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Kultur

Im Kino: "Die Bücherdiebin"

Literatur kann Leben retten - mit dieser Botschaft elektrisierte der Australier Markus Zusak vor Jahren die Leser. Sein jetzt verfilmter Roman "Die Bücherdiebin" erzählt vom Überleben während des Nationalsozialismus.

Ein riesiger Haufen Bücher. Sie brennen. Eine johlende Menschenmenge hat sich um sie herum gruppiert. Die Szene spielt sich auf einem Platz in irgendeiner Kleinstadt in Süddeutschland ab. Es ist Abend, Fackeln werfen ihr gespenstisches Licht an die Hauswände. Im Hintergrund auf einem Podium ein Redner, der vom drohenden Verfall der deutschen Kultur spricht. Dahinter wiederum: Nazi-Fahnen, Hakenkreuze. Und überall schwarze Uniformen. Es ist Bücherverbrennung in Deutschland.

Ein Film zum passenden Zeitpunkt

Dies ist eine Schlüsselszene im Film "Die Bücherdiebin", der gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist. Der Zeitpunkt hätte nicht passender gewählt sein können. Es ist Lesezeit in Deutschland. In Leipzig trifft sich die Welt der Verlage und Autoren zur Buchmesse, in Köln strömen die Menschen zu Tausenden zu den Lesungen der lit.COLOGNE. "Die Bücherdiebin" könnte die perfekte Ergänzung dazu sein, handelt der Film doch vom Lesen als lebensrettendem Akt, vom Wert der Kultur in düsteren Zeiten.

Schriftsteller Markus Zusak (Foto: imago/STAR-MEDIA)

Markus Zusak

2005 erschien der Roman des Australiers Markus Zusak in seiner Heimat, zwei Jahre darauf auch in deutscher Übersetzung. Das Buch entwickelte sich zu einem Weltbestseller, wurde in 40 Sprachen übersetzt. Zusak, geboren in Sydney, hat eine deutsche Mutter, sein Vater kommt aus Österreich. Inspiriert zu seinem Buch wurde er durch die Erzählungen seiner Eltern, sagt der Autor. Die hätten ihm zu Hause am Küchentisch vom 2. Weltkrieg erzählt: "Man hatte das Gefühl, als würde unsere Küche zu einem Teil von Europa, wenn meine Mutter und mein Vater von ihrer Kindheit in Deutschland und Österreich, von den Bombardierungen Münchens und von den Gefangenen erzählten, die die Nazis im Marschschritt durch die Straßen trieben." Diese Geschichten hätten ihn später dazu gebracht, Schriftsteller zu werden.

Ein junges Mädchen und die Kraft der Literatur

"Die Bücherdiebin" erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Liesel, die bei Pflegeeltern aufwächst. Ihrer Mutter, einer Kommunistin, hatte man das Kind weggenommen. Lisa wächst in einer deutschen Kleinstadt auf, und weil ihre Pflegeeltern das Herz auf dem rechten Fleck haben, nehmen die auch einen Juden auf, verstecken ihn im Keller. Liesel, die anfangs weder lesen noch schreiben kann, begreift durch diesen jüdischen Flüchtling, aber auch durch ihren Pflegevater, dass das Lesen, die Bücher, für eine ganz andere Welt stehen als die, die die braunen Machthaber um Adolf Hitler verkörpern.

Filmszene aus Die Bücherdiebin: Liesel (Sophie Nélisse) mit ihren Pflegeletern (Emily Watson und Geoffrey Rush) (Foto: 2013 Twentieth Century Fox).

Liesel (Sophie Nélisse) mit ihren Pflegeletern (Emily Watson und Geoffrey Rush)

"Es war eine Zeit der größten Gefahren, eine Zeit, in der das Böse dominierte", erzählt Zusak. Ihn hätten diese selbstlosen und gütigen Taten, die es in diesen düsteren Zeiten auch gegeben hat, inspiriert: "Genau davon handelt 'Die Bücherdiebin' - es geht darum, Schönheit selbst unter den hässlichsten Lebensumständen zu entdecken." Ein zentrales Thema der Geschichte sei dabei, dass Hitler die Menschen, das deutsche Volk, mit seinen Worten zerstört habe. "Liesel holt sich diese Worte zurück, sie stiehlt sie und schreibt dann mit ihnen ihre eigene Geschichte."

Gedreht in Babelsberg

Der fast 600 Seiten starke Roman richtete sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum, das durch die hoffnungsvoll stimmende Geschichte eines heranwachsenden Mädchens in schwierigen Zeiten mit einem ernsten historischen Thema konfrontiert wurde. Die Romanverfilmung nun wurde mit großem Budget und internationaler Besetzung gedreht. Zwar ist "Die Bücherdiebin" eine deutsch- amerikanische Co-Produktion, die in den Babelsberger Filmstudios und im ostdeutschen Görlitz entstand, doch die Produzenten kommen aus Hollywood. Und wie ein Hollywood-Film für ein großes, globales Weltpublikum, so ist "Die Bücherdiebin" auch geraten.

Filmszene aus Die Bücherdiebin: Im Keller liest Liesel dem jüdischen Flüchtling Max (Ben Schnetzer) aus Büchern vor (Foto: 2013 Twentieth Century Fox)

Im Keller liest Liesel dem jüdischen Flüchtling Max (Ben Schnetzer) aus Büchern vor

Aus 600 Seiten Romanvorlage einen Zwei-Stunden-Film hinzukriegen, ist schwer genug. Das Thema Nationalsozialismus erfordert darüber hinaus besondere Sensibilität. Leider hat das Buch die Adaption zum Film nicht gut überstanden. "Als hätte sich ein filmischer Zuckerguss über die Erinnerung an die NS-Zeit und den Holocaust gelegt", drückte es ein Kritiker aus. Die Romanverfilmung der "Bücherdiebin" krankt an den Symptomen schon so vieler Filme mit Nazi-Thematik früherer Jahre.

Die Ausstattung ist scheinbar perfekt, die Kulissen, Straßen und Häuser, NS- und SS-Uniformen blitzen und blinken, die Deutschen sind blond und die Opfer wohnen in ärmlichen Verhältnissen. Doch ein Eindruck von Authentizität stellt sich beim Zuschauer nicht ein. Irgendwie kommt einem die Szenerie sowieso bekannt vor. "Die Bücherdiebin" wurde zum Teil in den gleichen Kulissen gedreht wie die jüngsten Babelsberg-Produktionen "Grand Budapest Hotel", "Monuments Men" oder der thematisch verwandte Film "Die Vorleserin".

"Die Macht der Worte"

"Liesel beginnt, die Worte und deren Macht zu verstehen", charakterisiert Regisseur Brian Percival seine Hauptfigur. "Sie erkennt, dass man Worte für Gutes einsetzen kann, sie aber auch dem Bösen dienen können. Als ihr das bewusst wird, kann sie ihr Leben verändern und Entscheidungen treffen - sie hat Wahlmöglichkeiten, die sie davor, vor ihrem ersten Buch, nie gehabt hätte." Das sei der Schlüssel für die Kraft ihres Geistes.

Filmszene aus Die Bücherdiebin: Immer ein Buch in der Hand - Liesel (Sophie Nélisse) (Foto: 2013 Twentieth Century Fox)

Immer ein Buch in der Hand: Liesel (Sophie Nélisse)

Es mag so sein: Regisseur, Schauspieler und Filmteam hatten Bestes im Sinne - aus einem erfolgreichen Jugendroman einen Film zu drehen, der ein größeres Publikum im Auge hat. Hochglanz sei im Buch an keiner Stelle zu finden gewesen, urteilte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Eine wesentliche Dimension der literarischen Vorlage sei so verloren gegangen. Der differenzierte Blick des Romans, die ausführliche Charakterisierung der Personen, all das ist im Film auf der Strecke geblieben. Man sollte das Buch aus dem Regal hervorholen und es lesen. Damit ist dem Thema in diesen Tagen besser gedient.

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