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Politik

Im größten Roma-Slum der Welt

Allein in diesem Jahr sollen mehrere hundert Roma-Familien aus Deutschland abgeschoben werden - viele von ihnen werden in Elendsvierteln auf dem Balkan landen. Das größte von ihnen ist Shutka in Mazedonien.

Roma-Kinder (Foto: DW/ako)

Lachen im Elend: Roma-Kinder in Shutka

Kinder in der Schule (Foto: DW/ako)

In der Roma-Schule lernen die Kinder das Nötigste

Wenn Vesna den heruntergekommenen Klassenraum betritt, wird sie von den Roma-Kindern freudig begrüßt. Die Mitarbeiterin des Hilfszentrums "Nadez" bringt Secondhand-Kleidung und Schuhe. Seit 16 Jahren kümmert sie sich um die Familien in Shutka, der größten Roma-Siedlung der Welt. Initiiert wurde das Projekt von der deutschen Caritas, die den Roma in Mazedonien helfen wollten. "Nadez" wird von der EU und von deutschen Hilfsorganisationen mitfinanziert. Der Name des Hilfszentrums ist Programm: "Nadez" heißt übersetzt "Hoffnung".

"Als ich angefangen habe, hier mit Roma-Familien zu arbeiten, war ich von der Armut entsetzt", erzählt Vesna. "Ich habe überall Kleidung gesammelt für die Kinder. Mittlerweile versuchen wir, den Kindern auch langfristiger zu helfen, zum Beispiel durch diese Schule." Denn die Helferin ist überzeugt: "Bildung ist der einzige Weg, hier rauszukommen."

Wellblechhütten und Müll

Müll an den Straßen (Foto: DW/ako)

Müll an den Straßen

Draußen wartet das Elend: Bis zum Horizont reiht sich Wellblechhütte an Wellblechhütte, dazwischen stapelt sich der Müll. Die meisten Roma sind während der Kosovo-Kriege nach Mazedonien geflohen - und geblieben. Hier haben Roma etwas mehr Rechte als anderswo, sie werden in Shutka nicht vertrieben. Der Slum wächst täglich weiter.

Bairam und seine Mutter vor ihrer Hütte (Foto: DW/ako)

Bairam und seine Mutter vor ihrer Hütte

Der achtjährige Bairam zeigt sein Zuhause. Ein Verschlag aus Wellblech, ein winziger Raum, in dem er mit seiner Mutter auf Matten schläft. Es gibt kein fließend Wasser, keine Kanalisation, keine Heizung. Und dabei wird es in Mazedonien im Winter eisig kalt.

Bairams Mutter umarmt ihren Kleinen: "Ich bin nicht wichtig, ich denke nicht an mich", sagt sie. "Aber mein Sohn sollte in einer besseren Umgebung aufwachsen. Ich würde mir so sehr ein zweites Zimmer wünschen oder vielleicht Strom oder fließendes Wasser." Die Mutter hofft, dass ihr Kind irgendwann rauskommt aus dem Elendsviertel, die Schule beendet und einen Beruf erlernt.

Betteln statt Bildung

Ein Kind vor Säcken mit Plastikflaschen (Foto: DW/ako)

Säcke voller Plastikflaschen: Ganze Familien ernähren sich vom Sammeln

Viele Eltern schicken ihre Kinder eher betteln als zum Schulunterricht. Kinder erwecken schneller Mitleid. In Skopjes Innenstadt tummeln sie sich überall zwischen den Gucci- und Prada-Läden und halten ihre kleine, schmutzige Hand auf. Jeder Cent, den man ihnen gibt, ist für die Eltern ein weiteres Argument, die Kinder nicht zur Schule zu schicken. Hygiene-Standards existieren nicht: Die Kinder haben Läuse, sind verschmutzt. Manche wirken kleinwüchsig und zurückgeblieben, als Folge der schlechten Ernährung.

Wer nicht bettelt, sammelt Plastikflaschen. Ganze Familien ernähren sich durch den Verkauf von Müll. In diesen Strukturen hat Schulbildung für die Kinder oftmals keinen Platz. Denn die Roma leben nach strengen Traditionen. Dazu gehört auch, dass Mädchen oft schon mit zwölf Jahren verheiratet werden.

Deutsche Rückkehrer

Ein Kind in Shutka (Foto: DW/ako)

Ungewisse Zukunft

In der Hütte nebenan wird deutsch gesprochen. Das ist in Shutka normal. Viele der Roma-Familien hier haben als Flüchtlinge jahrelang in Deutschland gelebt. Sie hatten sich an den deutschen Lebensstandard gewöhnt. Dann wurden sie abgeschoben - in den Slum.

"Das ist für sie ein wahnsinniger Kulturschock", sagt Ellen Glissmann. Die deutsche Sozialarbeiterin kümmert sich schon seit Jahren um Rückkehrerfamilien auf dem Balkan. "Die ersten Wochen, Monate sind die Rückkehrer-Familien oft gar nicht ansprechbar. Sie sind froh, wenn sie jemanden treffen, der deutsch spricht - und davon gibt es hier viele."

Familien vor dem Nichts

Allein in diesem Jahr sollen mehrere hundert Roma-Familien aus Deutschland auf den Balkan abgeschoben werden - viele von ihnen werden in Elendsvierteln wie Shutka landen. "Die meisten Familien waren sehr lange in Deutschland, zehn, zwölf Jahre", sagt Glissmann. "Die Kinder sind in Deutschland geboren, haben deutsche Kindergärten und Schulen besucht - und auf dem Balkan stehen sie vor dem Nichts."

Ein Kind mit einem Fußball (Foto: DW/ako)

Kein Platz zum Fußballspielen: Kindheit in Shutka

Für die abgeschobenen Familien sei offiziell niemand zuständig, schildert Glissmann. "Die stehen am Flughafen in Skopje und wissen nicht weiter. Oft existieren ihre alten Hütten nicht mehr, da wurden sie vor zehn Jahren vertrieben." Viele könnten bei Verwandten unterschlüpfen, aber für die Kinder sei die Situation ein Schock, so Glissmann. "Die Kinder sprechen in der Regel kein Wort Mazedonisch. Und diese Kinder muss man dann hier in die Schule integrieren. Oft bedeutet das: Zwölfjährige sitzen in der ersten Klasse."

Langsame Schritte

Ein Kind in Shutka (Foto: DW/ako)

Viele Kinder haben keine Chance auf einen Schulabschluss

Auch Vesna, die Helferin aus Shutka weiß: Die meisten der Kinder, die sie hier betreuen, haben keine Chance auf einen Schulabschluss, auf ein Leben außerhalb Shutkas. Trotzdem macht sie weiter: "Unser Wunsch ist, dass die Kinder hier in der Schule ein bisschen etwas lernen, dass sie etwas mehr Bildung haben als ihre Eltern", sagt sie. "Schritt für Schritt, Generation für Generation wird es hier besser werden. Vielleicht können die Kinder dieser Kinder irgendwann einmal den Slum verlassen und einen Beruf ausüben. Dann hätten wir gesiegt. Wir geben niemals auf."

Vesna streicht einem Kind über den Kopf. Dann säubert sie sich ihre Hände an einem Desinfektionstuch.

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Dirk Eckert