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Ostmitteleuropa

Im Kampf gegen den "weißen Tod" völlig machtlos

- Litauen scheint den Feldzug gegen Drogen zu verlieren

Vilnius, 3.5.2002, ATGIMIMAS, lit.

Im letzten Jahr hat es in Litauen insgesamt 1039 Gerichtsverfahren gegeben, die mit Drogen in Verbindung standen. Es waren um 113 oder 12,2 Prozent mehr als im Jahre 2000. Diese Straftaten machen 1,3 Prozent aller in Litauen begangenen Straftaten aus (im Jahre 2000 waren es 1,1 Prozent).

Diese Zahlen sind ein Hinweis darauf, dass das Drogenproblem immer ernster wird. Es gibt Angaben, denen wir noch Genaueres entnehmen können.

In den vergangenen fünf Jahren ist die Anzahl der Straftaten in Verbindung mit Drogen um 65 Prozent angestiegen. In den letzten zehn Jahren um das Vierfache.

Die meisten Strafverfahren (954) wurden wegen illegaler Herstellung von Drogen und psychotropischen Substanzen, deren Besitz, Erwerb, Versand, Verkauf oder wegen anderer Methoden, mit denen Drogen in Umlauf gebracht werden, eingeleitet.

Die meisten Drogenabhängigen, nämlich 524 (pro 100 000 Einwohner), gibt es in der Stadt Visaginas (hier befindet sich das Atomkraftwerk Ignalina), gefolgt von Klaipeda mit 230, dem Bezirk Birzai (ebenfalls 230) und der Stadt Vilnius (225). (...)

Als die gefährlichste Droge gilt Heroin. Statistiken der letzten Jahre ist zu entnehmen, dass Heroin innerhalb einer recht kurzen Zeit - von 1999 bis 2000 - zur meist gebrauchten illegalen Droge auf dem litauischen Markt geworden ist. Nach Angaben von Dangis Krisciunas, eines hochrangigen Mitarbeiters des Amtes für Drogenkontrolle, wird immer mehr Heroin beschlagnahmt und die Straftaten in Verbindung mit Heroin-Besitz und Heroin-Handel nehmen zu. Im letzten Jahr sei drei Mal so viel Heroin beschlagnahmt worden wie im Jahre 2000. Eingeführt werde Heroin nach Litauen zur Zeit hauptsächlich über die so genannte Seidenstraße: aus asiatischen Ländern (Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan), Russland und Weißrussland. Aus Litauen wird es mit der Fähre oder auf dem Landwege in die Länder Skandinaviens, nach Polen und das russische Gebiet Kaliningrad gebracht. Häufig gelangt Heroin nach Kaliningrad auch auf dem Eisenbahnwege.

Im vergangenen Jahr wurden in Litauen auch 129 Gramm Kokain beschlagnahmt. Diese relativ geringe Menge ist ein Hinweis darauf, dass Kokain in unserem Land nicht sehr beliebt ist. Höchstwahrscheinlich ist dies auf den relativ hohen Preis für Kokain zurückzuführen. Diese Droge gelangt nach Litauen über westeuropäische Flughäfen aus Südamerika und der Karibik.

Wie überall in der Welt ist Kanabis eine der beliebtesten Rauschgiftsubstanzen in Litauen. (...) Kanabis ist bei Teenagern beliebt, denn es ist billiger als andere Drogen. Eingeführt wird es nach Litauen hauptsächlich aus den Niederlanden und aus Spanien. Gelegentlich wird es in Litauen angebaut, die hiesige Qualität ist jedoch wesentlich schlechter.

Beherrscht wurde Litauens Schwarzmarkt mit synthetischen Drogen im letzten Jahr eindeutig von Metamphetaminen, die zuvor kaum bekannt waren (seit Anfang 2000 in Umlauf). Bekannt sind aber auch Amphetamine, LSD und Ecstasy, Psilocibin, Flunitrazepam und andere Drogen. Beobachtet wird aber auch ein neuer Trend, da sich die Droge GHB rapide verbreitet. Nach statistischen Angaben der letzten fünf Jahre ist diese Substanz besonders bei jungen Menschen beliebt.

Litauens Bürger werden immer häufiger in das internationale Drogengeschäft verwickelt. 1999 wurden beispielsweise nur 23 Bürger Litauens wegen des Vorwurfs des Drogenhandels festgenommen; im Jahre 2001 waren es bereits 68 (63 im Jahre 2000). (...)

Nach Schätzungen verschiedener Fachleute könnte sich der Drogenschmuggel über die baltischen Länder in den kommenden Jahren verfünffachen beziehungsweise verzehnfachen, da die Kontrollen von deren Transit aus Afghanistan und anderen zentralasiatischen Ländern in letzter Zeit schwächer geworden sind. (...)

Der Kampf der Polizei gegen den illegalen Drogenhandel geht offenbar an der Drogensituation im Lande vorbei. Es ist ganz offensichtlich, dass an diesem Kampf zu wenig Polizisten beteiligt sind. Hinzu kommt, dass die Kriminalpolizei in diesem Kampf nicht einheitlich vorgeht, da ein Teil für Fälle zuständig ist, in denen es um organisiertes Verbrechen geht, ein anderer wiederum für strafrechtliche Ermittlungen. Daher müssen Drogen-Spezialisten immer häufiger in Strafsachen ermitteln, die mit Drogen nichts zu tun haben. Hinzu kommt, dass es ihnen häufig an der Telekommunikationsausrüstung, der Software und an Transportmöglichkeiten fehlt. Ihre Computerausrüstung ist veraltet. Es kommt nicht selten vor, dass die Räumlichkeiten, in denen sie arbeiten, den sanitären Anforderungen nicht gerecht werden. (...)

Der illegale Drogenhandel in unserem Land nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an. Die Situation gerät praktisch außer Kontrolle. Aber können sie denn 30 Polizisten in den Griff kriegen? Auch wenn es sich um die besten handelt?

Was wir sehen, sind lediglich Routinerazzien in der Zigeunersiedlung (in der Nähe von Vilnius), wo eine oder zwei Nadeln mit irgendeiner Flüssigkeit beschlagnahmt werden, während die Ältesten dieser Gemeinde öffentlich beteuern, keine Drogen mehr zu verkaufen. Das zeigt, dass wir im Kampf gegen Drogen "immer noch keinen Staat haben", wie es ein Politiker ausdrückte. Wir haben keinen Staat, denn unser Staat ist zur Zeit im Kampf gegen 'den weißen Tod' völlig machtlos. (TS)

  • Datum 14.05.2002
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