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Politik

Im Osten unterdrückt – im Westen unterschätzt

Für sein Buch “Uprising in East Germany, 1953” hat der Historiker Christian Ostermann bislang unveröffentlichte Dokumente zum 17. Juni aufgespürt - und manch Erstaunliches gefunden.

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Neuer Aufstand, 36 Jahre später: DDR-Bürger erklettern die Berliner Mauer

Herr Ostermann, welche Folgen hatte der 17. Juni für die Entwicklung der DDR?

Die historische Ironie des 17. Juni ist, dass er die Ablösung des SED-Generalsekretärs Walter Ulbricht verhinderte. Ulbricht stand wegen seines Versagens beim Aufbau des Sozialismus unmittelbar vor seiner Ablösung. Sein politisches Überleben verdankt er ausgerechnet dem Aufstand. Und das ist ein Indiz für die Entwicklung der DDR nach dem 17. Juni: Die konservativen Kräfte gewannen die Oberhand.

Wie ist es Ulbricht gelungen, seine Macht zu festigen?

Gleich nach dem Aufstand ordnete er Verhaftungswellen gegen vermeintliche "Kontaktleute westlicher Agenten" und Regimegegner an. So hat er den 17. Juni genutzt, um seine politischen Gegner auszuschalten. Und als Nikita Chruschtschow einige Jahre später in Moskau an die Macht kam, gelang es Ulbricht mit dem Argument der vermeintlichen Schwäche der DDR, die Sowjetunion auf das Überleben des zweiten deutschen Staates zu verpflichten.

Was waren die Folgen für die anderen Ostblock-Staaten?

Der 17. Juni wurde in vielen Staaten Osteuropas zum Symbol für Widerstand – aber nicht nur für die Regimegegner, sondern auch für die Regime selber. Die SED-Führung beispielsweise war so traumatisiert, dass sie in Ungarn 1956, in Prag 1968 und während der Polen-Krise 1980 immer wieder die Erfahrung von 1953 anführte und die Unterdrückung aller Oppositionsbewegungen forderte. Mielke hat noch 1989 gefragt, ob sich nun der 17. Juni wiederhole.

Und war das der Fall?

Es gibt Parallelen. Die SED-Führung war 1953 wie 1989 unfähig, eine realistische Lageanalyse zu erstellen. In beiden Fällen hat sie die Symptome der Krise viel zu spät erkannt. Der große Unterschied war das Verhalten der Sowjetunion. 1953 war sie im Gegensatz zu 1989 bereit, den Aufstand blutig niederzuschlagen. Und das war entscheidend. Neue Quellen aus dem Ministerium für Staatssicherheit belegen, dass sich die SED-Führung 1953 in einem Schockzustand befand. Sie war völlig gelähmt und überlebte nur wegen des sowjetischen Militäreinsatzes. Denn der Aufstand war massiver, als wir im Westen das wahrgenommen haben. Wie wir aus den Stasi-Unterlagen wissen, ist es in fast 700 Städten der DDR zu Demonstrationen von über einer Million Menschen gekommen. Diese Tragweite war uns unbekannt.

Waren die damaligen Aufstände politisch motiviert – oder ging es den Demonstranten vor allem um materielle Ziele wie höheren Lebensstandard?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die politischen Forderungen viel früher aufgetaucht sind, als bisher angenommen wurde. Die Absetzung Ulbrichts, freie Wahlen und die Wiedervereinigung gehörten von Anfang an zu den Forderungen der Demonstranten.

Warum hat es nach 1953 36 lange Jahre gedauert, bis die DDR-Bürger das System wieder öffentlich in Frage gestellt haben?

Eine Konsequenz des 17. Juni war, dass die SED-Führung in der Folge versucht hat, ihre mangelnde politische Legitimation durch die Schaffung eines Wohlfahrtsstaates wettzumachen. Dies hat zu einer innenpolitischen Stabilisierung beigetragen – genauso wie die alles kontrollierende Staatssicherheit, die nach dem 17. Juni erheblich ausgebaut wurde. Auf der einen Seite stand die Hebung des Lebensstandards, auf der anderen die Verschärfung des Repressionsapparates – insgesamt eine Politik von Zuckerbrot und Peitsche.

Warum haben die USA den Aufstand nicht unterstützt, obwohl sie zuvor immer wieder die Unfreiheit der DDR-Bürger angeprangert hatten?

Die Amerikaner waren von den damaligen Ereignissen ebenso überrascht wie die DDR-Führung. Es dauerte Wochen, bis sie eine Entscheidung trafen. Und dann war ihre Reaktion sehr passiv. Uns liegen die Protokolle der entscheidenden Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates vor, des obersten Entscheidungsorgans in der amerikanischen Außenpolitik. Damals sagte Präsident Dwight D. Eisenhower, er werde erst dann militärisch eingreifen und den Demonstranten zur Hilfe zu kommen, wenn sich der Aufstand bis nach China ausweite. Trotz aller gegenteiligen Bekundungen hat Washington in Wirklichkeit sehr vorsichtig agiert.

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