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Kultur

Im Rausch der Klänge: die Oper "Irrelohe"

Auch ein Opernhaus muss wirtschaften, klar. Aber das bedeutet nicht, nur auf Klassiker zu setzen. In Bonn wurde ein Stück des in Vergessenheit geratenen Komponisten Franz Schreker aufgeführt – ein gewaltiges Werk!

Irrelohe - die Oper Bonn zeigt eine vergessene Oper von Franz Schreker. Szenen aus der Inszenierung von Klaus Weise. Musikalische Leitung Stefan Blunier. Foto:Thilo Beu/Theater Bonn

Der Generalmusikdirektor betrachtet sich als Anwalt für zu Unrecht vergessene Komponisten, der Intendant sagt, man dürfe als öffentlich finanzierte Institution nicht nur auf die Quote schauen, auch ungewöhnliche Produktionen für ein kleineres Publikum gehörten zum Spielplan. Die experimentierfreudige Bonner Opern-Spitze ist sich einig: Der Versuch mit Franz Schreker hat sich gelohnt. Dirigent Stefan Blunier gerät gleich richtig ins Schwärmen: "Diese Musik ist wie ein Rausch. Irisierende Klänge, güldene Schönheit - ein Abenteuer für die Ohren." Der Intendant, der auch Regie geführt hat, ist fasziniert vom Libretto. Klaus Weise meint: "Dieses Schauermelodram um eine schuldbeladene Vergangenheit ist ein sehr deutsches Thema. Das zündelt, schwelt und gärt – hoch interessant."

Monströse Partitur

"Manche Streicherpassagen sind eigentlich nicht mehr spielbar und auch die Sänger geraten an ihre Grenzen", meint Stefan Blunier. In der Tat: obwohl die Protagonisten – Roman Sadnik als Graf Heinrich, Ingeborg Greiner als Eva, Mark Morouse als Peter - überaus gut disponiert waren hatten sie gelegentlich Mühe, sich gegen das in jeder Hinsicht großartig aufspielende Beethoven-Orchester durchzusetzen. Dazu eine höchst ungewöhnliche Besetzung im Orchestergraben, allein zwölf Schlagzeuger, Gitarren, Mandolinen, sogar ein Cembalo. Die Partitur sei geradezu monströs, schwer entzifferbar, überfrachtet mit ausgetüftelten Regieanweisungen des Komponisten, erläutert der Dirigent.

Und so gelang den Bonnern denn ein Abend opulenter Klänge, ein Fest ausschweifenden Gesangs, expressionistisches Spektakel, Mischung aus Märchen und Melodram, Kitsch und Kirmes. Die Bühne wurde nicht nur vom düsteren Schloss "Irrelohe" beherrscht, sondern auch von einer Anzahl auffallender Autos. Ein Luxusschlitten von 1954 stand dabei für die Erotik der Macht, düstere Lastwagen für Mobilität und Ausbruch aus dörflicher Enge – assoziierten aber auch ihre Nutzung als Gefangenentransporter in den Diktaturen des 20. Jahrhundert, legten so die Aktualität der Oper nahe und sorgten für viel Gesprächsstoff beim durchweg begeisterten Premierenpublikum.

Schrekers Stücke - damals das Theaterereignis des Jahres

Franz Schreker, 1878 geboren, 1934 gestorben, landete Anfang des 20. Jahrhunderts auf den deutschen Bühnen einen Hit nach dem anderen: "Schreker, so unbekannt er heute ist, war der einzige Komponist seiner Zeit neben Richard Strauß, der auf allen deutschen Spielplänen mit drei Stücken gleichzeitig vertreten war. Wenn eine neue Oper von dem aufgeführt wurde, kamen Extra-Züge in die jeweilige Stadt. Das war das Sensationsereignis der Saison", erzählt Stefan Blunier. Heute sei es oft schwierig, Schrekers Opern mit vierzig oder fünfzig Protagonisten und Riesenorchester zu besetzen. Damals aber hätte der Star für seine opulenten, ausufernden Werke alles bekommen können: "Der hätte noch 30 Mandolinen mehr haben können, wenn er gewollt hätte, das war einfach das Theaterevent des Jahres." Schreker, den Zeitgenossen als feinnervigen Musiker beschreiben, liebte es auf der Bühne drastisch und folgte dabei dem Zeitgeist. Sigmund Freud war gerade en vogue, die Themen Sex und Gewalt, Sinnliches und Übersinnliches fanden auch Eingang in die Libretti der Opern. Sich selbst bezeichnete Schreker einmal als "Erotomanen" – Blunier schmunzelt: "Vielleicht war er doch eher ein stilles Gemüt. Wir wissen ja. Hunde, die bellen, beißen nicht. Oder er hatte eine Neurose."

Irrelohe - die Oper Bonn zeigt eine vergessene Oper von Franz Schreker. Szenen aus der Inszenierung von Klaus Weise. Musikalische Leitung Stefan Blunier. Foto:Thilo Beu/Oper Bonn

Spektakel auf der Bühne - wenn zwei sich um eine Schöne streiten...

Von den Nazis geächtet

1920 wurde der aus einer jüdischen Familie stammende Franz Schreker zum Direktor der Berliner Musikhochschule berufen. Schon bald jedoch war er der nationalsozialistischen Kulturpolitik ein Dorn im Auge. Seine expressionistisch gefärbte Musik galt als "entartet", der erfolgreiche Komponist wurde geächtet. 1932 bereits hat man Schreker zum Rücktritt gezwungen, ein Jahr später auch als Professor an der Preußischen Akademie der Künste entlassen – schwere Schläge, die er nicht lange überlebt hat. Schon zwei Jahre später starb der Verfemte an Herzversagen.

Gelegentlich werden Schrekers Opern heute wieder gespielt und gefeiert: "Der ferne Klang" zum Beispiel, oder "Die Gezeichneten". Wenn jetzt "Irrelohe" auf die Bonner Opernbühne gebracht ist, so ist das auch eine späte Genugtuung für ein lange missachtetes Werk. Der Erfolg gibt den Beteiligten nun recht. Und Dirigent Blunier hat an Franz Schreker eine ganz eigene Modernität entdeckt: "Dieses Morphineske, dieses Rauschhafte, Dekadente passt auch wieder in die heutige Zeit. Es ist ein bisschen Endzeit-Musik."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Petra Lambeck

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