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Sprachbar

Im Storchenland

Er gilt als Glücksbringer und Säuglingsbote. Eine schöne Singstimme fehlt ihm. Dafür klappert er, beißt Frauen ins Bein und stolziert durch den Salat und durch die deutsche Sprache. Da brat mir einer ’nen Storch!

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Im Storchenland

„Mama, Papa, wo kommen denn eigentlich die Babys her?“ Diese oder ähnliche Fragen stellt sicher jedes Kind mindestens einmal im Leben seinen Eltern. Nicht jede Mutter hat in dieser etwas unangenehmen Situation ein Aufklärungsbuch parat und nicht jeder Vater möchte überhaupt die biologischen Hintergründe der Zeugung erläutern. Kindgerecht wird dann gesagt: „Die Babys werden vom Storch gebracht.“

Der Storch und die Babys

Eine Mutter hält ein Baby im Arm. Eine Storchenattrape steht vor ihnen

Noch nehme ich ihr die Geschichte vom Klapperstorch ja ab!

Wie kommt man denn auf diese Idee? Ein Vogel soll kleine Kinder durch die Luft kutschieren und sie einfach vor die Tür legen? Oder lässt er sie womöglich sogar aus der Luft fallen? Woher weiß er denn, welches Kind wohin gehört? Und woher bekommt er die Babys? Das pfiffige Kind und auch der eine oder andere Erwachsene stellt sich recht schnell eben diese Fragen. Woher genau diese Geschichte stammt, ist nicht ganz eindeutig zu erklären, aber wir wollen es versuchen.

Die Wortherkunft gibt zumindest keine Erklärung. Sprachwissenschaftler sind sich nämlich nicht so ganz einig. Die eine Theorie geht davon aus, dass das Wort „Storch“ auf „starr“ oder„Sterke“ zurückgeht, also den staksigen Gang des Vogels auf seinen dünnen Beinen bezeichnet. Andere wiederum meinen, der Begriff „Storch“ könnte aus einer Metapher für das Wort „Stock“ entstanden sein und sich auf die mittelalterliche Bedeutung „männliches Geschlechtsteil“ beziehen.

Storchenschnabel und beißende Störche

Storchenschnabel (Geranium)

Trägt auch den Storch im Namen: der Storchenschnabel

Vielleicht haben die Menschen früher also den langen, geraden Hals des Vogels als Phallussymbol gesehen und die direkte Beziehung zwischen männlichem Geschlechtsteil und Schwangerschaft einfach nur hübsch umschrieben. Das würde ja zur moderneren Bienchen-und-Blümchen-Geschichte für Kinder passen, um zu erklären, wie das mit den Babys so funktioniert.

Hier sei nur nebenbei erwähnt: Es gibt es auch eine Blume, die Storchenschnabel heißt. Denn die Form der Fruchtknoten erinnert an den Schnabel unseres Federtiers. Aber wir wollen ja nicht abschweifen, sondern der Idee, ein Storch und Schwangerschaft hätten etwas miteinander zu tun, auf den Grund gehen.

Von beißenden und klappernden Störchen

Zwei klappernde Störche bei der Balz

Bei der Balz wird geklappert, was das Zeug hält!

„Der Storch hat die Mutter ins Bein gebissen“ wurde Kindern früher als Erklärung dafür gegeben, dass ein Brüderchen oder Schwesterchen unterwegs ist. Es herrschte nämlich die Vorstellung, dass ein Bein – oder auch ein Fuß – Zeugungskraft besaß. Als Redewendung ist die Erklärung in der deutschen Sprache geblieben. Denn wer „vom Storch gebissen wurde“, ist schwanger.

Und der Begriff vom „Klapperstorch“, der die Kinder bringt,  hat eine ganz natürliche Ursache. Störche können nicht singen, über ein leichtes Krächzen kommen sie nicht hinaus. Also, was tun bei der Balz? Ordentlich mit den Schnäbeln klappern!

Staksende und gebratene Störche

Eine Frau auf besonders kunstvoll gestalteten High-Heels

Wie ein Storch laufen können, will gelernt sein!

Meister Adebar, Heilebart, Knickerbein, Langbein oder Stelzbein, um nur einige weitere Namen des Storches zu erwähnen, beißt, klappert – und er stakst. Woher allerdings die Redewendung kommt, dass jemand „wie ein Storch durch den Salat stakst“, ist letztlich nicht zu klären. Vielleicht ist es einfach nur eine Lautmalerei. Den „Salat“ könnte man auch durch „Spinat“ ersetzen. Frauen auf High Heels können sich allerdings vorstellen, wie sich ein Storch mit seinen dünnen, langen Beinen so fühlen mag, wenn er ungelenk durch die Gegend geht!

Genau so wenig wie er durch Salat stakst, wird der Storch eigentlich – bis auf ganz wenige Ausnahmen – auch nicht gebraten. Denn Störche galten in der Antike als heilige Tiere und wurden nicht in die Pfanne gelegt oder gegrillt und gegessen. Und deshalb drückt jemand der ausruft: „Da brat mir einer einen Storch“ nur aus, dass etwas unerhört, verwunderlich und nicht zu glauben ist.

Kalif Storch

Radierung zu Hauffs Märchen Kalif Storch: Der Storchenkalif beschaut sich im Wasser

"'Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus."

Wie das Märchen „Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff zum Beispiel. Der mächtigste Mann Bagdads und sein treuer Großwesir werden dank eines verzauberten Pulvers in Störche verwandelt. Und warum? Weil sie die Sprache der Tiere verstehen wollen und ihnen zufällig zwei Störche begegnen: einer klappert auf der Suche nach Fröschen mit dem Schnabel, ein anderer fliegt über ihre Köpfe.

Kaum nehmen sie das Pulver, verstehen sie die beiden Störche und müssen so lachen, dass sie darüber den Zauberspruch vergessen, der sie zurückverwandeln kann. Erst eine verzauberte Eule kann ihnen helfen, wieder in ihre richtige Gestalt zurückzufinden.

Der Storch und das Glück

Zur Begründung für die ganzen Babygeschichten soll eines nicht unerwähnt bleiben: Störche gelten als Glücksbringer: Hat jemand ein Storchennest auf dem Dach, brauchen sich die Bewohner nicht zu fürchten. Wo ein Storch nistet, so will es der Aberglaube, brennt das Haus nicht ab. Womit wir wieder am Anfang sind.

Eigentlich wussten wir es ja schon immer. Aber Aberglaube ist Aberglaube und hält sich in der Regel hartnäckig. Denn der Glaube, dass der Storch die Kinder bringt, beruht auf einer Legende, die sich überwiegend in Norddeutschland verbreitete. Danach holt er die Babys aus einem Brunnen, beißt die Mutter ins Bein, die nun das Bett hüten muss. Dann legt er ihr das Baby ins Bett. So einfach ist das.

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