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Politik

Immer mehr Iraker fliehen nach Syrien

Die Zahl der Iraker, die wegen Anschlägen und Gewalttaten ihr Heimatland verlassen, steigt. Viele von ihnen fliehen in arabische Nachbarländer, wie Jordanien und Syrien. Dort beginnt es in der Bevölkerung zu brodeln.

Irakische Schiiten besuchen in Damaskus das heilige Grab von Sayedah Zaynab, der Enkeltochter des Propheten Mohammed

Irakische Schiiten in Damaskus am Grab von Sayedah Zaynab, der Enkeltochter des Propheten Mohammed

Der Kaufmann Abu Maan lebte viele Jahre ganz gut in Bagdad. Er konnte seine Familie ernähren. Dann wurde sein Geschäft geplündert. Und es kam noch schlimmer für den 68-Jährigen. "Dreimal wurde ich entführt. Das erste Mal waren die Entführer so maskiert, dass ich nur ihre Augen erkennen konnte. Das zweite Mal waren es andere Leute, auch maskiert." Das dritte Mal seien es Leute in Militäruniformen gewesen.

Abu Maan zweifelt an der Regierung. Es gebe keine Stabilität. "Normalerweise werden Kriminelle bestraft, wenn sie nur einen Schuss abfeuern. Aber diese Regierung kümmert sich nicht mal um die Leute, die mit Mörsergranaten schießen."

Darum ist Abu Maan nach Syrien geflohen. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, UNHCR, bezeichnet den Exodus aus dem Zweistromland als die größte Wanderungsbewegung im Mittleren Osten "seit der Vertreibung der Palästinenser 1948". Drei Millionen Iraker leben mittlerweile außerhalb ihrer Heimat. Wenn die Gewalt im Irak nicht gestoppt wird, könnten in diesem Jahr noch einmal eine Million Iraker gezwungen sein, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen, warnte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Antonio Guterres Anfang März in Kairo.

Flüchtlinge warten auf Hilfe

In Syrien leben mehr als eine Million Iraker, die meisten in Damaskus. Viele von ihnen reisen als Touristen ein und leben dann von dem Geld, das sie für den Verkauf ihres Eigentums bekommen haben. Deshalb gehen Nichtregierungsorganisationen davon aus, dass die Flüchtlingszahl doppelt so hoch sein könnte wie offiziell gemeldet.

Ein Mann geht an dem irakischen Geschäft Bahgdadi Barber in Damaskus vorbei

In Syrien gibt es im Moment viele irakische Geschäfte. Die Flüchtlinge versuchen so, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Schon vor Sonnenaufgang drängen sich die Flüchtlinge vor dem Gebäude des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR). Täglich werden Hunderte irakischer Flüchtlinge registriert. Der UNHCR stellt einen Schutzbrief aus, der den Flüchtlingen kostenlosen Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem Syriens verschafft.

Müde sehen die Wartenden aus. Eine blasse Frau streicht sich das blonde Haar aus der Stirn. Jeanne Jamil Mansour ist irakische Christin. "Sunniten, Schiiten, Christen - alle sind Opfer der Gewalt im Irak", sagt sie. Ihr Vater sei getötet, ihr Bruder entführt worden. Ihre Mutter habe schwer verletzt im Krankenhaus gelegen. Sie ringt um Fassung: "Ich bin jetzt drei Jahre hier, niemand unterstützt uns. An wen sollen wir uns nur wenden, wer kann uns Irakern, Muslimen und Christen helfen? Sie sehen, wie ich zittere, was soll ich sagen?!"

Überlastetes Land

Syrien ist das einzige Land, das seine Grenzen für Iraker offen hält, noch. Der massenhafte Zulauf von Flüchtlingen bleibt nicht ohne Folgen. Das Leben in Damaskus ist teuer geworden, besonders die Mieten. Anfangs zahlten die Iraker von ihrem Ersparten die Mieten im Voraus. Jetzt geht ihnen das Geld aus und sie suchen nach Arbeit. Die Konkurrenz auf dem syrischen Arbeitsmarkt ist groß.

Die Vereinten Nationen hoffen auf 60 Millionen US-Dollar Spenden, um den irakischen Flüchtlingen helfen zu können. Für die Hälfte des Geldes gibt es bereits Zusagen. Die deutsche Regierung schickte schon im vergangenen Jahr 500.000 Euro. Jede Summe ist willkommen, sagt Laurens Jolles, der UNHCR-Vertreter in Damaskus. "Wir brauchen das Geld für die Gesundheitsversorgung und das Bildungswesen. Die syrischen Schulen sind völlig überlastet." Es gebe nicht genügend Lehrer, einige neue Schulen müssten gebaut, andere renoviert werden. Die Regierung suche bereits nach einer Lösung, um die Zahl der Lehrer erhöhen zu können. "Viele Flüchtlinge sind nicht länger in der Lage, sich selbst zu versorgen. Ihnen müssen wir helfen. Wir müssen das nationale Gesundheitswesen entlasten."

"Riesenwut und Hass"

Wie sehr das syrische Gesundheitswesen belastet ist, spüren Patienten und Mitarbeiter im Zentrum des Syrischen Roten Halbmonds in Sayida Zainab, einem südlichen Vorort von Damaskus. Täglich kommen 100 Patienten in das Zentrum. Wenn Herzspezialisten oder Internisten Sprechstunde haben, sind es doppelt so viele. Dr. Khassem Soma arbeitet seit fünf Jahren hier. Alle Iraker, die er gesehen hat, seien körperlich und seelisch krank, sagt er: "Ich habe viel über die Iraker gelernt, seit ich hier arbeite." Heute könne er einen Iraker schon an seiner Mimik erkennen. "Und ich sage Ihnen, in seinem Innern toben eine Riesenwut und Hass über das, was in seiner Heimat geschieht." Dabei seien die Iraker nicht auf die Menschen wütend sondern auf das, was im Irak passiert. "Ihr Land ist unter Besatzung, jeden Tag werden sie beklaut, sie haben ihr Land, ihre Häuser verloren. Sie wissen nicht, wie es weitergeht." Er habe einen Mann getroffen, der "in diesem berühmten Abu-Ghraib-Gefängnis" war. Dieser habe ihm seine Folterspuren gezeigt. "Das war furchtbar, furchtbar!"

Die Nöte der irakischen Flüchtlinge können in Syrien auf Dauer nicht aufgefangen werden. So viele Ausländer bergen für jedes Land ein Spannungspotential, sagt Laurens Jolles vom UNHCR in Damaskus. "Die Anwesenheit der Flüchtlinge wirkt sich auf alles aus, auf die Schulen, das Gesundheitswesen, auf die Mieten." In der Bevölkerung beginne es zu brodeln. Das sei der Grund dafür, dass weiterhin alles dafür getan werden müsse, um die Iraker zu unterstützen. "Nur so lassen sich Spannungen in der Zukunft vermeiden."

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