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Kultur

Im Wohnzimmer der Musikbranche

Ein Londoner Omnibus, eine Berghütte und ein New Yorker Hinterhof, alles auf engstem Raum – zur Popkomm zeigt sich die Musikindustrie von ihrer kreativen Seite. Doch die Messe steht im Zeichen einer tiefen Branchenkrise.

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Neulinge auf der Popkomm: Wonderwall

Über der Musikbranche schwebt das Phantom sinkender Umsätze. Auch die Kölner Popkomm, immerhin die größte Musikmesse der Welt, bekommt die Auswirkungen zu spüren. Die Ausstellerzahlen sind rückläufig und die Zukunft der Branche ungewiss. „Es ist so leise hier, man hat fast das Gefühl, das sei gar keine Popkomm,“ beschreibt ein Messegast die Atmosphäre.

Berghütten und Hirschgeweihe

Ideenlosigkeit herrscht auf der großen Kontaktbörse für Plattenfirmen und Künstler dennoch nicht. In vielen Ländern haben sich die Akteure zusammengeschlossen und präsentieren sich auf einem gemeinsamen Stand. Österreich etwa hat dafür eine Berghütte in die Kölner Messehallen importiert. Bei den Engländern wiederum führt die Industrie ihre Gespräche in einem ausrangierten Londoner Omnibus. Auch die Labels selbst zeigen sich einfallsreich: eine vollständig eingerichtete Wohnung im 70er-Jahre-Stil ist der Messestand von Universal Jazz und bei Warner Music bezeugt die widersprüchliche Kombination von fernöstlichen Mustern und an den Wänden hängenden Hirschgeweihen die Abkehr von der Gewöhnlichkeit.

Ähnlich verheißungsvoll geht es auf inhaltlicher Ebene zu. Sinkenden Umsätzen zum Trotz: Das musikalische Potenzial für neue Erfolge scheint vorhanden zu sein. Ob Rock aus Holland oder Pop aus Österreich, auf den zahlreich verteilten Demo-CDs findet sich eine ganze Reihe vielversprechender Neulinge. Sollte es mit denen nicht klappen, hat BMG dieses Jahr das passende Rezept parat. Die Bertelsmänner setzen ganz auf die derzeitige Elvis-Euphorie und werden im Herbst ein Album mit 30 Nr.1-Hits von Elvis veröffentlichen – 25 Jahre nach seinem Tod kommt der King also zu neuen Ehren.

Besondere Ehre erfährt auf dieser Popkomm auch der Film. Erstmals läuft parallel zur Messe ein Filmfestival, das sich ganz der Popkultur verschrieben hat. Oft schräg und fast ausschließlich in Originalversion, teilweise sogar Open Air, finden Klassiker und Erstaufführungen hier ihren Platz. Auch eine Auswahl legendärer Musikvideos gehört zum Repertoire.

Gesprächsrunden und Open-Air-Bühnen

Für die meisten Akteure sind all diese Veranstaltungen und Präsentationen sicher interessante Nebenschauplätze. Tatsächlich lebt die Messe aber von den Geschäften, die abgeschlossen und den Kontakten, die geknüpft werden. Der Gesprächsbedarf einer ganzen Branche scheint sich an diesen drei Tagen in Köln zu entladen – gerade im Zeichen sinkender Umsätze ist die Popkomm ein willkommenes Forum. Flyer und Broschüren sucht man an vielen Ständen vergebens. Statt dessen gilt vielerorts nichts als das gesprochene Wort. Da trifft man dann auch schon mal den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement oder Jelena, eine beliebte Moderatorin des Musiksenders VIVA. Schließlich will hier jeder mitreden.

Doch Politik und Geschäfte sind natürlich längst nicht alles. Wenn sich so viele Musiker in einer Stadt befinden, ist an Ruhe nicht zu denken. In Dutzenden von Clubs und auf den zehn Open-Air-Bühnen des Ringfestes sind mehrere hundert Bands angetreten, um die Domstadt zumindest für einige Tage zu der "Musikhauptstadt Deutschlands" zu machen, von der Ministerpräsident Clement in seiner Eröffnungsrede sprach. Rund drei Millionen Musikfans wurden am Wochenende erwartet – eine würdige Kulisse und sicher ein Balsam für die Seelen einer gebeutelten Industrie.

Auf der Messe selbst kehrt übrigens ab und zu auch wieder die altbekannte Lautstärke zurück. Beim Auftritt einer Punkband rückten sogar die Männer von der "Sound Security" mit ihren Messgeräten an. Auf dass uns im Wohnzimmer der Musikbranche nicht die Fensterscheiben um die Ohren fliegen.

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