1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Im Schrebergarten

Sie gelten für manche als der Inbegriff des deutschen "Spießbürgertums": Schrebergärten. Deren Besitzer freuen sich jedoch an Erholung im eigenen Kleingarten, an eigenen Pflanzen und Gemüse – wie in der Großstadt Berlin.

Sprecher:

Es ist schon erstaunlich, mit wie viel Energie Kleingärtner in ihrer Freizeit die Natur hätscheln. Jahr um Jahr wächst die Zahl der Kleingärtner, die sich am Stadtrand, entlang von Eisenbahntrassen oder Autobahnen zusammengefunden haben, um ihre Idee zu pflegen: die Erholung zwischen Rosen und Radieschen.

O-Töne:

"Also, ich hab' Zitronenmelisse, Pfefferminze, Schnittlauch, Thymian, Rosmarin. / Bohnenkraut. / Petersilie… / Schnittlauch und Knoblauch. / Knoblauch hab' n wir auch noch. / Aber ich denke, das ist sehr unterschiedlich zu sehen. / Die einen haben Kartoffeln, Bohnen und andere Gemüse."

Sprecher:

Obwohl heute Gesetze und Verordnungen den Kleingärtner einengen wie mit einem Gartenzaun, bleibt ihm immer noch genug Raum, sein kleines privates Paradies individuell zu gestalten.

O-Ton:

"Wat das Anbauen betrifft: viel Obst, viel Birn', jeder hat so sein Hobby. Jeder Dritte hat 'nen kleinen Gartenteich, wo die Frösche drin quaken. 'N paar Goldfische drin."

Sprecherin:

In so genannten Kleingartenanlagen siedeln sie, organisiert in Vereinen. Manche sind wild gewachsen; die meisten sind auf dem Reißbrett geplant, entstanden also auf dem Zeichentisch von Stadtplanern. Breite, schnurgerade Wege trennen Blocks von jeweils 20 bis 30 Parzellen – den Teilstücken auf öffentlichem Grund –, auf denen die Kleingärten angelegt werden. Darauf stehen Lauben, kleine Hütten aus Holz, die sich mehr oder weniger ähnlich sehen. Ihre Größe ist nach dem Bundeskleingartengesetz genau festgelegt.

Sprecher:

Erlaubt sind maximal 24 Quadratmeter Grundfläche, einschließlich der Terrasse, Freisitz genannt, in einer einfachen Bauart, damit der Aufenthalt nicht von Dauer ist. In älteren Anlagen ist die Vereinheitlichung weniger stark. Da sind die Gärten durch Generationen gewachsen, vor allem in Berlin.

O-Ton:

"Wird zwar allet nicht einjehalten, wird zwar nicht ganz so jenau jenommen, ja und soll ja sein, dat zum Teil Gemüse anjebaut wird, aber die meisten Gärten hab'n ja fast kein Gemüse mehr, weil ja man das auf 'm Markt billijer kriegt als aus 'm Garten."

Sprecherin:

Vor allem hier in Berlin wurde das Kleingartengesetz bis zu einem gewissen Grad gerne umgangen oder wohlwollend ignoriert. Denn wie Deutschland war Berlin bedingt durch die Kriegsfolgen Jahrzehnte lang geteilt in einen Ost- und einen Westteil – getrennt durch die Berliner Mauer. Die West-Berliner lebten sozusagen lange wie auf einer ummauerten Insel. Da war nicht viel Platz zum Weglaufen aus der Stadt und jedes Stückchen Land für die Freizeit war willkommen.

O-Ton:

"Ein Drittel Jemüse, ein Drittel Obst und ein Drittel Rasen… / Dazu ist och zu sagen, dass der Schrebergarten früher nur 'ne Hütte hatte, wo praktisch nur dat Handwerkszeug rinjestellt wurde, .../ Genau / ...und heute hab' n se / Genau / ...so 'ne Art kleene Paläste, nech, und dat sieht man bei mir…"

Sprecherin:

Kleingärten sind billig. Man sagt, Kleingärtner seien Leute, die es nicht zu einem Haus gebracht haben. Aber sie bleiben auch verschont von unerwarteten Ausgaben. Sie können ihr Geld ganz ihrem Hobby, ihrer Liebhaberei, widmen.

Sprecher:

Das Teuerste am Gärtchen ist die Laube. Sie kann schon Einiges kosten, will man so 'ne Art kleine Paläste daraus gestalten. Ansonsten ist da nur die Pacht für das kleine Stück Paradies, die Parzelle. Da die Gärten auf öffentlichem Grund liegen, ist die Pacht sehr gering. Der Rest ist Arbeit.

O-Ton:

"Tatsache: alles, was Se brauchen – außer Jetränke – hab' n wir sonst alles und wir hatten hier vor vierzehn Tagen den Antrag gestellt, dass hier 'ne Jetränkegroßhandlung ov de Kolonie kommt und dat wurde vom Vorstand abjelehnt. (Lachen) Da hör'n Se schon, dat die Leute so lachen, dass dat janz traurig is, ne."

Sprecherin:
Der Berliner Witz ist sprichwörtlich und die Berliner haben sich mit ihrem Humor über manch unschöne Situation hinweggerettet. Auch die Mauer konnte den Berliner Witz nicht teilen.

Sprecher:

Sprachwitz, Esprit sagt man im Allgemeinen den Franzosen nach. Dass der Berliner über viel Esprit verfügt, hängt vielleicht damit zusammen, dass vor 250 Jahren die Sprache am preußischen Königshof Französisch war. Und die Könige residierten ja unweit von Berlin, in Potsdam. Auch viele sprachliche Eigenheiten entstammen dem Französischen. So gebraucht der Berliner gern für "z" den weicheren Zischlaut – sagt Sitron statt Zitrone, eben Französisch citron.

Sprecherin:

Oder viele Wörter und Begriffe – wie Bredouille für in der Patsche sitzen – kommen aus dem Französischen. Plärren für weinen, von pleurer; ratzekall von radical; deetz für Kopf von tête, todschick als Steigerung für ganz schicktout chic oder Muckefuck, eine dünne Kaffeebrühe, von Mocca faux, etwa falscher Kaffee.

Sprecher:

In der Aussprache ist der Berliner sonst gern ein bisschen nachlässig, schnodderig, sagt ölf für elf und Kürche für Kirche, det für das und wat für was und jut für gut. Berliner heißt auch ein Gebäck mit süßer Marmelade innen drin. Det is janz wat Jutet! Den isst der Kleingärtner dann zum Muckefuck auf seinem Freisitz.

Sprecherin:

Der Freizeitwert der Gärtchen ist sehr hoch. Sie sind nicht so überlaufen wie die städtischen Naherholungsgebiete und ab Februar gibt 's zu tun. Da müssen die Büsche geschnitten werden, die Erde beackert, Garten und Haus kosten Zeit und Mühe, denn auch an der Laube gibt 's immer was zu werkeln. Man muss das mögen. Wenn man es mag, ist es herrlich.

O-Ton:

"Ja, wenn wir hier nach Wannsee fahren und uns auf die Decken knallen, dann ein Kommando, alles dreht sich nach links, alles nach rechts, so unjefähr ist es doch. Ich meine, da haben wir hier 'n bisschen mehr Freiraum für uns. Ich meine, ich fühl' mich hier wohl und verbringe – so möglich – ja also die Wochenende auf jeden Fall, wenn 's geht noch mehr Zeit."

Sprecherin:

Und man hat etwas Eigenes. Viel Geld wird für Pflanzen investiert – bei aller Sparsamkeit.

Aber immerhin kommt ja ein Teil davon, ein winziger Teil allerdings, über den häuslichen Speiseplan wieder herein: als ungespritzter Apfel vom eigenen Baum oder als knackiger Salat vom eigenen Minifeld. Ein Geschäft ist da nicht zu machen, aber…

O-Ton:

"Essentiell kannst de sagen, is' egal, was de machst, aus 'm eigenen Garten, wenn es wirklich die richtige Reife jekriecht hat: Besser! Und da möchte ich sag 'n, is es nicht nur Hobby, sondern es schmeckt dir ja auch besser."

Sprecher:

Der Kleingarten – auch Laubengarten oder Schrebergarten. So genannt zu Ehren des Arztes Dr. Schreber, der sich besonders für die Schaffung von Spielplätzen einsetzte. Ein kleines Grundstück im Besitz eines Stadtbewohners, meist in Pacht abseits seiner Wohnung, das von ihm und seiner Familie in der Freizeit als Garten zur Nutzung für Obst und Gemüse oder aus Liebhaberei bearbeitet wird. Meist wird darauf eine Laube oder ein einfacher Wohnraum errichtet. Die Kleingärten liegen regelmäßig in größeren Gruppen, so genannten Laubenkolonien zusammen.

O-Ton:

"Na ja, unsere Kolonie is' wie 'n kleines Dorf. Wir sind 88 Kolonisten hier und wir duzen uns fast alle. Wir feiern zusammen sehr viel, wir machen Kinderfeste, wir machen Seniorenfahrten, wir machen auch mal 'ne Koloniefahrt irjendwohin. Wir hab' n kleines Vereinslokal, wo wir uns och mal treffen abends beim kleenen Bier."

Sprecher:

Kolonie kommt aus dem lateinischen Wort für Feldbauer, also den Kolonisten, und bezeichnet eine Siedlung von Angehörigen eines Volkes im Bereich eines anderen Volkes. West-Berlin war eine Zeitlang sozusagen eine Kolonie der Bundesrepublik.

Sprecherin:

Und damit sind wir wieder bei den Kleingärtnern. Die hatten ihr Mekka nämlich in Berlin, und weil die Berliner schnell sind mit dem Mund, hatten sie gleich einen Namen bereit: Hier heißt der Schrebergärtner Laubenpieper, denn die Heiterkeit der Berliner drückt sich vor allem in ihren handfesten Sprachbildern aus.

O-Töne:

"Der lange Lulatsch… / Der Funkturm. / Die Kongresshalle, warum heißt die schwangere Auster, oder necht, warum heißt die Gedächtniskirche hohler Zahn, oder irjendwie hat der Berliner immer 'n passendes Wort. Das, was am Besten ankommt, na ja das hält sich. / Laubenpieper / Laubenpieper, na ja, wir sind in der Laube und die piepen. / Piept jetzt überall hier."

Sprecherin:

Ob der Laubenpieper nun so heißt, weil die Wände der Hütten so dünn waren, dass man drinnen die Vögel zwitschern hören konnte, oder weil der Kleingärtner eine ganz besondere Erscheinung – ein seltener Vogel ist –, ein Paradiesvogel, der auch Laubenvogel heißt, weil er Lauben als Nester baut – eben Laubenpieper? Egal.

Sprecher:

Die Gartenlaube: das kleine Häuschen oder die Hütte im Garten, idyllisch im Grün gelegen, das Nest. Sie gilt von jeher als Ort der Geborgenheit.

O-Töne:

"Es is' ja och 'nen Völkchen für sich, die sich hier 'nen Garten nehmen. Nicht jeder will so was. Irjendwie sind 's ja schon ausjesuchte Leute, die sich… / Idealisten /…, die sich selbst aussuchen, ja Idealisten, irjendwie. / Die zu wenig Arbeit haben. / Ja, richtig, genau, die zu wenig Arbeit hab' n, genau."

Sprecher:

Durch regelmäßige Bewegung und leichte Arbeit in staubfreier Luft, gesunde und kräftige Nahrung sollten die Menschen aus den engen, unzulänglichen Wohnungen und damit aus der wirtschaftlichen und oft auch gesundheitlichen Not befreit werden. Freilich: die Zeiten haben sich geändert, auch für die Kleingärtner.

O-Töne:

"Tatsache ist das Eine, dass man 'n Kilo Tomaten billijer im Supermarkt kauft. / Heute is' et so, die Leute, wir leiden keen Hunger mehr. Jeder hat Geld…/ Ne, jeder kann sich kaufen…/…jeder kann sich kaufen wat er will, aber heute is' det umjekehrt: aus Spaß an der Freude macht man det / Richtig."

Sprecher:

Das Fleckchen Erde, das gedacht war als luftiger Spielplatz für Kinder, die in feuchten, dunklen Hinterhöfen groß wurden, entwickelte sich bald zur begehrten Parzelle am Stadtrand, die besonders in Kriegs- und Krisenzeiten der Lebensmittelversorgung diente. Bebaut mit Lauben aller Art wurde der Schrebergarten schließlich zur liebevoll gehegten Zuflucht für Großstadtmenschen, zum Wochenendquartier mit Grillparty und geharktem Kiesweg. Ein Blick über den Zaun lässt auch tiefe Einblicke ins deutsche Vereinsleben zu.

O-Töne:

"Also wir feiern hier bei uns auf 'm 'Haupt' doch schon mehrere Feste, jährlich und wir versuchen da auch, die Leute alle zusammenzuführen. Das ist natürlich sehr schwer, 74 Parzelleninhaber unter einen großen Hut zu bekommen oder einen Sonnenschirm wie auch immer…"

Sprecherin:

Alle unter einen Hut zu bekommen, das heißt, es allen recht zu machen, ist freilich schwierig, gelingt am Ende aber doch. Dann feiern die Schreberschwestern und -brüder im Verein.

Sprecher:

Die Struktur der Vereine ist inzwischen sozial gemischt. Der Kleingärtner von heute ist eher gut verdienender Normalbürger und die Gefahr, dass besser situierte Bürger die schwächer gestellten aus den Gärten verdrängen, ist groß. Haben doch auch sie große Sehnsucht nach dem Freizeitwert, der Bewegung und Erholung an der frischen Luft. Doch die Vereine sind auf der Hut.

O-Ton:

"Wie suchen uns einen aus, wo wir sag' n, der passt zu uns, der passt hier rein in die Jemeinschaft, nicht jeder passt rein, und da muss man die paar Mark fuffzig besitzen, die der Garten kostet."

Sprecher:
Sonst würde nämlich eine Normalfamilie mit Kindern nie einen Garten kriegen, weil alle Preise machen wie sie denken. Mit dem Preis, den der unabhängige Schätzer festsetzt, ist das ausgeschlossen. Kleingärtner sind eben Idealisten.


Fragen zum Text

Pacht zahlt jemand, der …

1. eine Wohnung gemietet hat.

2. für das Stück Land bezahlt, auf dem er/sie etwas anbaut.

3. jährlich eine Rente für ein Stück Land zahlt, auf dem er/sie wohnt.

Bei der Organisation eines Treffens muss man sprichwörtlich …

1. alle unter einen Sonnenschirm bekommen.

2. alle unter einen Hut bekommen.

3. alle unter die Haube bekommen.

Keine Idealisten sind …

1. Menschen, die an etwas glauben.

2. Schwarzseher.

3. realistische, analytische Menschen.

Arbeitsauftrag

Besitzer eines Schrebergartens gelten in Deutschland bei einigen als Spießer. Beschreiben Sie in einem kurzen Resümee, was den in dieser Alltagsdeutsch-Folge interviewten Kleingartenbesitzern an ihrem Schrebergarten dennoch so sehr gefällt.

Autor: Uwe Schareck

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links