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Fußball

Im Osten geht die Fußballsonne unter

Der deutsche Profifußball leidet unter einer strukturellen Schieflage: Spitzenfußball wird fast ausschließlich im Westen gespielt, viele ehemaligen DDR-Vereine stürzten nach der Wende ab.

Die Nummer eins im Osten heißt derzeit Union Berlin. Für diesen inoffiziellen Titel reicht ein Mittelfeldplatz in der zweiten Liga aus. Seit 2009, damals stieg Energie Cottbus aus der Bundesliga ab, gibt es keinen Erstligisten in den neuen Bundesländern mehr und derzeit sieht es nicht danach aus, als ob sich das zeitnah ändert. Eine auffällige Schieflage.

"Man sagt, Geld schießt keine Tore", philosophiert Stefan Beinlich, Manager des FC Hansa Rostock, der sich derzeit tief in der Abstiegszone der zweiten Bundesliga befindet. "Aber natürlich spielen Finanzen eine Rolle. Ob du, wie wir, für die Lizenzspielerabteilung mit einem Etat von vier Millionen wirtschaftest, oder zehn, 15 oder 20 Millionen hast, das spielt schon eine große Rolle." Damit hat der ehemalige Nationalspieler das Kernproblem beschrieben: im strukturschwachen Osten der Republik fehlt für den Spitzenfußball vielerorts das Geld. Wenige Sponsoren im Umfeld, die Fans können sich nicht immer die Eintrittskarte, die Bratwurst oder das aktuelle Trikot leisten. Die Heimat des FC Hansa, Mecklenburg-Vorpommern, weist aktuell die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer aus (13,5%), unter den neuen Ländern ist alleine Thüringen einstellig (9,2%).

Grafik Fußball-Deutschland mit Standorten der Erst- und Zweitligisten. Grafik: DW

Fußball-Deutschland ist westlastig (rot - Bundesliga-Vereine, blau - Zweitligaclubs)

Cottbus-Präsident sieht schwarz

"Die Vereine, die eigentlich die besten Möglichkeiten nach der Wende hatten, das sind heute eher diejenigen, die weiter hinten zu finden sind", zieht Ulrich Lepsch Bilanz. Der Präsident des FC Energie Cottbus meint damit vor allem Rostock und Dresden, die beiden Ost-Mannschaften, die in der ersten Bundesliga-Saison nach der Wiedervereinigung an den Start gingen. Weitere Traditionsvereine sind komplett abgestürzt. Der 1. FC Magdeburg, immerhin Europapokalsieger der Pokalsieger 1974, findet sich in der vierten Liga wieder, der DDR-Rekordmeister FC Dynamo Berlin dümpelt sogar in der fünften Liga herum.

Cottbuser Dimitar Rangelov erzielt Treffer gegen FSV Frankfurt. Foto: dpa

Dresden Erstliga-tauglich?

"Ich glaube nicht", so Lepsch, "dass wir den Trend in nächster Zeit groß ändern können. Wir in Cottbus sind fast die einzigen, die die erste Liga möglicherweise finanziell stemmen könnten. Insofern sehe ich schon ein bisschen schwarz für die nächsten Jahre, dass wir hier vielleicht mal wieder ein oder zwei Klubs in die erste Liga kriegen."

Höchste Ansprüche weichen einem gesunden Realismus. So sieht Stefan Beinlich die aktuelle Situation vergleichsweise entspannt. "Ich glaube, das Tal haben wir durchschritten. Dresden ist wieder in die zweite Liga aufgestiegen, wir auch. Erfurt und Chemnitz könnten aus der dritten eventuell wieder aufsteigen. Wir haben nur leider keinen in der ersten Liga." Beinlich meint mit "Tal" die Zeit vor zwei Jahren, als im Osten kein Erstligist und gerade einmal drei Zweitligisten spielten.

Geld schießt eben doch Tore

Leipzigs Daniel Frahn mit dem Schriftzug Die Roten Bullen auf den Schultern. Foto: dpa

Leipzig noch viertklassig

Der nächste große Wurf könnte ausgerechnet einem Verein gelingen, der gar nicht über eine DDR-Vergangenheit verfügt. RasenBallsport Leipzig, 2009 gegründet, klopft derzeit in der vierten Liga an die Tür zum Profifußball. Manager Wolfgang Loos erkennt in der Sachsenmetropole die Sehnsucht nach großem Fußball und einem großen Verein. "Es geht ja nicht nur um Fußball, es geht hier auch um Arbeitsplätze."

Bei RB Leipzig herrschen andere Bedingungen als im Rest des Ostens. Mit dem Getränkehersteller Red Bull im Rücken gleicht der Verein eher einem westlichen Werksclub wie Bayer Leverkusen oder VfL Wolfsburg, dem fußballerischen Aushängeschild des Volkswagen-Konzerns. Diese Konstellation könnte aber vom Segen zum Fluch werden. Denn falls sich Red Bull, das wie kaum ein zweiter Konzern auf Sport als Mittel der Imageförderung setzt, eines Tages umorientiert, könnte das das Ende sein für die Leipziger Träume von der großen Fußballbühne.

Talentflucht nach Westen

An der Ausbildung kann es nicht liegen, dass der Osten zur Fußball-Diaspora mutiert, denn die Nachwuchsförderung findet nachweislich auf hohem Niveau statt. Die A-Jugend des FC Hansa Rostock hat 2010 die deutsche Meisterschaft gewonnen und ist in dieser Altersklasse nur einer von fünf Erstligisten in den neuen Bundesländern. "Das Nachwuchsleistungszentrum wird ja alle drei Jahre zertifiziert. Und da sind wir einer der acht besten Vereine in Deutschland", sagt Beinlich stolz. Nach wie vor bringt der Osten Top-Talente hervor, etwa den früheren Rostocker und heutigen Bayern-Star Toni Kroos. Dessen Vater, Roland Kroos, ist Trainer der Rostocker A-Jugend und warnt, "man weiß ja, wer hier in der Region arbeitet. Ich nenne nur Hertha BSC Berlin, Wolfsburg, den HSV oder Bremen, die haben ganz andere Möglichkeiten. Und die holen auch Spieler aus unserer Region, weil die Bedingungen da besser sind. Es wird für uns in Zukunft schwieriger werden."

Toni Kroos bejubelt einen Treffer gegen Hannover. Foto: dpa

Früher Rostock, heute Bayern: Nationalspieler Toni Kroos

Selbst wenn die Scoutingabteilungen der Ostvereine die Talente früh entdecken und an die Vereine binden, profitieren die Profimannschaften später nicht zwingend davon. Das Problem: häufig wechseln Talente aufgrund der besseren Perspektive früh zu großen Vereinen, noch bevor große Ablösesummer fließen. Und die großen Vereine sitzen derzeit ausschließlich im Westen. So bleiben dem Osten am Ende weder Talente noch Geld. Für Toni Kroos erhielt Hansa 2006 zwar vergleichsweise üppige 2,3 Millionen Euro, doch der FC Bayern könnte für ihn heute auf dem Transfermarkt etwa das Zehnfache erzielen. Mit René Adler (von Leipzig nach Leverkusen) und Marcel Schmelzer (von Magdeburg nach Dortmund) verließen zwei heutige Nationalspieler ihre Ausbildungsvereine, ohne dass eine Ablösesumme floss.

Diese Form der Talentflucht ist derzeit noch eine logische Folge der strukturellen Schieflage. Wer etwas werden will, muss in den Westen. "Da müssen sich Vereine hier im Osten etablieren, um dann auch die ostdeutschen Talente hier zu behalten", fordert Wolfgang Loos. "Das haben wir uns in Leipzig auch auf die Fahne geschrieben."

"Lange genug über Ost und West gesprochen"

Mindestens so sehr wie eine positive sportliche Entwicklung wünscht sich Stefan Beinlich, "dass wir nicht in zehn, 15 Jahren immer noch über Ost und West sprechen, das haben wir lange genug getan. Wie viele Ostvereine es dann in der ersten Liga geben wird? Vielleicht sind es zwei oder drei, vielleicht ist es auch keiner. Das wird man sehen." Doch die Fußballfans in Deutschland werden weiter über Ost und West sprechen, solange die strukturellen Unterschiede so offensichtlich sind.

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