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Digitales Leben

Im Wahlkampf unterschätzt: Social Media

Für viele altgediente Politiker ist das Internet nicht mehr als eine lustige Spielwiese. Immerhin haben manche das Twittern entdeckt. Doch können sie damit Wähler mobilisieren?

Nachrichten von Hannelore Kraft auf dem Kurznachrichtendienst Twitter (Foto: dpa)

NRW Wahlkampf Twitter Netzwahlkampf Hannelore Kraft

Der Landtagswahlkampf in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland Nordrhein-Westfalen geht in den Endspurt. Die Spitzenpolitiker hetzen von Termin zu Termin, ihre Kollegen von der Basis machen in Einkaufszentren und Fußgängerzonen auf ihre Partei aufmerksam. Immer noch mit Fähnchen, Kugelschreibern und bunten Luftballons.

Wen wollen sie denn damit noch ansprechen, fragt sich die interessierte Netzgemeinde und betrachtet stirnrunzelnd die Facebookseiten von Norbert Röttgen, Hannelore Kraft und Co. Sie haben fast alle ein Profil, ja, oder eine Fanpage. Doch was man dort sieht, enttäuscht: Es sind digitale Wahlplakate mit ein paar unbedeutenden Postings dazwischen. Norbert Röttgen (CDU) hat offensichtlich einen Social Media-Beauftragten, der den Job für ihn macht, jedenfalls liest man hier kaum Persönliches sondern eher Hinweise auf andere Webseiten, auf denen über Röttgen berichtet wird - das hat einen ähnlichen Charme wie Pressemitteilungen. Einen Twitter-Account hat Norbert Röttgen nicht.

Layout sollte auch Chefsache sein

Nächster Kandidat: FDP-Durchstarter Christian Lindner. Er will die marode Partei wieder aus dem Sumpf ziehen und hat tatsächlich gute Karten, wie die Umfragen wenige Tage vor der Wahl zeigen. Er macht also einen guten Job.

Schaut man sich jedoch seine Fanpage auf Facebook an, fragt man sich, wer den Mann in Sachen Netzpräsenz berät. Die neue Chronik, also die Seite, auf der man sich oder sein Unternehmen präsentieren kann, bietet die Möglichkeit, mit großen Bildern die Blicke der Besucher auf sich zu ziehen, sich mit kleinen Kniffen geschickt in Szene zu setzen. Und was macht Lindner? Auch hier: ein Wahlplakat mit einem Wahlslogan und einem dreifachen Wahlgesicht.

Die Facebook-Fanpage von Christian Lindner, Sreenshot vom 9.5.2012 (Foto: DW)

Christian Lindners Facebook-Fanpage: Ein bisschen zuviel des Guten?

Immerhin sind seine Postings etwas persönlicher – offenbar schreibt er auch selber: "Bin morgen ab 22 Uhr bei 'Erst fragen, dann wählen' auf ZDF-Info." Ansonsten: Termine, Termine, Termine. Sein Twitter-Kanal dagegen: Ordentlich. Er antwortet auf Fragen, sogar sehr schnell – auch auf die Frage der Autorin, ob er denn selber twittere. "Meist ich selbst, manchmal auch Team. Aber keine Nachricht, die ich nicht freigegeben habe." Ansonsten bringt er die eine oder andere These, einen Wahlspruch oder macht auf Termine aufmerksam. Bei aller Mühe: Eine Diskussion, ein Austausch findet nur in Ansätzen statt.

Glaubwürdigkeit kann punkten, muss aber nicht

Ob die Spitzenkandidatin der Linken, Katharina Schwabedissen, es besser macht? Sie hat "nur" ein normales Facebook-Profil. Ihre Pinnwand ist öffentlich, jeder kann also sehen, was sie postet. Und da ist sie durchaus umtriebig. Mehrmals pro Stunde gibt es Hinweise, Fotos, geteilte Links. Hier wird es richtig persönlich. Nach einem Radio-Interview am frühen Morgen teilt sie der Facebook-Gemeinde Folgendes mit: "Puh! Das ist deutlich nicht meine Uhrzeit! Aber gezittert habe ich nicht – 7:00 is noch zu früh zum zittern….;-)" Das klingt echt, das IST echt. Ebenso echt sind die Kommentare ihrer Facebook-Freunde. Oder auch derjenigen, die einfach mal mitreden wollen. Hier findet Kommunikation statt, für alle transparent, und so ist der Glaubwürdigkeitsfaktor hier sehr groß. Einen Twitter-Account hat Frau Schwabedissen jedoch nicht.

Twitternde Ministerpräsidentin

Hannelore Kraft, die amtierende SPD-Ministerpräsidentin ist recht rege auf Facebook. Tatsächlich schreibt sie vieles selber: "Nach einer kurzen Sporteinheit jetzt auf dem Weg nach Düsseldorf zum nächsten Interview! – HK".

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann (Foto: dpa)

Wahlkampf analog: Hanneloge Kraft und Sylvia Löhrmann von den Grünen verteilen bunte Eier

Doch auch sie betreibt ihre Seite nicht alleine, ihr "Team" postet kräftig mit – und schnell merkt man, dass auch hier nicht viel mehr stattfindet, als eine Ansammlung von Terminankündigungen. Auf Twitter ist da schon mehr los. Hannelore Kraft twittert selbst, wird aber auch hier tatkräftig von ihrem Team unterstützt. Sie gibt Einblicke in ihren Arbeitsalltag, teilt der Welt schon mal mit, dass sie Hunger hat oder müde ist. Das ist alles nett, doch auch hier fehlt die Auseinandersetzung mit dem potentiellen Wähler.

Grüne Pinnwand

Krafts Stellvertreterin, die Spitzenkandidatin der Grünen, Sylvia Löhrmann, zeigt auf ihrer Facebook-Fanpage lediglich einen Wikipedia-Eintrag mit ihrer Kurzbiografie. Das ist nicht weiter schlimm, denn sie hat, wie die Linken-Chefin Katharina Schwabedissen, außerdem ein persönliches Facebook-Profil - und da ist eine Menge los. Natürlich steht auch ihre Pinnwand ganz im Zeichen des Wahlkampfendspurts - viel Zeit für digitale Kommunikation bleibt nicht. Das macht Sylvia Löhrmann dann doch lieber "analog". Und wenn's dann doch mal sein muss, springt ihr der NRW-Grünen-Vorstand Sven Lehmann zur Seite, der einen recht lebendigen Twitter-Kanal hat. Dort findet man dann auch mal Sätze wie: "Wenn es morgen nachmittag in Köln regnet, nerve ich so lange, bis es wieder aufhört!". Jedoch nutzt er die Plattform auch für Diskussionen. So gibt er regelmäßig Twittersprechstunden - auch zusammen mit Frau Löhrmann.

Noch ausbaufähig

Verglichen mit dem intensiven Internet-Wahlkampf des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama sind die Social Media-Auftritte der meisten NRW-Politiker ebenso wirkungsvoll wie das Verteilen von Kugelschreibern und Luftballons.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen, Christian Lindner von dr FDP und Johannes Ponader von den Linken vor Beginn der Fernsehsendung Günther Jauch (Foto: Rainer Jensen dpa)

Multitaskingfähig: Piraten-Vorstand Johannes Ponader beim TV-Talk

Nur die Piraten twittern, posten, diskutieren, informieren. Sie haben mehr als 100.000 Follower auf Twitter, haben 65.550 Facebook-Fans. Auf beiden Plattformen wird heftigst dikutiert, auch und gerade mit Kritikern. Piraten-Kandidaten werden belächelt, wenn sie sich mit dem iPhone in eine Fernsehdiskussion setzen und während des Gesprächs mit ihren Twitter-Followern kommunizieren. Das provoziert natürlich, ist unhöflich und wirkt zeitweise übertrieben. Aber damit zeigen die Piraten auch zu jeder sich ihnen bietenden Gelegenheit, dass sie im Netz zu Hause sind und wissen, was sie da tun. Da ihr Netzwahlkampf allerdings überwiegend die Netzgemeinde erreicht, wäre es vielleicht in ihrem Fall besser, wenn sie mehr Luftballons auf der Straße verteilen würden.

Seehofers Facebook-Sause

Der NRW-Wahlkampf ist also auch im Netz überwiegend so nüchtern wie auf der Straße, da kaum eine der Parteien sich durch kreative Aktionen hervortut. Einer allerdings, der damit herzlich wenig zu tun hat, hat den wahlkämpfenden Kollegen eine Vorlage geliefert, die bei kommenden Wahlen Schule machen könnte: CSU-Chef Horst Seehofer hat auf Facebook in einer wirklich ganz und gar persönlichen und gut gemeinten Notiz, die Facebook-Gemeinde zu einer Party in die Münchener In-Discothek "P1" eingeladen. Die Netzwelt stand erstmal Kopf und lachte sich kaputt. Es hagelte viele lustige Kommentare, die übliche Häme, aber auch viel Kritik. Denn öffentliche Facebook-Partys haben in der Vergangenheit schon für Ärger und großes Polizeiaufkommen gesorgt. Da kamen dann schon mal Tausende zur Geburtstagsparty eines 16-jährigen Mädchens, weil sie die Veranstaltung aus Versehen öffentlich gemacht hatte.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in München im Club P1 bei seiner Facebook- Party (Foto: dpa)

Der erwartete Anstrum blieb bei Seehofers Party aus

Die Erwartungshaltung vor der Seehofer-Party war entsprechend groß. Rund 2500 Leute hatten sich offiziell angemeldet, busweise wollten sie aus ganz Deutschland ankommen, Flashmobs waren angekündigt, die Presse wappnete sich und war schon mal mit Ü-Wagen und gut 150 Journalisten vor Ort. Doch dann waren nur ein paar hundert Fans da. Trotzdem hatten alle Anwesenden offenbar Spaß, sogar die Piraten, die das eine oder andere Gespräch mit CSU-Politikern, auch mit Chef Seehofer, führen konnten. Bei seinen "Freunden" bedankte er sich auf Facebook für die "grandiose" Party. Und fügt nahezu pathetisch hinzu: "Ihr habt euch in die Geschichtsbücher eingeschrieben. HS".

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