, qualitativ gute Zeitung Birscha, in Barnaul die Zeitung Swobodnij kurs. Sie werden unabhängig von der Staatsmacht auf internationalem Niveau herausgegeben. Es gibt die Holding Tscherljabinskij rabotschij. Auch in Jakutien gibt es gute Medien, vor allem die Zeitung Molodjosch Jakutii.

Heißt das, dass der Werbemarkt es ihnen ermöglicht, unabhängig zu existieren?

Der Werbemarkt in Russland ist zweifelsohne verzerrt. Russland ist das einzige Land der Welt, wo man nicht weiß, wie viele Medien genau im Lande bestehen. Der Werbemarkt ist voller seltsamer Missverhältnisse, weil bei uns das Fernsehen, wie der Erste oder der Zweite Kanal, vom Staat kontrolliert werden oder mit staatlichen Strukturen verbunden sind, wie beispielsweise NTW mit Gasprom oder REN TV mit der Aktiengesellschaft EES. Deswegen ist Werbung im Fernsehen verhältnismäßig günstig. Die landesweiten Sender sind wie Staubsauger, die die Werbung aufnehmen. Heute bleiben 80 Prozent der Werbegelder in Moskau, und nur 20 Prozent kommen in den Regionen an. Dennoch kann ein starker und begabter Manager, der mit professionellen Journalisten zusammenarbeitet, normale Werbeeinnahmen sichern. Das ist schwierig, aber man kann überleben.

Wie viele unabhängige Medien gibt es in Russland?

Auf der Ebene von Regionen kann man Dutzende Beispiele nennen, auf munizipaler wohl Hunderte. Aber Beispiele für abhängige Medien gibt es hingegen Tausende. Vor allem sind das die rund 3.500 Bezirks- und Stadtblätter, von denen die überwältigende Mehrheit von den Bezirks- und Stadtverwaltungen abhängt. Diese Zeitungen kann man kaum als Medien bezeichnen. Das sind eher Anhängsel der Verwaltungen. Sie wollen selbst solche Anhängsel sein und dem Staat dienen. Es ist für sie nicht von Vorteil, Journalisten zu sein.

Gibt es Bewegung bei den Russen, was deren Bedarf an unabhängigen Informationen angeht?

Wenn man die letzten 17 Jahre betrachtet, dann lässt sich allgemein die Tendenz feststellen, dass das Interesse an unabhängigen Informationen zurückgeht. Man kann es so sagen: Die Meinungsfreiheit und objektive Informationen gehören heute nicht zum Warenkorb der Russen. Die meisten Menschen haben mit Genugtuung verfolgt, wie in den vergangenen sieben Jahren die Keime der Medienfreiheit vernichtet wurden. Und es gibt keine Proteste dagegen, zumindest keine massenhaften Proteste. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung ist damit einverstanden. Und wenn man die Menschen vor die Wahl stellt, an diesem Kurs festzuhalten oder zur Medienfreiheit zurückzukehren, dann wird ein großer Teil der Menschen heute dafür stimmen, an dem Kurs festzuhalten.

Das Gespräch führte Sergej Morosow
DW-WORLD.DE/Russisch, 1.10.2007, Fokus Ost-Südost