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Wissen & Umwelt

Im Kopf eines Amokläufers

28 - 12 - 15. Das sind die Zahlen der Opfer von Amokläufen in Newtown, Aurora und Winnenden. Am Ende bleibt immer die eine Frage: Warum? Das Forschungsprojekt Target versucht, eine Antwort zu finden.

ARCHIV - Einschusslöcher einer großkalibrigen Waffe sind am 12.03.2009 in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen (Baden-Württemberg) zu sehen. Auf dem Hof des Autohauses endete der Amoklauf eines 17-jährigen, der zuvor 15 Menschen erschossen hatte, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte. Im zweiten Prozess gegen den Vater des 17-jährigen Täters von Winnenden und Wendlingen werden am 19.11.2012 mehrere Zeugen aus dem Umfeld des Tatorts vernommen. Foto: Boris Roessler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Winnenden Einschußlöcher Fensterscheibe

Erfurt 2002. Ein 19-Jähriger betritt gegen 10.45 Uhr seine ehemalige Schule. Er hat zwei Schusswaffen dabei. Innerhalb von zwanzig Minuten tötet er 16 Menschen und anschließend sich selbst. Der Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium war der erste in Deutschland, der durch einen Schüler in einer Schule verübt wurde. Und obwohl Amoktaten rein statistisch gesehen eher selten sind, liegt Deutschland elf Jahre später im weltweiten Vergleich hinter den USA schon auf Platz 2. Inzwischen widmet sich das Projekt "Target" (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt) der Analyse von Amokläufen, insbesondere School-Shootings in Deutschland. Ziel ist es zu erforschen, wie es zu solchen Fällen kommt.

Nicht nur Psychologen, auch Kriminologen, Soziologen, Forensiker und Pädagogen arbeiten in diesem einzigartigen Projekt zusammen, das helfen soll, die Früherkennung von Amoktaten zu verbessern. Dabei werden auch internationale Taten wie die des Anders Behring Breivik in Oslo zum Vergleich herangezogen. Prof. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin leitet das Verbundprojekt und erklärt die Vorgehensweise: "Die bisherige Forschung befasst sich meist nur mit Einzel- oder wenigen Vergleichsfällen. Wir analysieren alle Fälle gleichermaßen sowie zum Beispiel Taten von Erwachsenen oder auch nur angedrohte Taten. Zusätzlich wollen wir Interviews mit überlebenden Tätern oder Familienangehörigen führen, um vielleicht künftig erkennen zu können, ob es Punkte gibt, an denen man diese Entwicklung vorhersehen kann“.

Der typische Amokläufer?

Obwohl man aktuell noch wenig über das Profil von Amokläufern sagen kann, hat die Berichterstattung der Medien dazu geführt, dass jeder ein bestimmtes Bild vor Augen hat: männlich, Einzelgänger, Waffennarr, psychisch krank - wie in Winnenden 2009. Die Wahrheit ist jedoch viel komplizierter, offenbart sich erst, wenn man hinter die Fassade schaut. Schließlich werden viele Jugendliche gemobbt, spielen Ego-Shooter-Spiele und beschäftigen sich mit Waffen, aber die wenigsten von ihnen laufen Amok.

Britta Bannenberg, Kriminologin an der Uni Gießen Bild: DW/Kathrin Witsch

Britta Bannenberg, Kriminologin

Man hat also eine Vorstellung vom "typischen“ Amokläufer. Aber gibt es ihn tatsächlich? Die Antwort lautet ganz klar: nein. Vom typischen Amokläufer kann nicht die Rede sein, da jeder Amoklauf sehr individualisiert ist, weiß Britta Bannenberg, Kriminologin an der Universität Gießen. Man würde dieses Phänomen nie verstehen, wenn man nach der einen Ursache, der einen Erklärung suche. Sie existiere nämlich nicht. Das sei ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht und in dem viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Die Kriminologin versucht diese Entwicklung zu beschreiben: "Wir haben hier in der Regel junge Männer, die keine echten Freunde haben, überhaupt keine Sexualität leben, aber Wünsche haben. Diese Persönlichkeiten können das aber nach außen hin nicht kommunizieren. Und dann verstärkt sich der Hass auf die anderen, denen das alles scheinbar so leicht gelingt. Es kommen viele Dinge zusammen, die dann schließlich mit enormen Rache- und Gewaltphantasien beantwortet werden“.

Waffen, Ego-Shooter-Spiele, Gewaltphantasien?

Es gibt durchaus Überschneidungen zwischen den einzelnen Täterprofilen. Bis jetzt weiß man, dass die Täter in den meisten Fällen männlich sind, was aber nicht heißt, dass ein 16-jähriges Mädchen nicht mit ihrem Samurai-Schwert in die Schule gehen und dort zwei Menschen schwer verletzen kann. So geschehen in Deutschland 2009. Viele der Amokläufer werden als "Einzelgänger" bezeichnet. Mit Einzelgängern ist jedoch keineswegs gemeint, dass der Täter in keinem Verein ist, mit niemandem redet und immer alleine ist. Es ist vielmehr der Umstand, so Bannenberg, dass soziale Kontakte nicht in die Tiefe gehen. Es bilden sich keine festen Freundschaften heraus. Selbst die Bindung zu den Eltern ist meist sehr brüchig. Hinzu kommt immenser Leistungsdruck, den viele Amoktäter in ihrer Familie erfahren. Weil sie dem aber nicht gerecht werden können, ziehen sie sich zurück. Die Mehrzahl der Amoktaten ereignen sich in Kleinstädten und mittelständigen Familien. Vielleicht weil sie es dort besonders schwer haben, eine Nische zu finden, vermutet Bannenberg. Viele Täter scheinen außerdem eine Begeisterung für Schusswaffen zu haben und verbringen überdurchschnittlich viel Zeit mit gewaltverherrlichenden Medien wie Ego-Shooter-Spielen.

Das Amoktäter Realität und Spiel nicht mehr auseinanderhalten können und Amok laufen, weil sie zu viel Zeit mit sogenannten "Killerspielen" verbringen, hält Sozialpsychologe Andreas Zick von der Universität Bielefeld aber für die falsche Schlussfolgerung: "Die Kausalität, dass Spielen selbst die Gewalt erklärt, stimmt nicht. Es sind die Umstände, unter denen sie spielen. School-Shooter wissen, dass diese Spiele Spiele sind. Und dann fangen sie an, dieses Spiel in die Tat umzusetzen". Sie zögen sich immer weiter in ihre eigene Welt zurück, weil sie sich ausgeschlossen und nicht akzeptiert fühlen. Gerade bei Schul-Amokläufern ist dieses Gefühl der Zurückweisung ein wichtiger Punkt. Aber nicht jedes Mobbing-Opfer läuft Amok. Warum erfahren diese jungen Menschen das Gefühl der Kränkung soviel extremer als normale Jugendliche?

Die Psyche eines Amokläufers

Andreas Zick, Sozialpsychologe Copyright: Universität Bielefeld Bild geliefert von Ulrike Hummel für DW/Klaus Krämer.

Andreas Zick, Sozialpsychologe

Eine psychische Krankheit wäre für viele Menschen eine plausible Erklärung. Manche Amokläufer leiden tatsächlich an einer wahnhaften Schizophrenie. Sie können Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr voneinander unterscheiden, wie Seung-Hui Cho, der an der Virginia Tech Universität in Colorado 32 Menschen und anschließend sich selbst richtete. Andere sind schwer depressiv wie Dylan Klebold, dessen innere Zerrissenheit manchen Leser seines Tagebuchs schier verzweifeln lässt, und wieder andere haben Persönlichkeitsstörungen. Aber nur wenige sind wirklich psychisch krank, wie der Täter an der Virginia Tech. Und das ist genau der Punkt, sagt Andreas Zick: "Jeder Amokläufer hat eine Persönlichkeitsstörung, das ist völlig klar. Weil wir vom Normbereich ausgehen, in dem so was nicht vorkommt. Aber das erklärt nur einen Teil der Tat“.

Bei vielen Amoktätern kann eine sogenannte narzisstische Persönlichkeitsstörung festgestellt werden. Diese zeichnet sich vor allem durch ein fragiles Selbstwertgefühl aus. das oft nach außen hin durch besonders Selbstbewusstes Auftreten kaschiert wird. Das führt dazu, dass manche Mobbing-Erfahrungen durch drastisches Verhalten gegenüber ihrem sozialen Umfeld selbst provoziert werden und das Gefühl der Kränkung gleichzeitig besonders extrem wahrgenommen wird.

So schrieb Eric Harris, der zusammen mit Dylan Klebold 1999 an der Columbine High School zwölf Schüler und einen Lehrer ermordete in seinem Tagebuch, dass er von anderen Schülern gemobbt wurde. Seine Mitschüler wiederum beschrieben Harris als denjenigen, der andere diskriminierte: "Psychologisch ist das doch relativ normal", versucht Andreas Zick dieses Vorgehen zu erklären. "Wenn sie massiv Minderwertigkeit erfahren, geht das mit einem Kontrollverlust einher. Dann wird Kontrolle gesucht, die das ersetzen kann. Es ist eine Flucht aus den Problemen heraus hinein in die Gewalt". Ein weiteres Merkmal der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist das extreme Selbstbild, das Amokläufer von sich zeichnen. Das kann sich zwischen extremem Opfer und extremer Machtorientierung bewegen. Allein das Planen der Tat kann einen Zustand der Machtposition hervorrufen.

Amokläufe sind immer geplant

Eric Harris, left, and Dylan Klebold, carrying a TEC-9 semi-automatic pistol, are pictured in the cafeteria at Columbine High School, in Littleton, Colo., during their April 20, 1999 shooting rampage where they killed a teacher and 12 students. Both gunmen killed themselves later in the school library. This still image is from a videotape released by the Jefferson County Sheriff's Department. Jefferson County District Judge Brooke Jackson ordered the tapes released late last month, along with copies of law-enforcement radio transmissions. The releases were requested by the families of slain students Kelly Fleming and Daniel Rohrbough, who have sued the sheriff's office. (AP Photo/Jefferson County Sheriff's Department)

Columbine High School

Amoktäter planen ihre Tat oft über mehrere Jahre. Ein Amoklauf ist also niemals spontan. Irgendwann reicht die Planung der Tat, die auch als eine Art Kompensation dient, aber nicht mehr aus. Dann entsteht bei vielen Tätern eine Selbstradikalisierung. Sie erinnern sich immer wieder daran, dass sie diese Tat begehen müssen und fühlen eine enorme Tatverpflichtung.

Sie denken, dass sie sich durch einen Amoklauf in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft einbrennen, um so das Gefühl, ein Nichts zu sein, durch das Gefühl zu ersetzen, dass man sich an sie erinnert, selbst wenn sie tot sind. So wie Eric Harris und Dylan Klebold, deren Massaker in Columbine bis heute unzählige Nachahmer gefunden hat und die wohl erreicht haben, was sie wollten: Ihre Namen kennt fast jeder Mensch auf der Welt.

Das Projekt "Target" bietet nun wenigstens die Hoffnung auf Aussicht einer besseren Früherkennung der Täter. Auch die Frage nach dem endgültigen "Trigger“ (Auslöser), wann und warum genau ein Mensch zum Massenmörder wird, ist Teil der Untersuchungen. Und vielleicht kann mithilfe dieser Forschungsergebnisse auch den Tätern selbst geholfen werden, damit es erst gar nicht soweit kommt.

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