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Fokus Osteuropa

Immer mehr Menschen verlassen Transnistrien

Am 2. September feiert die so genannte Republik Transnistrien ihr 15-jähriges Bestehen. Während die Führung in Tiraspol eine künstliche transnistrische Identität aufbauen will, verlassen vor allem Jugendliche das Gebiet.

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Wenig Perspektiven für transnistrische Jugendliche

Transnistrien wird zwar von niemandem als Staat anerkannt, aber das trübt die Festtagslaune der Separatisten in dem abtrünnigen Teil Moldovas nur wenig. Transnistrien erstreckt sich jenseits des Flusses Dnjestr. Anfang der 90-er Jahre kam es zu einem kurzen Krieg zwischen moldauischen Truppen und transnistrischen Paramilitärs. Seit 1992 ist der Konflikt eingefroren und die Provinz isoliert. Die herrschende Clique um den Präsidenten Igor Smirnow steht international unter dem Verdacht, den Konflikt mit Moldova künstlich zu schüren, um illegalen Geschäften nachzugehen. Die Wahlen in Transnistrien wurden nicht mal vom befreundeten Russland anerkannt. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen das Land verlassen, darunter vor allem Jugendliche.

Suche nach einem besseren Leben

Der ehemalige Pionierpalast in Transnistriens Hauptstadt Tiraspol. Vor Fernsehbildschirmen sitzen Jugendliche, brausen mit Autos auf Rennbahnen, erschießen Monster und Soldaten. Daneben ist die Tür zum Büro der transnistrischen Jugendorganisation "World Window". Die Leiterin, Vlada Lysenko, sagte in einem Gespräch mit der Deutschen Welle: "Etwa die Hälfte der Bevölkerung verlässt das Land. Wiederum die Hälfte davon sind Jugendliche. Die suchen nach einem besseren Leben, nach besserer Bezahlung und besseren beruflichen Möglichkeiten. Jugendliche sind hier in einer Art Informations-Isolation, wenn ich das so sagen darf. Der Name unserer Organisation ist World Window, wir versuchen, ein Fenster zur Welt zu öffnen, wir versuchen, mit Jugendlichen zu arbeiten und sie zu informieren, wie sie reisen können oder eine bessere Ausbildung in Europa oder den USA bekommen. Sie sind dann häufig sehr überrascht, denn die einzige Informationsmöglichkeit für sie sind das staatliche Fernsehen und die staatliche Zeitung."

Abwechslung zum Provinzalltag

Im Souterrain eines Wohnhauses an der zentralen Prachtstraße von Tiraspol renovieren Jugendliche ihren Club Phoenix. Es ist ein deutscher Club. Nadja trägt ein enges T-Shirt mit der Aufschrift "Miss Sixty", hat lange hellblaue Fingernägel und eine schwarze Hornbrille. Ihr Mobiltelefon trägt sie um den Hals, auf der Rückseite ein Aufkleber: "Jeder ist ein Ausländer, fast überall", steht darauf. Für die Jugendlichen in Tiraspol ist der transnistrische Unabhängigkeitstag vor allem deshalb besonders, weil er Abwechslung in den Provinzalltag bringt. Nadja sagt: "Wir werden spazieren gehen, und wir werden Konzerte besuchen, und am Abend werden wir ein Feuerwerk sehen, natürlich trinken und uns natürlich mit Freunden unterhalten."

Ziel: Auslandsstudium

Seit nunmehr 15 Jahren ist Transnistrien nahezu vollständig isoliert. Dementsprechend beschränkt sind die Möglichkeiten der Jugendlichen. Zwar hat Transnistrien eigene Institute und Universitäten - nur werden die Abschlüsse fast nirgendwo anerkannt. Die meisten Jugendlichen versuchen deshalb, im Ausland zu studieren. Dazu sagt Nadja: "Ich habe Freunde, die hier die Schule beendet haben, und dann gingen sie zum Beispiel nach Russland, in die Ukraine und nach Belarus. Es scheint mir, das Lebensniveau ist ganz gut in Weißrussland. 50 Dollar hat meine Freundin als Stipendium."

Künstliche transnistrische Identität

In Transnistrien leben Russen, Ukrainer und Moldauer zusammen, genauso wie auf der anderen Seite des Grenzflusses, im restlichen Moldova. Die Führung in Tiraspol bemüht sich, künstlich eine transnistrische Identität aufzubauen. Nadja steht zur "Transnistrischen Moldauischen Republik", wie der Quasi-Staat offiziell heißt. Sie fühle sich als Transnistrierin, sagt sie. Was genau das ist, kann sie aber nicht erklären.

Vlada Lysenko von World Window sagt in diesem Zusammenhang: "Ich bin ein internationaler Mensch, nicht Transnistrierin. Ich bin in Moldowa geboren, lebe nun hier und reise nach Europa. Zwar soll sich hier jeder als Transnistrier fühlen, ich glaube aber nicht, dass die Leute wirklich glauben, sie hätten eine transnistrische Nationalität. Okay, einige junge Leute haben jetzt einen transnistrischen Pass. Das heißt aber nicht, dass sie damit reisen dürfen. Sie können nur in Transnistrien etwas damit anfangen."

Thomas Franke, Tiraspol
DW-RADIO, 2.9.2005, Fokus Ost-Südost