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Welt

Im Zeichen des Kreuzes

Keine Hilfsorganisation ist so bekannt wie das Rote Kreuz. Mehrmals wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Umstritten war immer nur sein Name - als vermeintlich christliches Symbol.

"Gehirn spritzt aus den zerplatzenden Köpfen, Glieder werden gebrochen und zermalmt, Körper werden zu formlosen Massen. Die Erde wird buchstäblich mit Blut getränkt. Und die Ebene ist übersät mit unkenntlichen Resten von Menschen." So beschrieb der Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant die Schlacht von Solferino, in die er am 24. Juni 1859 geriet: Eine der blutigsten Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts in Norditalien, bei der Tausende österreichische und französische Soldaten getötet wurden. Zehntausende blieben verwundet zurück. Das Leid entsetzte Dunant so sehr, dass er in einer nahen Kirche ein Lazarett einrichtete und die Dorfbevölkerung mobilisierte, ihm bei der Versorgung der verwundeten Soldaten zu helfen.

Heute noch ein Vorbild: Henry Dunant

Unter dem Eindruck dieser Schlacht gründete er vier Jahre später das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Unterstützung erhielt er damals nicht nur von Freunden und Bekannten. "Er hat es auch geschafft, Politiker zu bewegen", sagt Frank Mohrhauer von der Rotkreuz- und Rothalbmond-Föderation in Genf. So gelang es Dunant innerhalb weniger Monate, zwölf Staaten an einen Tisch zu bringen, die sich in der ersten Genfer Konvention auf den Schutz von Kriegsverletzten einigten. Für seine Verdienste erhielt er 1901 den erstmals verliehenen Friedensnobelpreis. Und sein Geburtstag - der 8. Mai - wird als "Weltrotkreuztag" begangen.

Ein mobiles Rotkreuz-Hospital wird in eine Boeing 747 verladen. (Foto: dpa)

Das mobile Krankenhaus des DRK kann ein Gebiet mit bis zu 250.000 Einwohnern medizinisch versorgen

Das rote Kreuz auf weißem Grund hatte Henry Dunant als einheitliches Kenn- und Schutzzeichen vorgeschlagen. Es war nicht als christliches Symbol gedacht, wie Frank Mohrhauer erklärt, "sondern als farbliche Umkehrung der Schweizer Fahne. Damals hat man allerdings übersehen, dass gerade Symbole immer sehr starke Emotionen auslösen." Und so führte das Kreuz im Laufe der Geschichte immer wieder zu Streit.

Streit um Embleme

Schon das Osmanische Reich ließ im Krieg gegen Russland 1876-1878 den Roten Halbmond verwenden, da - so die Begründung - das Kreuz das religiöse Empfinden seiner Soldaten verletze. Zum Streit kam es nicht, beide Seiten erkannten die Schutzsymbole gegenseitig an, auch das IKRK in Genf hatte keine Einwände.

Doch nun war ein Präzedenzfall geschaffen. Die Folge: 1924 führte Persien einen Roten Löwen mit Roter Sonne ein, der - ebenfalls mit Zustimmung des IKRK - bis 1980 verwendet wurde.

1930 gründete sich dann die israelische Organisation Magen David Adom, die, wie es der Name bereits besagt, den Davidstern als Schutzsymbol einführte. Als die Anerkennung der Organisation beim internationalen Rotkreuz-Verband anstand, kam es zum Eklat: Zahlreiche arabische Länder blockierten die Aufnahme aufgrund dieses Symbols – und das mehr als ein Vierteljahrhundert. Nach dem Muster der Nahost-Gespräche auf politischer Bühne schaukelte sich der Streit immer höher: Weil die einen den israelischen Verband nicht aufnehmen wollten, lehnten die anderen die Aufnahme des palästinensischen Verbandes ab. Dann stellte die US-amerikanische Organisation ihre Mitgliedszahlungen an die Zentrale ein, um den Druck zu erhöhen.

Neutrales Zeichen: der Rote Kristall

Der Durchbruch gelang schließlich Ende 2005: mit dem Roten Kristall. Allerdings darf der Rote Davidstern innerhalb Israels weiter alleine verwendet werden, außerhalb muss er in den Roten Kristall eingefügt sein.

Eine Entscheidung, die Frank Mohrhauer für sehr sinnvoll hält: "Es wäre unheimlich schwierig gewesen, das Symbol national komplett abzuschaffen. Es wurde ja auch diskutiert, ob wir nicht alle unsere Kreuze und Halbmonde aufgeben wollten und eben alle auf ein neutrales Zeichen umsteigen sollten. Das wäre genauso wenig machbar gewesen. In Deutschland wären dem Deutschen Roten Kreuz, wenn man den roten Kristall eingeführt hätte, die Mitglieder weggelaufen."

Symbolstreit beendet

Rudolf Michalke vom Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen schaut in der zentralen Namensdatei einen Karteikasten durch (Foto: dpa)

Der Suchdienst in Bad Arolsen hilft Menschen in aller Welt bei der Suche nach Angehörigen

Die Verbände in Israel und Palästina sind Mitglied des Dachverbandes und kooperieren gut. "Wenn ein Verkehrsunfall auf einer Straße irgendwo in der Westbank passiert, müssen die beiden Gesellschaften zusammenarbeiten", sagt Mohrhauer, "und das funktioniert. Die Rettungssanitäter unterstützen sich gegenseitig und klären ab, wer gerade besser geeignet ist, einen Verletzten zu transportieren."

Der lähmende Streit um den Davidstern ist also vom Tisch. 153 der insgesamt 187 nationalen Organisationen verwenden das Rote Kreuz, 33 den Roten Halbmond und ein Verband - der israelische - den Roten Kristall. Ganz abgeschlossen ist die Diskussion um Symbole zwar noch nicht: Kasachstan und Eritrea, wo Islam und Christentum eine ähnlich wichtige Rolle spielen, planen eine Kombination aus Kreuz und Halbmond einzuführen. Aber diese Überlegungen sind kein Streitthema.

Und so blickt die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung entspannt dem nächsten großen Jubiläum entgegen: 2013 jährt sich die Gründung des Internationalen Komitees, der Keimzelle der Bewegung, zum 150. Mal.

Katastrophenhilfe

Die Symbole der Hilfsorganisation: Kreuz, Halbmond und Kristall

Heute gleichberechtigte Symbole: Kreuz, Halbmond und Kristall

Heute sind fast 100 Millionen Menschen rund um den Globus aktiv: Sie versorgen Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen und sichern die medizinische Versorgung in Krisengebieten. Zum Beispiel mit dem Prestigeprojekt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK): In Potsdam steht ein komplettes mobiles Krankenhaus, das innerhalb von zwei Tagen in Krisengebiete geflogen werden kann. Es kam zum Beispiel nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti zum Einsatz.

Die Rotkreuz-Verbände setzen sich zudem für die Einhaltung von Menschenrechten ein, bemühen sich um Zugang zu Gefangenen und suchen das Gespräch mit verantwortlichen Politikern. "Es ist die einzige Organisation weltweit, die nicht nur eine Bewegung von Menschen ist sondern auch von den Regierungen anerkannt wird", sagt Frank Mohrhauer. "Gerade deshalb können wir diese Brücke bilden."

Dafür wurde die Bewegung mit weiteren Friedensnobelpreisen geehrt: während der zwei Weltkriege, 1917 und 1944, und zu ihrem 100. Jubiläum 1963. Und vielleicht steht im 150. Gründungsjahr des IKRK die nächste Auszeichnung an.