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Kultur

Im Zweifel gegen Demjanjuk

Nach 93 Verhandlungstagen ist der Prozess gegen John Demjanjuk zu Ende gegangen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte als Wachmann im KZ Sobibor mithalf, tausende von Juden zu ermorden.

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John Demjanjuk – ein Handlanger des Massenmords, ein williger Helfer bei der Vernichtung von Juden in Sobibor, ein Teil des nationalsozialistischen Machtapparats. Dies glaubt das Gericht zweifelsfrei bewiesen zu haben und verhängte fünf Jahre Haft. Demjanjuk war zur fraglichen Zeit am mörderischen Ort. Durch seine Anwesenheit in Sobibor hat er sich schuldig gemacht, wurde er zum Bestandteil der großen Mordmaschinerie. Eine individuelle Tat musste ihm, dieser Logik folgend, nicht mehr nachgewiesen werden. Ein gerechtes Urteil? Wohl eher eines, das aus der Not eines quälenden Verfahrens geboren wurde. Zweifel bleiben. Zeugen, die ihn dort gesehen haben, gibt es nicht mehr, auch keine Beweise für konkrete Taten. Allein ein Dienstausweis galt als wichtiges Indiz.

Es gibt große Mengen historischer Dokumente – doch siebzig Jahre danach lässt sich die Tat eines Einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Siebzig Jahre danach werden auch alte Versäumnisse offenbar. Jahrelang hat man hierzulande Täter geschont, größte Nachsicht geübt gegenüber jenen, die die fürchterlichsten Verbrechen angeordnet und begangen hatten, darüber sind Zeugen gestorben und viele Verantwortliche – übrigens auch für die Todesfabrik Sobibor - sind glimpflich davon gekommen. Und es scheint ein bisschen so als sei das Gericht nun besonders bestrebt gewesen, die Versäumnisse früherer Zeiten wieder gutzumachen.

Zweifel bleiben

Jetzt aber macht sich Unbehagen breit: Womöglich wird ein kleines Licht verurteilt, ein junger Mann, der den Terror Stalins knapp überlebte, ein damals 23jähriger Häftling, der mit der sicheren Aussicht auf seinen Tod in einem deutschen Kriegsgefangenenlager vegetierte und sich aus Selbsterhaltungstrieb der SS andiente. Hatte Demjanjuk tatsächlich – wie seine Richter meinen – die Chance, sich der mörderischen Routine zu entziehen? War er frei, zu fliehen – im besetzten Polen, im Krieg, allein?

Cornelia Rabitz, Deutsches Programm Kultur

Cornelia Rabitz

Und gleichzeitig fällt es schwer, für den 91jährigen Angeklagten Verständnis aufzubringen, für einen Mann, der sich konsequent seiner Mitwirkung am Prozess verweigerte, der an jedem Verhandlungstag sein Desinteresse und seine Verachtung für dieses Gericht demonstriert hat. Demjanjuk aber war nicht nur der Täter, als der er jetzt verurteilt wurde. Er war auch Opfer politischer und historischer Umstände.

Zum ersten Mal wurde damit in Deutschland übrigens ein Ausländer für NS-Verbrechen zur Rechenschaft gezogen, die im von Wehrmacht und SS besetzten Osteuropa begangen wurden. Damit betraten die Richter nicht nur juristisches Neuland. Geöffnet wird jetzt auch eine Art Büchse der Pandora. Denn es gab sie ja, die ausländischen so genannten Hilfswilligen, jenes "Fußvolk des Genozids" wie Historiker formuliert haben. Nicht alle wurden dazu gezwungen, Juden in die Gaskammern zu jagen und zu verprügeln. Manche machten aus rassistischen Motiven freiwillig mit. Tabuisiert wurde das Thema bis heute – auch in den betreffenden Ländern.

Genugtuung für die Opfer

Für die Angehörigen der Ermordeten freilich, die so viele Tage im Gerichtssaal saßen, Tränen der Trauer und der Wut weinten, ist der Urteilsspruch eine Genugtuung, eine späte Sühne, ein Stück Respekt für die Menschen, die ihnen nahestanden und so unermessliche Qualen erlitten haben. Und es gibt noch eine Botschaft: Der Fall Demjanjuk zeigt den Massenmördern von heute, dass es kein Entrinnen gibt, dass sich niemand sicher sein kann, auch nicht nach Jahren.

Nur eines ist der jetzt zu Ende gegangen Prozess nicht: Das letzte NS-Verfahren. Bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Dortmund sind noch 18 Ermittlungsverfahren anhängig. Und während über John Demjanjuk jetzt in München das Urteil gesprochen wurde sitzt ein paar Kilometer weiter ein von den Niederlanden rechtskräftig verurteilter Kriegsverbrecher und verbringt unbehelligt einen ruhigen Lebensabend. Deutschland schiebt ihn nicht ab. Das zeigt die ganze Absurdität. Aber es zeigt auch: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Sabine Oelze