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Wirtschaft

Im Osten geht die Sonne auf

Die Chemiestadt Bitterfeld in Sachsen-Anhalt galt zu DDR-Zeiten als "dreckigste Stadt Europas". 180 Tonnen Flugasche gingen täglich auf die Region herab. Das ist vorbei. Jetzt stimmt die Chemie – denn sie ist sauber.

Auf einem Schild im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen steht: Die Chemie stimmt wieder (Foto: DW)

Der Goitzschesee in Bitterfeld-Wolfen (Foto: DW)

Der Goitzschesee - ein Erholungsgebiet

Bitterfeld – die Stadt stand für geschundene Landschaften, vergiftete Böden, verkommene Fabriken. Sie stand für Menschen, die eine gigantische Umweltverschmutzung krank gemacht hat. Das ist vorbei. Wenn die Sonne scheint, dann ist sie jetzt auch zu sehen und der Himmel ist richtig blau. Es gibt zwar wieder einen großen Chemiepark – aber der ist sauber. Und es gibt den Goitzschesee. Er ist neu für Bitterfeld - wie so vieles. Der Goitzschesee, ein gefluteter Tagebau, hat das Bild der Stadt verändert, vor allem auch das Bild der Stadt von sich selbst. Und die heißt heute Bitterfeld-Wolfen. Die beiden durch den Chemiepark getrennten Orte haben sich erst vor drei Jahren zusammengeschlossen, erzählt Oberbürgermeisterin Petra Wust. Die Region sei heute ein Tourismusgebiet: "Wir haben im vorigen Jahr rund eine halbe Million Besucher an der Goitzsche gehabt. Das ist schon nicht schlecht".

Dieses Mal stimmt die Chemie

Der gravierende Strukturwandel in Chemie und Bergbau mit dem Verlust von tausenden Arbeitsplätzen hat aber seine Spuren in Bitterfeld-Wolfen hinterlassen. Die Stadt hat seit der Wende die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Viele sind dahin gegangen, wo es Arbeitsplätze gab – die meisten nach Westdeutschland oder ins Ausland, denn die Chemieindustrie der DDR, mit ihren giftigen Rauchfahnen, wurde nach der Wende abgewickelt. Die Arbeitslosigkeit liegt heute etwas über 10 Prozent. Die Region hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Der Chemiepark ist wieder der wichtigste Arbeitgeber. Und dieses Mal ist die Chemie sauber. 360 Firmen haben sich auf rund 1200 Hektar Land zwischen Bitterfeld und Wolfen angesiedelt. Rund 11.000 Menschen sind dort beschäftigt.

Rohrbrücken überqueren das Gelände

Unzählige Rohrleitungen überqueren den Chemiepark Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt (Foto: DW)

Als der Chemiepark vor zehn Jahren zur Privatisierung ausgeschrieben wurde, konnte sich der Unternehmer Jürgen Preiss-Daimler gegen namhafte Mitbewerber durchsetzen. Seitdem steht die Standortgesellschaft Preiss-Daimler den Firmen mit Rat und Tat zur Seite. Sie stellt die Infrastruktur zur Verfügung und bietet notwendige Dienstleistungen an. Im Kollektiv können Kläranlagen, die Stromversorgung und auch die Rohrleitungen genutzt werden. Rund 20 Kilometer Rohrbrücken verlaufen heute kreuz und quer über das Areal. Der Geschäftsführer von Preiss-Daimler ist Matthias Gabriel: "In aller Regel ist es so, dass uns das Grundstück gehört und wir der Firma Vorschläge machen. Das geht los beim Baurecht, Flächenzuschnitt, logistische Anbindung, Rohrbrücken, Bahnanschluss und so weiter. Und dann begleiten wir sie, was die Behördengänge angeht, wenn es sein muss auch, was die Finanzierung angeht".

Solarenergie heißt das Zauberwort

Schornstein eines Unternehmens im Chemiepark Bitterfeld (Foto: DW)

Der Himmel ist wieder zu sehen im Chemiepark Bitterfeld

Die Ansiedlung inmitten des Wirtschaftsraumes Halle-Leipzig gilt heute als einer der Vorreiter des Chemie- und Industrieparks in Ostdeutschland. Konzerne wie Akzo Nobel, Bayer oder Evonik Degussa arbeiten hier. Es gibt eine Chlorstraße, eine Aluminiumstraße und einen Park der Chemiearbeiter – und es gibt immer noch Platz für weitere Ansiedlungen. Die Region hat aber in den letzten Jahren vor allem als Solar Valley von sich reden gemacht. Wie in kaum einer anderen deutschen Stadt zeigt sich in Bitterfeld-Wolfen der sich seit Jahren vollziehende Energiewandel. Die Region ist zum Zentrum der Solarzellenproduktion aufgestiegen. Q-Cells, Europas größter Hersteller von Solarzellen, ist dort Zuhause.

Seit die Solarbranche in Bitterfeld-Wolfen Einzug gehalten hat nennt sich die Region: Solar Valley. Spätestens bei der Autobahnausfahrt Bitterfeld-Wolfen ist zu sehen, was es damit auf sich hat: In unendlichen, dichten Reihen funkeln blaue Solarmodule. Das deutsch-britische Unternehmen Crystalox produziert auch in Bitterfeld-Wolfen. Es stellt hochreines Silizium her, also das Material, das Grundlage für die Photovoltaik ist. Insgesamt unterhalte das in London an der Börse notierte Unternehmen drei Standorte - zwei in Deutschland und einen in Großbritannien, sagt Geschäftsführer Hilmar Tiefel.

Der größte Solarmarkt ist Deutschland

Crystalox beliefert die zehn größten Solarmodulprozenten weltweit. Darunter japanische Firmen wie Sharp und Mitsubishi. In Deutschland gehören unter anderem Q-Cells und Solarworld dazu: "Der größte Markt - wenn man das Jahr 2009 anschaut - war weltweit gesehen Deutschland", sagt Tiefel. Relativ stark seien Italien, Japan und auch noch Spanien: "Amerika war im Mittelfeld. Aber wir setzen gewisse Erwartungen, dass in zwei, drei Jahren Amerika sehr stark sein wird und eventuell auf Platz eins kommen wird", so der Crystalox-Geschäftsführer.

Förderung wird zurückgefahren

Mit Solarzellen bestückt ist die Hauswand des deutsch-britischen Unternehmens PV Crystalox (Foto: DW)

Das deutsch-britische Unternehmen Crystalox produziert im Chemiepark Silizium

Doch die Errungenschaft des Aufbaus Ost in Sachen Photovoltaik sehen viele derzeit in Gefahr. Dann nämlich, wenn die staatliche Förderung für den Solarstrom tatsächlich, wie vom Bundesumweltminister angekündigt, schneller abgesenkt wird als geplant. Nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz soll die Förderung jährlich zurückgefahren werden und zwar so lange, bis Solarstrom keine Subventionen mehr braucht. Wenn die Fördergelder der Regierung allerdings für den Solarstrom zu drastisch gekürzt werden, befürchtet Crystalox-Geschäftsführer Tiefel, dann könnten Produktionsstandorte in Deutschland verloren gehen: "Denn dann werden bestimmte Investitionen nicht mehr in Deutschland vorgenommen, dann werden Investitionen mehr und mehr in Asien oder Amerika getätigt". Grundsätzlich, sagt Hilmar Tiefel, sei er ja für eine Kürzung der Subventionen. Nur: Sie müsse verträglich und langfristig geschehen.

Bitterfeld-Wolfen war einmal ein Synonym für marode Wirtschaft und verkommene Umwelt. Die Zeiten sind vorbei. Der Bitterfelder Bogen, eine begehbare 540 Meter lange Strahlkonstruktion auf einem aufgeschütteten Berg, steht für die neue Natur- und Seenlandschaft. Der Bogen ist ein Symbol des Wandels, sagt Oberbürgermeistern Petra Wust.

Autorin: Monika Lohmüller

Redaktion: Insa Wrede