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Afrika

Im Land des Hungers

Das diktatorische Regime von Robert Mugabe hat Simbabwe so heruntergewirtschaftet, dass man an allen Straßenecken auf hungernde Einwohner trifft. Jede Woche sterben tausende Menschen an Krankheiten.

Ein Kunde inspiziert die wenigen übrigen Salzpackungen in einem Supermarktregal, Quelle: AP

Leere Regale in Simbabwes Lebensmittelgeschäften

Bulawayo, im Süden Simbabwes: Rebecca, Mutter von zwei Töchtern, weiß kaum, wie sie ihre Familie ernähren soll. Zehn Kilo Maismehl, sagt sie, kosten 30.000 Sim-Dollar - 200.000 verdient sie im Monat. Einmal täglich gibt sie ihren Töchtern Maisbrei. Sie näht ihnen Kleider aus Lumpen, die ihr der Arbeitgeber schenkt. Und sie ist noch eine derjenigen Mütter, die einen Job haben. "Meine Nachbarin hat drei kleine Kinder, aber keinen Job - und ihr Mann auch nicht", erzählt Rebecca. "Nichts zu essen, kein Geld für Schulgebühren. 'Rebecca, ich weiß nicht, wie ich an Maismehl für die Kinder kommen soll', weinte sie gestern. Ich habe dann zehn Kilo gekauft und mit ihr geteilt.'

Simbabwe: ein Land der verwüsteten kommerziellen Farmen, die einst von 5000 weißen Farmern bewirtschaftet wurden; ein Land der korrupten Elite in der Regierungspartei ZANU-PF, die sich nimmt, was sie will - enteignete Farmen und Industriebetriebe, Ex- und Importlizenzen, Devisen zum Hundertstel des tatsächlichen Wertes. Eine Elite, die nur konsumiert, Werte ins Ausland schafft, aber kaum je investiert. Warum auch? Kaum jemand investiert in Simbabwe; die Wirtschaft schrumpft seit sieben Jahren; die Infrastruktur kollabiert mangels Ersatzteilen. Gerade acht Prozent aller Züge fahren noch; immer häufiger werden Wasser und Strom abgestellt.

Produzieren ohne Elektrizität

Ein Wunder, dass inmitten verrammelter Hallen im Industriegebiet von Bulawayo überhaupt noch Betriebe produzieren. Simon Spooner zum Beispiel füllt mit 30 Arbeitern Fruchtsäfte und Sirups ab. In großen Kesseln werden Zutaten verrührt. Das Produkt fließt in Plastikflaschen, die in Folie verpackt werden. "Wenn wir Strom haben, konzentrieren wir uns auf die Produktionsprozesse, für die wir Strom brauchen, und legen Vorräte an Zwischenprodukten an, die wir auch ohne Elektrizität weiter verarbeiten können", erzählt Spooner. "Hinter der Fabrik haben wir außerdem einen Wassertank. Wir müssen Wasservorräte anlegen, weil wir nie wissen, wann es uns abgestellt wird."

Einen Generator, sagt der früh ergraute Unternehmer, könne er sich nicht leisten. Sein Geschäft zehre von seit langem vorhandenen Produktionsmitteln - ein Geschäft, in dem ihm immer häufiger die so wichtige Liquidität ausgeht. Kein Wunder: Eine Hyperinflation von inzwischen fast 9000 Prozent hat Spooners Preisen und denen seiner Lieferanten ein Verfallsdatum von nur mehr wenigen Stunden beschert.

Auswanderung wegen hoher Arbeitslosigkeit

Eine Menschenmenge stürmt einen Supermarkt in Simbabwe, Quelle: AP

Ansturm auf einen Lebensmittelmarkt nach Preissenkungen im Juli 2007

Darüber, wie er an Devisen für seine zu 40 Prozent importierten Rohstoffe kommt, schweigt Simon Spooner lieber. "Wir führen unser Geschäft in einem Klima der Angst", klagt er. "Ständig befürchten wir, festgenommen oder sonst wie drangsaliert zu werden - je nach dem, wen die Regierung gerade für den miserablen Zustand der Wirtschaft verantwortlich macht."

Um 70 Prozent ist die Produktion Spooners in den letzten zwei Jahren gesunken. Nur noch billigster Sirup lässt sich verkaufen. Immer wieder muss Spooner Arbeiter entlassen. Die Arbeitslosigkeit liege landesweit bei 85 Prozent, sagt Unternehmensberater Eddie Cross. Vier Millionen Simbabwer sind ausgewandert, meist nach Südafrika, darunter fast alle Fachkräfte.

Geldtransfers als wichtigste Devisenquelle

Allein 4500 Lehrer hätten seit Anfang dieses Jahres das Land verlassen, sagt Cross. "Geldtransfers von Auslands-Simbabwern verkörpern inzwischen die größte Devisenquelle für Simbabwe überhaupt", fügt er hinzu. "Und viele, viele Familien überleben nur dank des Geldes, das ihre Kinder und Verwandten aus dem Ausland schicken."

Schulgebühren könnten die meisten Eltern nicht mehr bezahlen, berichtet Cross. Nur jedes vierte Kind gehe noch zur Schule. Kollabiert sei zudem das öffentliche Gesundheitswesen. In den Krankenhäusern streiken die verbliebenen Ärzte; zerebrale Malaria und Meningitis werden mit Aspirin behandelt, Knochenbrüche und Aids gar nicht.

Jede Woche 3500 vermeidbare Todesfälle

Robert Mugabe, Quelle: AP

Simbabwes Diktator Robert Mugabe

3500 Simbabwer sterben Woche für Woche einen vermeidbaren Tod, zitiert Eddie Cross UN-Statistiken, fünf mal so viele wie im Irak. "Zu Hunderten sterben Häftlinge in unseren Gefängnissen an Mangelernährung", beklagt Cross. "Pelagra, eine Vitaminmangelkrankheit, ist endemisch hier; wir haben die höchste Kindersterblichkeit der Welt und die niedrigste Lebenserwartung. Die katastrophale Ernährungssituation, das Fehlen jeglicher Hygiene und der Zusammenbruch des Krankenhauswesens sind einige Ursachen dieses Massensterbens."

Folgen von Repression, Korruption und zynischem Desinteresse der Regierung an Daseinsvorsorge für die Bevölkerung, meint Eddie Cross und spricht von "schleichendem Völkermord". In den letzten zehn Jahren seien drei Millionen Simbabwer an vermeidbaren Erkrankungen gestorben. Und da gehe es keineswegs nur um Aids, woran vielleicht 150.000 Simbabwer pro Jahr sterben. 32.000 starben letztes Jahr an Malaria, 60.000 an Tuberkulose, 42.000 Frauen im Wochenbett.

Regierung erschwert Nahrungmittelimporte

Nach einer wieder einmal verheerenden Dürre ist die Maisernte dieses Jahr praktisch ausgefallen, berichtet ein Geschäftsmann, der nicht mit Namen genannt werden will. Er unterstützt kirchliche Hilfsorganisationen beim Import ihres Bedarfs. In entlegenen Gegenden, sagt er, lebten viele Menschen nur noch von Beeren und Wurzeln; Alte und Kinder verhungerten bereits. Trotzdem genehmige die Regierung zwar den Import von Autos, Kaviar und derzeit auch Benzin. Sie unterbinde jedoch gleichzeitig den freien Import von Nahrungsmitteln, klagt der Geschäftsmann: "Mugabes Leute wissen: Nahrung ist überlebensnotwendig, mit der Kontrolle darüber hat man entscheidende Hebel der Macht in der Hand." Für jede LKW-Ladung Mais müsse man nachweisen, woher die Devisen stammen. "Wir brauchen Genehmigungen lokaler Chiefs und ZANU-PF-Funktionäre, Genehmigungen der Distriktsgewalten und so weiter. Da braucht man gut vier bis fünf Monate für eine Lizenz, Nahrungsmittel zu importieren."

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