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Europa

"Im Wahlkampf ein Alphatier"

In Umfragen liegt er weit zurück. Doch am Mittwoch (15.2.2012) verkündete Nicolas Sarkozy seine Kandidatur für die französische Präsidentschaft und hofft nun aufzuholen, glaubt Frankreich-Kenner Gerard Foussier.

France's President Nicolas Sarkozy, seen in this video grab, appears on France TF1 television prime time news programme as he formally declares his candidacy for a second term at their studios in Boulogne-Billancourt, near Paris, February 15, 2012. REUTERS/TF1 Television/Handout (FRANCE - Tags: POLITICS ELECTIONS) FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS

Sarkozy erklärt Präsidentschaftskandidatur im französischen Frankreich

Gerard Foussier ist Chefredakteur von "Documents", der Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog.

Deutsche Welle: Herr Foussier, Nicolas Sarkozy hat erwartungsgemäß an diesem Mittwoch (15.2.2012) seine erneute Kandidatur für die französische Präsidentschaft angekündigt. Viel Zeit bis zu den zwei Wahlgängen am 22. April und 6. Mai bleibt nicht. Wie beurteilen Sie derzeit seine Chancen, wiedergewählt zu werden?

Gerard Foussier Chefredakteur der Fachzeitschrift Document - Dokumente

Gerard Foussier, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Ducument" - "Dokumente"

Gerard Foussier: Es ist immer sehr schwer, eine Voraussage zu machen, weil die Franzosen in der Beziehung sehr labil sind. Im Moment ist Sarkozy sehr unpopulär. Sein Gegenspieler, also der Sozialist François Hollande befindet sich schon im Wahlkampf und genießt hohe Popularitätswerte. Alles spricht im Moment dafür, dass Hollande die Wahl gewinnen wird. Aber es ist schon schwieriger, als man denkt. Es ist ja keine Sache von Umfragen, sondern es ist eine Sache von Wahlkampf. Und in Sachen Wahlkampf ist natürlich der amtierende Präsident im Moment ein Alphatier. Viele Beobachter schätzen, dass er doch gewinnen könnte. Man vergleicht ihn im Grunde genommen mit Gerhard Schröder im Jahre 2005: Dieser hat zwar auch verloren, aber gegen Ende des Wahlkampfes hat er wirklich Pluspunkte gesammelt. Das ist die Hoffnung von Sarkozy, dass er in der Endphase dieses Wahlkampfes die Pluspunkte sammelt.

Wie wichtig ist Sarkozy für die Lösung der Eurokrise?

Sarkozy Merkel 06.02.2012

Ein gemeinsamer Auftritt: Merkel und Sarkozy

Die Eurokrise ist eine Krise, auf die keiner eine richtige Antwort hat. Jeder kritisiert jede Maßnahme, aber keiner schlägt eine Lösung vor, die wirklich DIE Lösung überhaupt sein könnte. Deswegen schätzt man bei Sarkozy dessen Durchsetzungsfähigkeit. Man geht davon aus, dass er Ideen hat, die er nicht unbedingt allein umsetzen kann. Aber im Gespräch mit Angela Merkel zum Beispiel hat er manche Punkte erreicht, die er sonst alleine nie geschafft hätte. Das Problem zwischen Merkel und Sarkozy ist, dass Sarkozy selber weiß, was er will, und meist allein auf seinem Standpunkt steht. Merkel dagegen weiß, was sie nicht will, und muss sehen, dass sie auch nicht alleine bleibt bei ihrem Standpunkt. Beide zusammen finden dann irgendwo einen Kompromiss. Inwieweit dieser Kompromiss vom Wähler als richtig eingeschätzt wird, ist natürlich eine andere Frage. Die Antwort gibt es im Mai bei der Wahl.

Sarkozy hat Deutschland wiederholt als politisches Beispiel genannt und sich damit in Frankreich nicht gerade beliebt gemacht. Könnte ihm die offen zur Schau getragene Deutschfreundlichkeit im Wahlkampf schaden?

Das glaube ich schon. Es ist das erste Mal, dass Deutschland - in den Augen von Sarkozy - so positiv aufgenommen wird, also als Modell. Das wollen die Deutschen ja nicht immer so gerne hören. Aber inwiefern dieses Modell ein richtiges Modell für Frankreich sein könnte, ist sehr umstritten. Und Sarkozy hat mit diesem ständigen Vergleich provoziert: Es gibt Punkte, bei denen die Opposition sagt, Modell oder nicht, diese Dinge aus dem so genannten Deutschland-Modell wollen wir nicht haben. Nehmen wir die Arbeitslosenzahlen: Gilt die offizielle Zahl oder ist sie nur reine Makulatur, fragt man sich. Ich denke zum Beispiel an die 400-€-Jobs: Die Leute werden nicht als Arbeitslose gerechnet, aber verdienen eben auch nur 400 €. Das wollen die Franzosen nicht. Solche Negativpunkte dieses Deutschland-Modells könnte die Opposition als Munition benutzen.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt, sie hoffe auf eine Wiederwahl Sarkozys, könnte das Sarkozy eher schaden als helfen? Wie schätzen Sie das ein?

Das glaube ich einfach nicht, denn das gehört ja zum politischen Spiel, dass ein konservativer Regierungschef seinen konservativen Partner im Ausland auch unterstützt. Argumentativ hat Merkel im Moment auch bis heute nichts gesagt, was Sarkozy schaden könnte. Wichtig ist auch zu wissen, dass die Politiker beider Länder immer einen Weg gefunden haben, Kompromisse zu schließen. Es ist immer schwierig, wenn ein Bundeskanzler mit einem neuen Staatspräsidenten in Frankreich zu tun hat. Es dauert zwar Jahre, bis sie sich kennenlernen, bis sie sich schätzen lernen. Und dann ist das die große Freundschaft, dass war bei Giscard und Schmidt der Fall, das war bei Kohl und Mitterrand der Fall, dass war auch bei Chirac und Schröder der Fall und natürlich auch bei Merkel und Sarkozy.

Merkel und Sarkozy präsentieren sich bereits jetzt als eingespieltes Team. Was würde ein Wahlsieg Hollandes für die deutsch-französischen Beziehungen bedeuten?

Francois Hollande, Socialist Party candidate for the 2012 French presidential election, delivers a speech in Paris January 26, 2012. Hollande said he will raise taxes on the rich, cut tax on profits for smallest firms and cancel billions of euros of tax breaks. REUTERS/Charles Platiau (FRANCE - Tags: POLITICS ELECTIONS BUSINESS)

Chef der französischen Sozialisten: Francois Hollande

Das würde erst einmal eine schwierige Situation hervorrufen,. Denn die Bundeskanzlerin hat als CDU-Politikerin gesagt hat, sie würde lieber mit Sarkozy zusammenarbeiten. Sie würde also zu Anfang der Präsidentschaft von Hollande, falls er gewählt wird, Schwierigkeiten haben, einen gemeinsamen Weg zu finden. Das wird sicherlich dauern. Jetzt im Wahlkampf verkündet Hollande, was er abschaffen und in Frage stellen würde, wenn er gewählt würde. Selbst den deutsch-französische Élysée-Vertrag von 1963 will Hollande auch korrigieren oder ändern. So etwas kann man in Europa nicht allein und nicht von heute auf morgen machen. Irgendwann wird auch Hollande sehen müssen, dass auch Gesetze zu gelten haben. Und die wird er respektieren. Und wenn er sie korrigiert, dann nur in Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Diese Zusammenarbeit sehe ich im Moment überhaupt nicht. Wahrscheinlich wird er, Hollande, wieder zum Standpunkt von Angela Merkel kommen, wenn er gewählt werden sollte.

Interview: Ralf Bosen

Redakteur: Daphne Grathwohl