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Kultur

Im Porträt: Ismail Kadare

Der albanische Schriftsteller Ismail Kadare ist der erste Träger des "Man International Booker Prize". In seiner Heimat gilt er als großer Dichter, ist politisch jedoch umstritten.

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Ismail Kadare auf der Leipziger Buchmesse 2005

Nun ist es also so weit: Neben dem renommierten Booker Prize für englischsprachige Literatur wird nun auch erstmals der International Booker Prize vergeben. Die einzige Bedingung: Die Werke der Autoren müssen auf Englisch erhältlich sein. Jury-Vorsitzender John Carey ist sich sicher, bei der ersten Vergabe den richtigen Preisträger gefunden zu haben: "Ismail Kadare ist ein Autor, der eine Kultur komplett abbildet: Seine Geschichte, seine Leidenschaften, seine Folklore, seine Politik, seine Katastrophen. Er ist ein universeller Schreiber in der Tradition des Geschichtenerzählens, wie sie zurück bis auf Homer geht."

Doch wer ist Ismail Kadare?

Ismail Kadare wurde am 28. Januar 1936 in der südalbanischen Stadt Gjirokastra als Sohn eines Post- und Justizbeamten geboren. Er studierte bis 1958 Literaturwissenschaften an der Universität von Tirana. Anschließend war er bis 1961 am Moskauer Gorki-Institut für Weltliteratur eingeschrieben.

Durchbruch mit "Der General der toten Armee"

1961 kehrte Kadare nach Albanien zurück. In den folgenden Jahren wurde er vor allem als Lyriker populär, während er heute diesem Genre eher skeptisch gegenübersteht. Er profilierte sich aber auch als Romancier, Erzähler und Essayist. Sein 1963 verfasster Roman "Der General der toten Armee" (1983 mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni verfilmt) bedeutete den literarischen Durchbruch.

Kadare galt bald als der albanische Nationaldichter der kommunistischen Nachkriegsära. Seine literarischen Werke wurden Pflichtlektüre an allen Schulen des Landes. Als einziger moderner Autor Albaniens gewann Kadare auch im Ausland hohes Ansehen, vor allem in Frankreich. Über zwei Dutzend Romane und zahlreiche Erzählungen liegen mittlerweile in mehr als 20 Sprachen und weltweit in über zwei Millionen Exemplaren vor. Mehrmals wurde Kadare für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Umstrittene politische Rolle

"Meine besten Romane sind auf dem Höhepunkt der kommunistischen Diktatur entstanden", sagt Kadare selbst - die Rolle des Schriftstellers im kommunistischen Albanien ist allerdings umstritten. Als Mitglied der kommunistischen Partei war er 1970-1982 Parlamentsabgeordneter und gehörte der politischen Elite des Regimes an. Kadare war aber über Jahre Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt sowie mit Publikationsverboten belegt. Sein Ansehen im Ausland machte ihn für das Regime bis zu einem bestimmten Grad unantastbar, da es seine Reputation für sich nutzen wollte.

Seit Mitte der 1980er Jahre kritisierte Kadare die stalinistischen Dogmen und seine Gegner fürchteten ihn nunmehr als Albaniens Václav Hável. Seit 1986 schmuggelte sein französischer Verleger Manuskripte außer Landes, um sie in seinem Safe in Paris für spätere Publikation aufzubewahren. So war der Autor wohl beides - "Aushängeschild des Regimes und Gefangener seiner Rolle, offizielle Galionsfigur und Hoffnungsträger für die intellektuellen Dissidenten des Landes", wie die "Süddeutsche Zeitung" einmal schrieb.

Asyl in Frankreich

Im Oktober 1990 verließ Kadare mit seiner Familie aus Protest gegen die Verschleppung der Demokratisierung durch den Übergangsmachthaber Ramiz Alia sein Land und suchte in Frankreich politisches Asyl. "Authentisches Schreiben und Diktatur sind nicht vereinbar", wie er dann schrieb. "Der Schriftsteller ist der natürliche Feind der Diktatur." Nach dem demokratischen Umbruch in Albanien kehrte er in seine Heimat zurück. Jetzt lebt er in Tirana.

Die Kritik rühmt an Kadare, dass er in seinen Werken Historisches und Mythisches zu Parabeln von beklemmender Gegenwärtigkeit zu verknüpfen weiß und dabei eine balkanische und orientalische Sprach- und Bilderfülle souverän mit der europäischen Erzähltradition verbindet. Als Schlüsselroman gilt "Der große Winter" (1961), in dem der Autor vor dem Hintergrund authentischer Ereignisse (Bruch zwischen der Sowjetunion und Albanien im Winter 1960/1961) ein Panorama der albanischen Gesellschaft entwirft. Das Funktionieren totalitärer Systeme vermitteln die Romane "Der Schandkasten" und "Palast der Träume".

Auch in jüngerer Zeit nahm Kadare bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund: Schon 1997 forderte er eine sofortige Intervention der NATO im Kosovo und machte alleine die Serben für den Krieg dort verantwortlich. (sams)

Werke:

Der General der toten Armee (Gjenerali i Ushtrisë së Vdekur), 1963

Die Festung (Kështjella), 1970

Chronik in Stein (Kronikë në gurë), 1971

Der große Winter (Dimri i Madh), 1977

November einer Hauptstadt (N‘ntori i nj‘ kryeqyteti), 1975

Der Schandkasten, 1978

Die Brücke mit den drei Bögen (Ura Me Tri Harqe), 1978

Der Palast der Träume (Pallati i ëndërrave), 1980

Der zerrissene April (Prilli i Thyer), 1980

Doruntinas Heimkehr (Kush e solli Doruntinën?), 1980

Die Schleierkarawane (Sjellësi i fatkeqësisë - Islamo nox), 1984

Konzert am Ende des Winters (Koncert në Fund të Dimrit), 1988

Dosja H (Die Akte H.), 1990

La Pyramide (Die Pyramide), 1992

Tri këngë zie për Kosovën (Drei Trauerlieder für Kosova), 1998

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